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Wohnheim: Vermittlung im Streit über Flüchtlinge

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Reden über Flüchtlinge – Teilnehmer bei der Informationsveranstaltung in Godorf. Foto: Philipp Haaser
Viele Godorfer Bürger lehnen den Erweiterungsbau des Flüchtlingsheims im Ort ab. Bei einer Informationsveranstaltung konnten sie ihre Bedenken äußern. Konstruktive Argumente konnten die Heim-Gegner jedoch kaum einbringen.  Von
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Godorf

Die Einladungen sind schon verschickt. Das verkündete Rodenkirchens Bezirksbürgermeister Mike Homann (SPD) in der vergangenen Sitzung der Bezirksvertretung. Er griff damit einen Vorschlag der Grünen-Fraktion auf. In der nächsten Woche soll zum ersten Mal ein Arbeitskreis tagen, der die Erweiterung des Flüchtlingsheimes in Godorf begleiten wird.

An diesem sollen Vertreter der Anwohner, Bezirksvertreter, Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die Heimleitung, der Bezirksjugendpfleger, die Polizei und ein Sprecher des Runden Tisch für Flüchtlingsfragen teilnehmen. Alle anwesenden Bezirkvertreter stimmten dem Antrag zu. Manfred Giesen, Fraktionsvorsitzender der Grünen, freute sich über das „vorbildliche und schnelle Handeln“. „Es geht hier nicht nur um die Erweiterung“, sagte Giesen, „sondern um eine ganze Menge von Problemen in Godorf. Wir haben in den vergangenen Jahren zu wenig hingeschaut.“ Monika Roß-Belkner (CDU) wies etwa auf die unzureichende Zahl von U-3-Betreuungsplätzen im Bezirk hin – ein Problem, das sich mit der Erweiterung des Flüchtlingsheimes ihrer Einschätzung nach verschärfen dürfte.

Maximal 70 Bewohner erwartet

Vertreter der Stadtverwaltung hatten wenige Tage zuvor in die Godorfer Realschule eingeladen, um den Anwohnern die Pläne für den Erweiterungsbau vorzustellen. Marita Bosbach vom Deutschen Roten Kreuz, dem Träger des Heimes, wünschte sich auf der Veranstaltung die Unterstützung der Godorfer und bat um konstruktiven Dialog. Sozialdezernentin Henriette Reker formulierte ähnliche Erwartungen: „Wir wollen das diskutieren, was wir ändern können. Wir wollen von Ihnen wissen, wie eine Erweiterung verträglich gestaltet werden kann“ – Hoffnungen, die sich nicht erfüllten. Die Godorfer fürchten zunehmende Kriminalität und Verschmutzung rund um das Heim und lehnen die Erweiterung deshalb ab. Für eine sachliche Auseinandersetzung blieb wenig Raum.

Im geplanten Haus sollen zwölf Wohneinheiten für zwei bis vier Bewohner auf zwei Etagen entstehen, im Gegensatz zum bestehenden Haus jeweils mit separatem Eingang, eigener Kochnische und Badezimmer. Das Gebäude soll sich in die Bebauung der Umgebung einfügen. Geplant ist zudem ein Spielplatz sowie die landschaftliche Gestaltung des Grundstücks. Mit maximal 70 zusätzlichen Bewohnern rechnet Jürgen Kube vom Wohnungsamt.

„Köln ist sehr begehrt“

Im alten Haus müssen die Bewohner über den Flur zur Gemeinschaftsdusche.
Im alten Haus müssen die Bewohner über den Flur zur Gemeinschaftsdusche.
Foto: Philipp Haaser

„Die Bauweise ist nicht vergleichbar mit jener vor 20 Jahren“, erläuterte er. Das Heim in Godorf wurde 1989 errichtet. Eines der ursprünglich zwei Gebäude wurde 2009 abgebrochen. Sinkende Flüchtlingszahlen ließen das zu. Die Bauweise der Häuser war zunächst auf zehn Jahre ausgelegt.

Klaus Kaden von der Interessengemeinschaft Goding mahnte die gerechte Verteilung der Flüchtlinge auf alle Stadtteile an. 171 Flüchtlinge wohnen zurzeit im Bezirk Rodenkirchen. Sie sind in drei Unterkünften untergebracht, 64 in Godorf. Stefan Färber, Leiter des Wohnungsamtes, versuchte die Situation in den stadtweiten Zusammenhang einzuordnen: „Wir brauchen sechs bis sieben zusätzliche Heime in der Stadt“, sagte er. Dafür sei man derzeit händeringend auf der Suche nach geeigneten Grundstücken, auch mit Hilfe von Maklern. Durch ein sogenanntes Auszugsmanagement versuche das Wohnungsamt, das für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig ist, Flüchtlinge zudem möglichst rasch in regulären Wohnungen unterzubringen. Doch diesem Vorhaben stehen einige Hindernisse im Weg: „Köln ist sehr begehrt“, sagte Färber.

Niemandem Hilfe verwehren

Zwar betonten einige Zuhörer, dass niemandem Hilfe verwehrt werden solle. Mehrmals wurden aber Beiträge, die um Verständnis für die Situation der Flüchtlinge warben und Bedauern darüber zeigten, dass dieser Streit auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen werde, lautstark mit hämischen Kommentaren bedacht. „Ich bin erstaunt, dass heute Abend so wenig Konstruktives eingebracht wurde“, sagte eine Zuhörerin.

Manfred Giesen berichtete in der Bezirksvertretungssitzung vom Auftreten der Pro-Köln-Mitglieder bei der Informationsveranstaltung: „Die zielten mit ihren rollkommandoartigen Wortbeiträgen nur auf Eines: Aufhetzen und Spalten.“ Es gebe einen Konsens, sich als Bezirkspolitiker bei Bürgerveranstaltungen zurückzuhalten. Wenn die Rechtsextremen diesen missachteten, sollte die Zurückhaltung zukünftig aufgegeben werden, regte Giesen an.

Wer sind die Bewohner des Flüchtlingsheims?

Seit 1989 die einfachen Unterkünfte errichtet wurden, beherbergten sie zahlreiche Menschen. Deren Gründe, ihre Heimat zu verlassen, waren und sind vielfältig. Zunächst kamen DDR-Bürger, später jüdische Kontingentflüchtlinge und sogenannte Spätaussiedler aus Russland sowie Menschen aus den anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks unter, später Flüchtlinge der Balkankriege und aus aller Welt.

Acht Roma-Familien im Flüchtlingsheim

Von den derzeit 13 Familien gehören acht zur Minderheit der Roma und kommen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Die übrigen Familien kommen aus Syrien, Angola, Nigeria und Tunesien. Die beiden syrischen Familien stammen aus einer Stadt im umkämpften Nord-Osten des Landes und wollen aus Angst vor Verfolgung ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. Dabei beteuern sie, nicht zu einer der Oppositionsgruppen zu gehören. Einer der beiden Väter war demnach auf dem Weg nach Damaskus, um Medikamente für seinen Sohn zu besorgen, als er in eine Demonstration geriet. Er sei einem Verletzten zu Hilfe geeilt und verhaftet worden. Zehn Tage habe er mit mehreren Gefangenen in einer kleinen Zelle verbracht, Liegen gab es keine. Polizisten hätten ihn geschlagen. Seine Frau habe tagelang nicht gewusst, wo er war.

Als er freigelassen wurde, entschloss sich die Familie zur Flucht. Ihre Eltern blieben zurück. Seinen gut bezahlten Job als Abteilungsleiter habe er aufgegeben, erzählt der Mann. Den Kontakt in die Heimat hält die Familie über ein türkisches Handy und die Nachrichten im Fernsehen. Der Sohn der anderen Familie wurde von einem Auto angefahren, zog sich eine Verletzung am Bein zu. Der Verursacher wurde nicht belangt, die Polizei nahm ihn vor den Forderungen der Familie in Schutz. Die Eltern wollen sich nicht zufriedengeben, verlangen Entschädigung. Die Mutter landet im Gefängnis. So schnell wie möglich wollen sie nach Hause.

Seit elf Jahr im Heim

Aus Sarajevo stammt Ribana Beganaj, eine weitere Bewohnerin. Sie lebt seit elf Jahren in diesem Heim. Mit ihrem Vater floh die 32-Jährige während des Bosnienkrieges aus dem belagerten Sarajevo. Sie habe hier geheiratet, „viel zu früh“, wie sie sagt. Das sei „bei uns üblich“, so die Frau, die sich als Roma bezeichnet. Sie ist alleinerziehende Mutter von mittlerweile acht Kindern. Für Beganaj sei es so gut wie unmöglich, eine Wohnung zu finden, meint Hanna Patz, Leiterin des Heimes.

Der Verein ProAsyl spricht von „umfassender Diskriminierung“ von Roma und anderen Minderheiten in Serbien und Mazedonien. Ihnen werde der Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem verwehrt, ebenso zum Arbeitsmarkt. Deshalb schlügen sie sich durchs Leben, indem sie Verwertbares aus dem Müll sammelten. Die Bundesregierung vermeldet in diesem Jahr mehr Asylanträge von Roma aus Bosnien, Albanien, Serbien und Mazedonien. Hinweise, dass sich die Lebensverhältnisse „signifikant verschlechtert“ hätten, gebe es nicht. 2009 entfiel die Visumspflicht für Einreisen aus diesen Ländern. (phh)

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