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Auswandern: Mit dem Wintermantel in den Süden

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Claudia Brackebusch in ihrer fast vollständig ausgeräumten Wohnung. Foto: Roland U. Neumann
Um nicht in Harzt IV abzurutschen, bewarb sich Claudia Brackebusch bei einer Speditionsfirma auf Teneriffa. Die Firma nahm sie an und nun macht sie sich auf den Weg in bereits bekannte Gefilde.  Von
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Nur eine Schlafcouch und ein paar Küchenutensilien stehen in der Wohnung von Claudia Brackebusch. Gerade hat sie sich abgemeldet bei der Stadt Rösrath, in ihrem Personalausweis klebt nun statt der Adresse der Hinweis „keine Hauptwohnung in Deutschland“. Ein bisschen mulmig ist ihr schon bei diesem Gedanken. Am Vorabend hat sie sich von Nachbarn und Freunden verabschiedet. Koffer und Tasche stehen bereit für den Abflug nach Teneriffa. Oben in Norden der Insel, in La Orotava, wird sie bald eine neue Arbeitsstelle als Speditionskauffrau antreten. „Dies war meine einzige Chance, nicht am 5. Dezember in Hartz IV abzurutschen“, erklärt die 41-Jährige.
Anderthalb Jahre lang war sie vergeblich auf der Suche nach einer neuen Stelle in ihrem Fach. „Eine verlorene Zeit – die Suche hat mich mürbe gemacht“, berichtet sie über die lange Zeit ohne Job, aber mit vielen Bewerbungen und Absagen. An der Qualifikation kann’s nicht gelegen haben. Claudia Brackebusch hat viel Berufserfahrung, spricht fließend deutsch, englisch und spanisch, hat sich laufend mit den sich ändernden Zollbestimmungen im Im- und Export auseinandergesetzt. Sie ist also breit aufgestellt als Fachkraft. Möglich, dass sie mit 41 Jahren zu teuer war für einen neuen Arbeitgeber, der lieber jüngere Speditionskaufleute mit geringerem Einkommen einstellt.
Jedenfalls brachte sie die Arbeitsvermittlung der Agentur für Arbeit auf die Idee, sich im Ausland zu bewerben. Nach 20 Bewerbungen flog sie am 4. September nach Teneriffa, traf in Norden in La Orotava auf eine Spedition mit elf Mitarbeitern, die ihr gleich sympathisch war. Und sie dem Arbeitgeber auch. Zwei Wochen später hatte sie den Arbeitsvertrag in der Tasche. Die Firma übernimmt Umzüge und Transporte auf den Kanarischen Inseln, nach Deutschland und in der ganzen Welt. „Das ist mein Fach, das hab ich schon bei einer Spedition in Hamburg bearbeitet“, freut sich Claudia Brackebusch auf den neuen Job in einem Land, aus dem die Bewohner wegen der hohe Arbeitslosigkeit versuchen auszuwandern.
Möglich wurde ihre Arbeitssuche im Ausland durch das Verfahren „PD U2“, das die Weiterzahlung des Arbeitslosengeldes auch bei Auslandsaufenthalten gewährt. „Für mich nur eine kurze Zeitspanne – mit Hartz IV am 5. Dezember wäre es vorbei gewesen“, so Brackebusch.
Fremd ist ihr die spanische Insel im Atlantik nicht. Sie ist dort aufgewachsen, als sich der Vater für seinen Arbeitgeber mit der Familie auf der Insel niederließ. Als er vor drei Jahren starb, blieb die Mutter in La Orotava. „Ich werde zuerst auch bei der Mama wohnen“, sagt Claudia Brackebusch, die den Familienanschluss als Glücksfall ansieht. Aber sie hat auch schon erste Recherchen für eine eigene Wohnung unternommen. „Ich verdiene zwar weniger als in Deutschland, aber die Lebenshaltung ist ja viel billiger – eine Vier-Zimmer-Wohnung mit Balkon kostet nur 275 Euro.“ Und wenn man im Supermarkt einkaufe, türmten sich die Lebensmittel für 50 Euro schon im Einkaufswagen. Schon hat sie erste Pläne, die alten Freundschaften in La Orotava wieder aufzunehmen. Doch vor dem Flug hat sie andere Probleme: Im Wintermantel ab zum Flughafen Köln/Bonn, in Teneriffa im Airport Reina Sofia Kleiderwechsel in sommerliche Klamotten. „Ich hab alles schon in der Vordertasche untergebracht“, lacht sie. Denn auf den Kanaren ist es noch warm: 19 Grad. Sie schwärmt von ihrem neuen Wohnort: Von Mamas Wohnung blicke man auf der einen Seite in die Berge, auf den berühmten Vulkan Teide, auf der anderen Seite auf den Strand. „Das Wasser ist noch 25 Grad warm – das werde ich ausnutzen bis zum Arbeitsbeginn.“
Doch bei aller Vorfreude überwiegt noch die Wehmut: „Mein Herz hängt an Rösrath. Ich gebe meinen Freundeskreis und den engen Kontakt zu meiner Schwester auf, die ich fast jeden Tag sehe.“ Die Sonnenbrille hat sei schon griffbereit, falls ihr im Flieger die Tränen rollen vor lauter Heimweh. Aber sie ist sich ganz sicher: „Ich ziehe das durch.“

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