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Lyondell Basell: Gift aus dem Baggersee

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Bei einer öffentlichen Begehung im vergangenen Jahr geht eine Frau am belasteten Wasser vorbei. Foto: Archiv
Wenn Toni Braicks an den Fisch aus dem Immendorfer Baggersee denkt, den er vor drei Jahren verspeist hat, graust ihm. Im Nachhinein erfuhr er, dass der See mit Chemikalien verseucht ist: von der Werksfeuerwehr einer Fabrik.  Von
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Immendorf

„Meine Frau hatte den Fisch sehr gut zubereitet“, sagt Toni Braicks. Er erinnert sich noch gut daran, wie er vor drei Jahren zum letzten Mal einen Fisch verspeiste, den seine Frau Gloria aus dem Immendorfer Baggersee geangelt hatte. Obwohl ihm das Essen damals geschmeckt hat, denkt er mit Grausen daran zurück. Denn wenige Tage später gab die Stadt bekannt, dass das Angelrevier mit Perfluorierten Tensiden (PFT) verseucht war. Die Chemikalie steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Schuld waren PFT-haltige Löschschäume, die die Werksfeuerwehr des benachbarten Chemieunternehmens Lyondell Basell bei Übungen auf dem Wesselinger Gelände verwendet hatte. Sie versickerten, gelangten ins Grundwasser – und so auch in die Kiesweiher und letztlich in den Fisch auf dem Teller.

Bei einer routinemäßigen Probe der Angelgewässer zwischen Immendorf und Meschenich hatte das Umweltamt im Mai 2010 hohe Konzentrationen von PFT festgestellt. Seitdem quält Toni Braicks die Vorstellung, dass sich giftige Stoffe in seinem Körper befinden. Der 70-jährige Immendorfer ist wütend und verunsichert. Er will nicht weiter schweigen, nach drei Jahren will er darauf aufmerksam machen, dass Menschen leiden und die Kiesgewässer immer noch verseucht sind. Das Bade- und Angelverbot gilt nach wie vor.

Tenside werden nie mehr abgebaut

Mehr noch: Toni Braicks hat sich entschlossen zu kämpfen – nicht gegen das Gift in seinem Körper, aber gegen das Wesselinger Werk des Kunststoffherstellers Lyondell Basell. Er hat das Unternehmen verklagt wegen Gesundheitsgefährdung und erwartet Schadensersatz. Wenigstens eine finanzielle Wiedergutmachung hält er für angebracht – für die schlaflosen Nächte und dafür, dass er mit der Angst leben müsse, an Krebs zu erkranken. Seit dem 2. August liegt der Schriftsatz beim Landgericht Köln, wie Gerichtssprecher Christian Hoppe dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ bestätigte. Noch sei kein Termin für eine Verhandlung festgesetzt. Toni Braicks habe geklagt, nachdem das Unternehmen zuvor auf einen Vorschlag, sich außergerichtlich zu einigen, nicht eingegangen sei.

Zwar habe die PFT-Konzentration im Blut inzwischen abgenommen, sagt der Senior, aber ganz abgebaut würden die Tenside nie mehr. Das sei ihm bei medizinischen Untersuchungen bestätigt worden. „Ich kann einfach gar nichts dagegen tun, und ich weiß auch nicht, wie sich die Verseuchung weiter auswirken wird“, sagt er. Manchmal wache er in der Nacht schweißgebadet auf. Die ganze Ohnmacht gegen diese Stoffe in seinem Körper, die da nicht hineingehörten, werde ihm dann bewusst. Öfter habe er einen Ausschlag, auch jetzt ist er an Nacken und Kopf zu sehen. Vielleicht sei ja auch dieser auf die „innerliche Verseuchung“ zurückzuführen, glaubt Braicks. Oder vielleicht ist es auch die Psyche, die auf diese Weise rebelliere und den ständigen inneren Kampf nach außen sichtbar mache.

Kunststoffwerk soll sich bekennen

Toni Braicks zeigt ein Loch im Zaun, durch das Badegäste das Seen-Areal verbotenerweise betreten.
Toni Braicks zeigt ein Loch im Zaun, durch das Badegäste das Seen-Areal verbotenerweise betreten.
Foto: Süsser

Auch andere Bürger hätten verseuchte Fische verzehrt. Auch bei ihnen seien beim „Biomonitoring“ hohe PFT-Konzentrationen festgestellt worden, „fünfmal höher als erlaubt“, so Toni Braicks. Die umweltmedizinische Blutuntersuchung samt Beratung führte das Gesundheitsamt durch. Die meisten Betroffenen hätten sich aber inzwischen in ihr Schicksal ergeben, weil man ja doch nichts machen könne.

Es gehe ihm aber nicht nur um finanzielles Entgegenkommen, sagt der Immendorfer, der 25 Jahre lang Vorsitzender und Geschäftsführer des Ortsverbandes der Kölner Schwimmvereine war und sich lange Zeit im Vorstand des Immendorfer Bürgervereins engagierte.

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Das Kunststoffwerk solle sich zu dem Unglück bekennen, und der Schaden dürfe nicht einfach so in Vergessenheit geraten, fordert Toni Braicks. Denn die Gefahr bestehe nach wie vor – ebenso wie das behördliche Angel- und Badeverbot. Das aber würden unvernünftige Badefreunde zunehmend missachten, vor allem an den warmen Sommertagen. Auch illegale Angler habe er bereits beobachtet. Mit Kopfschütteln zeigt er die Stellen, an denen der Maschendrahtzaun durchgeschnitten ist, der die Baggerseen umgibt. „Das sind lauter Schlupflöcher“, sagt er nachdenklich. Die Bürger dürften nicht glauben, dass alles schon alles wieder gut sei.

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