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Nahversorgung: Der Einzelhandel verlässt das Dorf

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Seit dem Jahreswechsel ist die Metzgerei von Jürgen Gillessen geschlossen. Bis zuletzt stand Mutter Ursula hinter der Theke. Foto: Süsser
Mit der Metzgerei Gillessen bleibt ein weiteres Geschäft in Weiß geschlossen. Obwohl der Stadtteil wächst, reichen die Umsätze nicht zum Überleben, denn viele der jungen Familien kaufen außerhalb von Weiß ein.  Von
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Weiß

Früher war alles besser? – „Nicht alles, aber einiges schon“, sagt Jürgen Gillessen. Zum Jahreswechsel hat der Metzgermeister seinen Laden an der Straße „Auf der Ruhr“ geschlossen. Ein ganzes Jahrhundert wurden dort feine Fleisch- und Wurstwaren verkauft. In den vergangenen 41 Jahren führten die Gillessens die Metzgerei, zuerst die Eltern Kurt und Ursula, dann die „Jungen“ Jürgen und Bettina. Bis der Junior vor kurzem aufgegeben hat. „Es ging einfach nicht mehr, es war nichts mehr los in Weiß“, meint der 47-Jährige. Schwer gefallen sei ihm die Entscheidung, die er zusammen mit den Eltern getroffen habe.

Ältere sind unzufrieden

Im Rahmen einer Diplomarbeit am Geografischen Institut hat der Kölner Student Christian Kirchner Umfragen zum Einkaufsverhalten in unterversorgten Stadtteilen durchgeführt.

In Weiß hat er 150 Bewohner im Alter zwischen 65 und 92 Jahren befragt. Sein Ergebnis: Nahezu alle älteren Menschen sind „sehr unzufrieden“ mit den Einkaufsmöglichkeiten. Engpässe gebe es dennoch keine. Die Versorgung erfolge meist durch Familienmitglieder, mit dem eigenen Auto, Bus und Taxi.

Der Student weist auf mobile Läden als Alternativen hin sowie auf das Konzept der „Dorv-Initiativen“. Dabei schließen sich Bewohner zu Genossenschaften zusammen, etwa in Jülich, und führen einen eigenen Dorfladen, der auch Treff zur Kommunikation ist. (süs)

www.dorv.de

Bis zuletzt stand Ursula Gillessen, die gelernte Fleischfachverkäuferin, zusammen mit weiteren drei Kräften hinter der Wursttheke. Aus gesundheitlichen Gründen schaffte die 67-Jährige den Job nicht mehr. Nachdem die Mutter ausgefallen war, habe das Verhältnis von Personalkosten und Umsatz nicht mehr gestimmt, sagt Jürgen Gillessen. In Rodenkirchen hat er bereits vor zwei Jahren eine Metzgerei übernommen. „Da läuft das Geschäft“, sagt er.

Schließung der Sparkasse war Todesstoß


Foto: KStA-Grafik

Im ehemaligen Fleischerladen in Weiß sind Theke und Regale verwaist, ein wenig riecht es noch nach geräucherter Wurst. Das alte Ladenlokal, das sich im Haus der Gillessens befindet, soll fürs erste leer bleiben. Es ist nicht der einzige Leerstand im Dorf. Geschlossen wurde auch die Filiale der Sparkasse Köln-Bonn vor etwa zwei Jahren, nur der Automat an der Außenseite funktioniert noch. „Das war der eigentliche Todesstoß“, glaubt Ursula Gillessen. Denn die Sparkasse sei Anlaufstelle und Treffpunkt gewesen.

Auch der Kiosk gegenüber der Sparkasse hat aufgegeben. „Zu vermieten“, steht auf einem Zettel, der an der Scheibe klebt. Dabei hat es dort noch vor ein paar Jahren vom Schulheft bis zum belegten Brötchen ein vielfältiges Angebot gegeben. Zugemacht hat auch der Bastelladen Brodesser. „Ich kam mir vor wie der Letzte, der den Stecker zieht“, sagt Jürgen Gillessen.

Dabei sei es bis vor zehn oder 20 Jahren noch richtig lebendig zugegangen in Weiß, sagt Ursula Gillessen. Sie erinnere sich zum Beispiel an die vielen Veranstaltungen im „Haus Keil“. Den Veranstaltungssaal gibt es nicht mehr, dort wurden Wohnungen gebaut. Überhaupt wurde und wird viel gebaut in Weiß. Seit 1950 ist der Ort am Rhein von 2000 auf 6000 Einwohner angewachsen. Die Zahl der Kinder in der Grundschule ist in den vergangenen 15 Jahren von 180 auf 300 Kinder gestiegen. Auf der ehemaligen Kuhwiese des Bauern Altenhoven entstand ein Neubaugebiet für junge Familien. Und trotzdem kaufen die Bewohner ihre Lebensmittel offenbar woanders – jedenfalls nicht in Weiß.

Wenig mobile Menschen brauchen Unterstützung

Auch die Filiale der Sparkasse steht seit zwei Jahren leer, Ralf Feckler (r.) eröffnet bald eine Pension.
Auch die Filiale der Sparkasse steht seit zwei Jahren leer.
Foto: Süsser

Das spürt auch Hannelore Bussard. Seit elf Jahren führt sie ihren Obst- und Gemüseladen fast direkt gegenüber der Metzgerei. Nun öffnet sie nur noch halbtags. „Wenn die Gisela nicht mehr da ist, bleibt die Laufkundschaft aus“, sagt sie in der kleinen Verkaufsstube mit dem ungemütlich kalten Betonfußboden. Von dem, was der Laden abwirft, könnte sie ohne ihre Rente nicht leben, sagt die trotzdem gut gelaunte 67-Jährige. Aber weil es ihr ohne Plauderei mit den Kunden zu langweilig sei, hält sie die Stellung in dem Ladenlokal, das ihr Eigentum ist.

Diejenigen, die zu ihr kommen, nehmen sich gern die Zeit für ein Schwätzchen. Uschi Köhl zum Beispiel. Zuhause pflegt sie ihre kranke Mutter. Da sei die halbe Stunde bei der Hannelore eine kleine Auszeit. „Die Leute kaufen dort ein, wo sie arbeiten“, meint Hannelore Bussard, in den Supermärkten und Discountern mit dem breiten Angebot. Besonders ältere, weniger mobile Menschen täten sich damit aber schwer. Sie seien auf Unterstützung angewiesen – im besten Fall helfen die Kinder, falls sie in der Nähe wohnen. Ein Dorfladen wäre freilich schön, meint sie, wiegt aber mit dem Kopf. Ob das funktioniert?

Nicht alles Leben ist verschwunden

Händlerin Hannelore Bussard
Händlerin Hannelore Bussard
Foto: Süsser

Aber nicht alles Leben ist verschwunden aus dem Dorf. Ein Minibüdchen am Friedhof hat eröffnet, eine Dorfinitiative treibt das Festival „Kultur in der Sackgasse“ voran. Die kleine Bäckerei Breuer-Lippe will künftig zwar ebenfalls nur noch halbtags öffnen, hat seit dem Weggang von Gillessen aber ein wenig Wurst im Sortiment. Die Eisdiele ist im Sommer gut besucht, der Zeitschriftenladen mit Postfiliale ebenso. Ein Blumengeschäft gibt es, auch Frisör und Apotheke, eine kleine Pizzeria und sogar einen Bioladen, der sich aber nicht direkt im Dorfzentrum befindet.

Und schon bald soll es eine ganz besonders charmante Adresse Auf der Ruhr geben: Die alte Schreinerei. Eine kleine, kuschelige Pension mit vier Zimmern wird in dem historischen Haus aus dem Jahr 1880 entstehen. Der Eigentümer Ralf Feckler lässt derzeit das Gebäude, in dem ursprünglich eine Schreinerei und zuletzt eine Apotheke untergebracht waren, ökologisch und originalgetreu aufwendig restaurieren, ein Lehmverputzer kommt extra aus der Eifel.

Der Raum mit den Rundbogenfenstern im Erdgeschoss soll Frühstücksraum und Ladencafé für feine Patisserie und süße wie pikante Delikatessen werden, die seine Frau Annika selbst herstellt. Sie hat in Paris den Beruf der Patissière erlernt. Ralf Feckler ist in Rodenkirchen aufgewachsen, er und seine Frau seien im Kölner Süden gut vernetzt, wie der Ingenieur und Touristiker sagt. Er sei Optimist und glaube fest daran, dass er die Bürger mit attraktiven Angeboten aus der Reserve locken und nach Weiß holen könne. Im Sinne einer Wiederbelebung des Dorfes.

www.croquembouche.de

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