Region - 11.08.2011

Stockhausen

Ein Kampf mit der Posaune

Von Gisela Schwarz

Stockhausens Oktophonie versetzte das Publikum in der Kürtener Sülztalhalle in einen Schwebezustand. Die sphärischen Klänge aus acht Kanälen versetzten die Menschen in einen meditativen Zustand, manch einer kämpfte sogar gegen das Wegdämmern.

Harmlos begann das vierte Stockhausen-Konzert in der Sülztalhalle: Elektronisch erzeugte Klänge wanderten in endlos scheinenden Sequenzen durch den großen Raum, umrundeten die vielen Zuschauer, flogen über ihre Köpfe hinweg oder wuselten über den Boden. Die sphärischen Klänge aus acht Kanälen versetzten die Menschen in einen meditativen Zustand, manch einer kämpfte sogar gegen das Wegdämmern. Doch bei der Oktophonie aus dem zweiten Akt aus der Oper „Dienstag“ im Zyklus „Licht“ geht es nicht um Wohlgefühl, sondern um „Signale zur Invasion“, um den Kampf der Michael-Gruppe gegen Luzifer, das Gute gegen das Böse.

Simulierter Absturz

Jäh wird deshalb die neue „Weltraumerfahrung“ unterbrochen durch einen simulierten Flugzeugabsturz; in Rotationen fallen Klangbomben auf den Boden, spiralförmig schnellen Akkorde von rechts nach links, kreuz und quer durch den dunklen Raum. In einer Ecke wird es hell, im schwarzroten Weltraumanzug schleicht ein Posaunist durch den Raum, setzt rasch wechselnde Signale ab mit heftigen Klangzeichen – Angriff und Verteidigung mitten im Publikum, mitten in der elektronischen Klangwelt, die Kathinka Pasveer am Mischpult steuert.

Auf leisen Sohlen wandert Andrew Digby durch den dunklen Saal, sichert sich ab mit aggressiven Tönen, die Posaune wirkt wie ein blitzendes Schwert. Nach seinem Abgang taucht aus dem Dunkel ein Paar auf: In Zeitlupe entwickelt Eva jene Armbewegung, mit der die Gottesmutter Maria ihren toten Sohn in den Armen hält – die Pietà. Nur fiktiv hält Eva alias Agata Zubel den toten Michael auf ihrem Schoß, hinter ihr taucht eine silbern glänzende Gestalt auf – die Seele des Michael alias Marco Blaauw mit dem Flügelhorn.

In fünf Oktaven, mit Kussgeräuschen und Zungen-Triller empfängt die Michael-Seele die Herzenswünsche von Eva: „Liebe heile deine Wunden...“, die von Zubel in langen Glissandi mit nie endenden Atem gesungen werden. Erinnerungen tauchen auf an die Bach-Passionen. Jahrhunderte später geschrieben, übt die Stockhausen-Pietà eine ähnliche Faszination aus. Übergangslos schwebt die Szenerie weiter durch den Raum – „Synthi-Fou“, ein losgelöstes glückliches Wesen, taumelt mit leichten Händen über die Tasten am Synthesizer, geht einen Dialog ein mit der Musik aus dem Weltraum. Clownesk löst Antonio Pérez Abellán die düsteren Szenen auf – nach über einer Stunde. Doch die Betroffenheit des Publikums konnte „Synthi-Fou“ nicht wegwischen. Die Kampfgeräusche und die Pietà erinnerten zu sehr an die momentanen Kriegsschauplätze.

Grandios gestaltete sich auch das Konzert mit Werken aus der Oper „Montag“ aus dem Zyklus „Licht“: „Luzifers Zorn“ mit den kakophonischen Lauten aus dem Alphabet, grandios gesungen von Bassist Nicola Isherwood und seien Gegenspieler, dem Akteur Alain Louafi. Stehende Ovationen gab es für Suzanne Stephens (Bassetthorn) und Kathinka Pasveer (Altflöte) für das „Ave“. Stockhausen hätte es auch begeistert.

Artikel URL: http://www.ksta.de/region/stockhausen-ein-kampf-mit-der-posaune,15189102,12491938.html
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