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Übergangsheim: Nachbarn wollen keine Flüchtlinge

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Im Gruppenraum des Flüchtlingswohnheimes in Godorf werden die Kinder an drei Tagen in der Woche nachmittags betreut. Foto: Philipp Haaser
Die Stadt Köln plant eine Erweiterung des Flüchtlingsheims in Godorf. In einem Neubau sollen bis zu 70 neue Bewohner Platz finden. Doch die Pläne werden von vielen Nachbarn im Viertel abgelehnt - teils mit unverhohlenem Rassismus.  Von
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Godorf

Nachmittags herrscht im Gruppenraum Hochbetrieb. Gegen 16 Uhr kommen nach und nach die Schulkinder nach Hause, und Leo, elf Jahre alt, tobt sich erstmal beim Tischfußball aus. Er ist elf Jahre alt und Lieblingsfußballer heißt Iker Cassillas von Real Madrid. „Am Anfang konnte ich die anderen Kinder nicht verstehen“, sagt Leo akzentfrei. Er lebte bei seiner Großmutter in Sarajevo, bis er vor drei Jahren seiner Mutter nach Deutschland folgte.

Seitdem wohnt er mit ihr und sieben Geschwistern hier, im Übergangswohnheim in Godorf. Leo und die anderen Kinder hier in der Freizeitbetreuung wohnen mit ihren Familien im Übergangswohnheim in Godorf, einem heruntergekommenen zweistöckigen Bau, langgestreckt mit dünnen Wänden und schlecht isolierten Fenstern. Die jeweils 15 bis 30 Quadratmeter großen Zimmer liegen nebeneinander an langen Fluren ohne Fenster.

1989 wurde das Gebäude errichtet. Seitdem dient das Provisorium Menschen aus aller Welt als Bleibe, seit einiger Zeit vermehrt Syrern. Ein zweites brach die Stadt im Jahr 2009 ab, die Baracke war unbewohnbar geworden, die Flüchtlingszahlen zudem gesunken. Seit etwa zwei Jahren allerdings hat die Zahl der Flüchtlinge, die nach Köln kommen, erneut sprunghaft zugenommen und auf der Wiese neben der Autobahn soll nun ein Neubau für bis zu 70 Bewohner entstehen.

Unverhohlener Rassismus

Bezirksbürgermeister Mike Homann (SPD) verwies in der Bezirksvertretung auf die „gesetzliche Pflicht“, für menschenwürdige Unterkünfte zu sorgen. Die Bezirksvertreter stimmten dem Ratsbeschluss zur Planung des Erweiterungsbaus zu. Die Anwohner in Godorf reagieren indes überwiegend ablehnend. „Wir werden die Bürger nicht auf unsere Seite ziehen können“, sagte Monika Roß-Belkner (CDU).

Es gibt Nachbarn, die mit unverhohlenem Rassismus über die Bewohner des Heimes sprechen. Andere sprechen differenziert über ihre Ängste und Vorbehalte. Der Bürgerverein Goding stellte schon 2011 eine Unterschriftenliste gegen die Erweiterung zusammen. Vorsitzender Klaus Kaden macht für den Verein deutlich: Sie haben nichts gegen die Menschen, die dort wohnen. Er erzählt von der Roma-Band, die sie eingeladen haben, um bei einem ihrer Maibaumfeste zu spielen. Er berichtet jedoch auch von Klagen über Polizeieinsätze im Heim, über Belästigungen und über den Wertverlust der Grundstücke.

Er fürchtet, dass die Grundschüler durch die Flüchtlingskinder im Unterricht „gehemmt“ werden könnten. Das Ehepaar Nettekofen wohnt neben dem Heim. Reisen führten den Ingenieur und seine Frau nach Russland und in die USA. „Ich habe Verständnis für diese Menschen. So schlimm, wie das in ihren Ländern manchmal ist – da würde ich auch weggehen“, sagt Nettekofen über seine Nachbarn. Ihr Grundstück grenzt unmittelbar an die Wiese, auf der früher das zweite Gebäude stand. Besonders für die Flüchtlinge aus Kriegsgebieten hat Theo Nettekofen (83) Verständnis: „Ich habe den Krieg und das zerstörte Köln miterlebt, ich kenne das aus eigener Erfahrung.“ Und doch waren sie beide froh, als eines der Gebäude vor drei Jahren abgebrochen wurde.

Struktur der Bewohner beachten

Hanna Patz leitet das Heim für das Deutsche Rote Kreuz seit August 2011. Sie hatte zu Beginn alle Nachbarn eingeladen, das Heim zu besuchen. Nettekofen und seine Frau waren die Einzigen, die das Angebot annahmen. Zu den Bewohnern haben sie kaum Kontakt. Das scheitere an den oft geringen Sprachkenntnissen der Erwachsenen. „Die Kinder hingegen lernen die Sprache viel schneller.“ Seit sie hier arbeitet, gab es keinen Polizeieinsatz wegen Ruhestörung oder Streitigkeiten, berichtet die 24-jährige Sozialpädagogin. Lediglich der Bezirkspolizist besuche das Heim öfter – zur Vorbeugung. Als ein Kiosk in Godorf überfallen wurde, kreiste ein Hubschrauber frühmorgens über dem Gebäude, Polizisten durchsuchten das Haus.

„Die dachten vielleicht, sie beginnen einfach hier zu suchen“, vermutet Patz. Später wurden verdächtige Personen in Meschenich festgenommen, die nichts mit dem Heim zu tun hatten. Immer, wenn Nettekofen und sie sich auf der Straße treffen, plaudern sie ein Weilchen. Nettekofen spricht die Probleme direkt an. Zurzeit dreht ein Bewohner die Musik auf, wenn der Wachdienst nachts um 2 Uhr das Gelände verlässt. Im Sommer erleichtern sich die Gäste bei abendlichen Feiern auf der Wiese am Zaun zu seinem Grundstück. Und neulich haben Kinder einen Blumenkasten zertrümmert. Seine wichtigste Erkenntnis aus all den Jahren: „Man muss die Struktur der Bewohner beachten.“ Zu viele Angehörige einer Gruppe auf diesem engen Raum, das führe zu Abkapselung. „Mit dem derzeitigen Zustand können wir aber gut leben“, sagt er. Das liegt seiner Meinung nach auch an der Leitung.

Die Zimmer an diesem Flur sind zwischen 15 und 30 Quadratmeter groß, ein bis vier Menschen bewohnen sie jeweils.
Die Zimmer an diesem Flur sind zwischen 15 und 30 Quadratmeter groß, ein bis vier Menschen bewohnen sie jeweils.
Foto: Philipp Haaser

Hanna Patz sitzt im Gruppenraum, eines der kleinsten Kinder auf dem Schoß, Malstifte in der Hand. Eine Honorarkraft, für die Friezeitbetreuung angestellt, spielt mit den größeren unermüdlich am Kicker. „Inzwischen gehört es hier zur Normalität, dass alle Kinder in den Kindergarten oder in die Schule gehen“, sagt Patz. „Wenn ein paar Eltern ihre Kinder konsequent morgens zur Schule schicken, dann nehmen die anderen sich daran eher ein Beispiel.“ 40 der 64 Bewohner sind Kinder. Patz sorgt dafür, dass die Neuen sofort im Kindergarten oder für die Schule angemeldet werden. Sie erinnert die Eltern an die Sprechtage und organisiert bei Bedarf einen Übersetzer.

Wenn ein Kind krank ist, ruft sie in der Schule an. Wenn es Probleme gibt, ruft die Schule oft bei ihr an. „Eigentlich arbeiten wir für die nächste Generation“, sagt sie. Elez Cherifi (11) geht in die fünfte Klasse der Gesamtschule. Er liebt den Musikunterricht, „wenn der Lehrer Klavier spielt und die Klasse singt“. Elez spricht Deutsch mit rollendem „R“, Romanes und Mazedonisch sind seine Muttersprachen. „Aber davon habe ich viel vergessen“, sagt er und grinst verlegen, „weil ich so viel Deutsch spreche.“

Informationsveranstaltung am 15. Januar

Am Dienstag, 15. Januar, plant die Stadtverwaltung eine Informationsveranstaltung in der Kirche St. Katharina, Katharinenstraße ab 15 Uhr. Die Sozialdezernentin Henriette Reker, Vertreter von Wohnungsamt und vom Runden Tisch für Flüchtlingsfragen stellen sich den Bürger.

Zur Person Martin Müller
Leiter der Grundschule Godorf: Martin Müller
Foto: Philipp Haaser

Martin Müller leitet die Gemeinschaftsgrundschule Godorf mit 94 Schülern und elf Lehrern.

Er ist seit 2002 Lehrer an der Schule.

50 Kinder besuchen die Angebote des Offenen Ganztags.

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