24.07.2016
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Offene Ateliers in Siegburg: Kreatives Chaos und meditative Stille

Klare Aussage: Im kreativen Chaos entsteht die kritische Kunst von Hermann Josef Hack, der die „Aida Lampedusa“ vom Stapel lässt.

Klare Aussage: Im kreativen Chaos entsteht die kritische Kunst von Hermann Josef Hack, der die „Aida Lampedusa“ vom Stapel lässt.

Siegburg -

Früher wurden hier Pilze gezüchtet, seit einem Dutzend Jahren ist die ehemalige Champignonfabrik am Hohlweg städtisches Atelierhaus. Und fruchtbarer Nährboden für künstlerisches Tun. Einmal im Jahr öffnen die hier tätigen Kreativen ihre Ateliers zum Dialog bei Musik und Getränken. Beides ist möglich: das Gespräch und das stille Betrachten. Essen gibt es im Raum von Karl-Heinz Löbach, der eigene Arbeiten und die seiner Schüler dafür ins Freie räumt. Hier begrüßt auch die Gemeinschaft „Wir im Atelier 8“ die Gäste. Karen Lerch, Sigrid Mülders und Barbara Lehnert, die seit sechs Jahren hier arbeiten, gemeinsam mit Annette Preiß, Vera van Kaldenkerken-Wistuba und Kathrin Hertgens, die später dazustießen. Ein Raum, um sich mit Materialien auseinanderzusetzen, wie Karen Lerch erklärt – mal in der Gruppe, mal jede für sich. Die Ergebnisse sind so unterschiedlich wie die Persönlichkeiten.

Robuste und fragile Arbeiten

Nebenan hat Christine Ludwigs ihr Atelier, die zur Stammbesatzung des Hauses zählt und schon sehr lange als Künstlerin arbeitet. 40 Jahre Arbeit stehen auf Leinwänden im Regal, stapeln sich in Mappen voller Zeichnungen und Radierungen. Auf vielen Ebenen ist Ludwigs aktiv, der Mensch ist ebenso Thema ihrer Kunst wie Strukturen. „Die Landschaft kommt langsam hinzu“, benennt sie eine neuere Entwicklung. Arbeiten aus der Siegburger Partnerstadt Werder an der Havel, aber auch vom Mühlengraben, legen bildnerisches Zeugnis dafür ab.

Dass es ruhig ist, fällt Ludwigs am Atelier in der ehemaligen Fabrik, und dass sie Platz hat für große Formate. Kalt sei es aber auch im Herbst und Winter. „Ich arbeite viel mit Modellen, die kann ich hier nicht stehen lassen.“ Von Anfang an sind auch Karin Dornbusch und Ria Penders dabei, die beide die Alanus-Hochschule in Alfter absolviert haben und sich schon vor dem Einzug am Hohlweg kannten. Keramik nimmt trotz ihrer Öffnung auch zur Malerei hin nach wie vor einen großen Anteil im Schaffen von Dornbusch ein. Strukturen, die sie zum Beispiel altem Holz abschaut, prägen ihre neuen Arbeiten. Mit Schrift und Sprache arbeitet Ria Penders. „Ich habe schon immer Texte in meine Bilder eingearbeitet“, erklärt sie. Aus einer winzigen Dose, einst für Pfeifenfilter hergestellt, faltet sich ein eigener Text auf. Neu sind Leporellos, für die sie Worte, Phrasen und einzelne Buchstaben ausschneidet und zu Geschichten mit Bildern kollagiert.

Weit robuster sind die Arbeiten von Hermann Josef Hack, der auf Zelt- oder Lkw-Planen seine Inhalte transportiert. „Die Welt ist mein Atelier“, sagt der Künstler, „hier ist das Basislager.“ Seit vielen Jahren macht Hack auf die Situation von Flüchtlingen aufmerksam, auf Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen ebenso wie die, denen der Klimawandel die Heimat nimmt. Auch in der Kunst von Hermann Josef Hack spielen Sprache und das Wort eine wichtige Rolle. „Upcycling“ ist ein Teil des Projekts, Wiederverwertung, auch dann, wenn er, wie im Mai, Bilder an Flüchtlinge im Libanon verschenkt. „Wo sie gut zum Ausbessern der Notunterkünfte gebraucht werden konnten.“

Herrscht bei Hack das kreative Chaos, findet der Besucher bei KP Kremer eine fast meditative Stimmung. Mit Farbflächen und Linien setzt sich der 71-Jährige in seinen abstrakten Werken auf Papier oder Leinwand auseinander. Wie viele Arbeitsschritte in scheinbar monochromer Kunst stecken, erkennt der aufmerksame Betrachter oftmals erst beim Blick auf die Kanten des Keilrahmens. Eine spannende Entwicklung lässt sich bei Ines und Christoph Hasenberg beobachten, die vor zwei Jahren eines der Ateliers bezogen haben. Während die Keramikerin in ihren Arbeiten immer freier wird – und sich längst von der reinen Gebrauchskeramik gelöst hat –, vollzieht Ehemann Christoph eine Hinwendung von der Abstraktion zur Gegenständlichkeit. Mächtige Kirchengewölbe erkennt der Betrachter auf der Leinwand, und Straßenszenen aus Siegburg. Vom Fotorealismus, wie ihn am Wochenende Jürgen Schmitz in seiner Galerie an der Ringstraße zeigte, ist Hasenberg allerdings noch weit entfernt. „Die Straßenecke gibt es gar nicht“, erklärt er. Wie ein Kaleidoskop hat er das Bild der Kaiserstraße aufgebrochen.