30.07.2016
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Wölfe: Die Rückkehr der Wölfe

Erst seit zwölf Jahren ist der Wolf in Deutschland wieder heimisch geworden.

Erst seit zwölf Jahren ist der Wolf in Deutschland wieder heimisch geworden.

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dpa

Siebengebirge -

Mehr als 1000 Kilometer hat er zurückgelegt, Staatsgrenzen überwunden, Landesgrenzen hinter sich gelassen. Doch als der Wolf Rheinland-Pfalz und schließlich den Westerwald erreicht, setzt ein tödlicher Schuss am Abend des 20. April seiner langen Wanderung ein plötzliches Ende: Ein 71 Jahre alter Jäger aus Bad Honnef (Rhein-Sieg-Kreis) legt an und schießt. Der Kadaver wird nur durch Zufall entdeckt, die Naturschützer schlagen Alarm. Erst zwei Tage meldet sich der Schütze bei der Polizei, er habe das Tier für einen wildernden Schäferhund gehalten und im Wald zurück gelassen.

Weil das Mitglied des Hegerings Siebengebirge aber Widerspruch gegen einen Strafantrag der Koblenzer Staatsanwaltschaft in Höhe von 2500 Euro einlegt, muss sich der Jäger am Freitag, 14. Dezember, vor dem Amtsgericht in Montabaur für den Todesschuss verantworten. Noch vor der Gerichtsverhandlung fordern indes nicht nur Jäger und Naturschützer ein strenges Vorgehen gegen den Mann, der noch dazu in einem ihm fremden Gebiet auf die Jagd gegangen ist – warum, auch das muss nun vor Gericht geklärt werden.

„Es geht in jedem Fall um einen schießwütigen Kollegen, der dem Ruf aller Jäger schadet“, sagt Georg Zumsande, selbst Mitglied im Hegering Siebengebirge und Jagdaufseher. „Der Schuss hätte niemals fallen dürfen, selbst wenn dort wirklich ein Hund gewildert hätte.“ Der Vorstand des Hegerings gibt sich indes abwartend: „Wir wollen keinem juristischen Urteil vorgreifen“, sagt Rolf Werning, der Vorsitzende. Erst nach dem Prozess werde über die weitere Mitgliedschaft des Mannes im Hegering entschieden. Längst ist zudem eine Diskussion entbrannt, wie Tiere, die als nahezu ausgestorben gelten, aber heute in ihre früheren Lebensräume zurückkehren unterstützt werden können (siehe unten).

Fast 120 Jahre galt der Wolf als ausgerottet, erst seit zwölf Jahren ist er in Deutschland wieder heimisch, nachdem sich ein Rüde 1995 auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Muskauer Heide (Sachsen) angesiedelt hatte. Das Tier sollte nicht lange allein bleiben: 1998 kam eine Wölfin hinzu, seither lebt dort ein ganzes Rudel. Eingewandert waren beide aus Polen, während der im Westerwald erschossene Wolf nachweislich aus Italien stammt, Tierfreunde tauften ihn „Pierre-Luigi“.
Nach Angaben von Vanessa Ludwig, Projektleiterin der „Wolfsregion Lausitz“ in Rietschen (Landkreis Görlitz), sind in Deutschland derzeit 16 Wolfsrudel nachgewiesen, zwölf davon in Sachsen und Südbrandenburg. Zudem gebe es bundesweit ein weiteres Wolfspaar und sechs einzelne Tiere. Von einer günstigen Situation könne man aber auch heute noch nicht sprechen, bedauert Ludwig: „Das wäre erst bei 1000 erwachsenen und fortpflanzungsfähigen Tieren der Fall.“ Eine Prognose möchte sie nicht wagen: „Auf Grund der großen Anpassungsfähigkeit des Wolfes ist jedoch damit zu rechnen, dass er sich weiter ausbreitet.“

Zuletzt wurden in der Lüneburger Heide drei Jungwölfe gesichtet, zudem hat sich ein junger Rüde im Kreis Segeberg (Schleswig-Holstein) niedergelassen, von ihm gibt es seit dem vergangenen Juli etliche Aufnahmen aus so genannten Fotofallen. „Und diese beweisen, dass das Tier tatsächlich bei uns bleibt“, bestätigt Janine Kreis vom jüngst gegründeten Wolfsinformations-Zentrum im Wildpark Eekholt bei Großenaspe. Sie vermutet, dass der Wolf aus Mecklenburg-Vorpommern stammt. „Sollten ihm noch weitere Tiere folgen, so sind wir auf jeden Fall auf sie vorbereitet“, betont die Expertin und lobt das Land Schleswig-Holstein dafür, dass jenes Informationszentrum im voraus etabliert wurde. „Denn früher gab es nur vage Hinweise darauf, dass der Wolf irgendwann auch in den Norden kommen könnte.“

Obwohl der Wolf schon lange in Sachsen lebt, so ist sein Vorkommen dort noch immer nicht selbstverständlich: „Das wird noch eine ganze Zeit brauchen“, ahnt Wolfgang Riether, Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Konfliktfrei wird diese Beziehung nie sein. Dazu sitzen die Jahrhunderte alten Ängste der Menschen zu tief“, urteilt Riether. Auch fürchtet er, dass die Jäger auf solches Wild ebenfalls Ansprüche erheben könnten.

Dem widerspricht Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdschutzverbandes (DJV) mit Sitz in Berlin. Er verweist auf „mehrere hundert Jäger bundesweit“, die sich derzeit zu Wolfsbeauftragten ausbilden ließen, finanziert durch den Verband, und die niedersächsische Bildungsinitiative „Wölfen auf der Spur“: „Diese wurde ins Leben gerufen, um das Thema »Rückkehr der Wölfe« in die Schulen zu transportieren.“ Aber sind Jäger heute überhaupt in der Lage, einen Wolf zu erkennen und im Ernstfall von einem Hund zu unterscheiden? „Natürlich, ja“, sagt Reinwald. „Grundlage ist unter anderem eine fundierte Artenkenntnis, die Jäger in einer umfassenden Ausbildung erlangen.“ In 120 Stunden Theorie plus Praxisunterricht lernten die Prüflinge nicht nur Tiere und Pflanzen zu bestimmen. „Weitere wichtige Fächer sind etwa Naturschutzrecht, Waffenhandhabung oder Jagdrecht. Jäger sind Naturschützer mit staatlicher Prüfung.“

Das Verhalten des Jägers aus Bad Honnef sei scharf zu verurteilen und nicht zu entschuldigen. Gleichwohl will der DJV ebenfalls den Prozess in Montabaur abwarten und erst bei einer rechtskräftigen Verurteilung ein verbandsinternes Disziplinarverfahren anstrengen. Bei einer Verurteilung durch das Gericht könnte es zu einer Haftstrafe von maximal drei Jahren kommen.

Die Kreisjägerschaft Rhein-Sieg will unterdessen weiteren Vorfällen vorbeugen und organisiert Lehrfahrten, etwa in den thüringischen Hainich. Dort leben große Wildkatzen-Vorkommen. „Und zuletzt waren wir in der Lausitz, um uns über Wölfe aufklären zu lassen“, schildert Norbert Möhlenbruch aus Hennef, Vorsitzender der Kreisjägerschaft und selbst Forstdirektor.
Trotz rückläufiger Pachtzahlungen und einer schwierigeren Jagd begrüße er die Rückkehr des Wolfes: „Denn sie verdeutlicht das immer noch große Potenzial unserer Landschaft trotz aller Veränderungen.“