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Dokumentarfilm: Das Schicksal der anderen erfassen

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Filmemacher Wolfram Seeger (r.) begleitete für seinen Dokumentarfilm Familie Müller aus Rösrath. Foto: Christopher Arlinghaus
Dokumentarfilmer Wolfram Seeger geht für das WDR-Format auf die Suche nach Menschen mit einer besonderen Lebenssituation. Dabei trifft er auf den 56-jährigen Hermann-Joseph Müller, der unter einem Gehirntumor leidet.  Von 
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Wie geht eigentlich ein Dokumentarfilmer wie Wolfram Seeger vor, wenn er für das WDR-Format „Menschen hautnah“ auf die Suche geht nach Zeitgenossen mit einer besonderen Lebenssituation, zu ihnen im Laufe der Begegnungen Vertrauen und Empathie entwickelt und der Kamera ihr Leben beobachtet? Für den Dokumentarfilm „Mein Gehirn lässt mich im Stich“ ist der Rösrather Wolfram Seeger zunächst auf die Suche gegangen nach Menschen, die einen Schlaganfall hatten, im Koma lagen und wie Hermann-Josef Müller unter einem Gehirntumor leiden.

Der 56-jährige Müller stammt ebenfalls aus Rösrath, er hat dort den Raiffeisenmarkt geleitet, intensiv Sport betrieben, eine glückliche Ehe mit Doris Börsch-Müller geführt. Bis sich in seinem Gehirn jener Hypophysentumor entwickelte, jahrelang unentdeckt blieb. Als Hypochonder wurde er eingeschätzt, trotz unerträglichen Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörungen – bis endlich der Tumor entdeckt wurde, der inzwischen er einen Durchmesser von zehn Zentimeter entwickelt hatte. Nach zahlreichen schweren Operationen Im März 2011 erholte sich Hermann-Josef Müller in der neurologischen Abteilung der Rehabilitationsklinik in Nümbrecht von den Strapazen, sollte seine sprachlichen Fähigkeiten und das Erinnerungsvermögen so gut wie möglich wieder erlangen. Damals entdeckte ihn der Dokumentarfilmer, in der Reha-Klinik auf der Suche nach Menschen, die ihn an ihrem Schicksal teilhaben ließen. „Damals konnte er noch ein bisschen erzählen“, erinnert sich Seeger, der über ein Jahr lang Müller und seine Frau begleitete, die massiven Veränderungen in ihrem Leben miterlebte und filmisch dokumentierte.

"Er war total sauer auf die Fehldiagnosen, die ihn jahrelang abstempelten zum Simulanten. Dabei wusste er, dass in seinem Kopf etwas nicht stimmte“, erinnert sich Seeger an die erste Zeit ihrer Begegnungen. Mit Sarkasmus habe Müller damals seinen Zustand beschrieben: „Wenn Sie gesagt kriegen, Sie leben nicht mehr lang, nehmen Sie’s leicht.“ Dann erlebte Seeger die massiven Veränderungen von Hermann-Josef Müller mit dem Fortschreiten des Tumorwachstums: Der Verlust der Erinnerung, die Desorientiertheit, die reduzierte Sprachfähigkeit. Mittlerweile spricht er Worte und Sätze, aber sie haben für in keine Bedeutung mehr. Oder er öffnet einen Schrank und ist verblüfft, dort nicht das Badezimmer anzutreffen.
Mit der Filmkamera wurde Seeger zum Beobachter und Begleiter, auch für Ehefrau Doris Börsch-Müller, die nach wie vor ihrem Beruf nachgeht und sich auch um die schwerkranken Eltern kümmert. „Mein Mann weiß, dass er todgeweiht ist, aber mit seinem jetzigen Bewusstsein ist er vergleichsweise glücklich“, sagt sie über ihren Partner, der einmal stark und sportlich war und jetzt wie ein großes Kleinkind wirkt. „Er ist wie ein Bärchen“, sagt sie liebevoll. „Das Leben kann hart sein“, antwortet er, aber der Bedeutung seiner Aussage ist er sich nicht bewusst.

Seeger dokumentierte auch die Freundes- und Nachbarschaftshilfe. „Hier ist offene Tür – ständig ist einer hier, der uns unterstützt“, berichtet Doris Börsch-Müller. „Die Gemeinde hält eng zusammen.“ Dennoch war sie es, die den Freunden mühsam beibringen musste, zu akzeptieren, dass ihr Hermann-Josef nie mehr der alte sein würde: „Die waren der Meinung, das wird wieder, haben den Fortschritt der Krankheit lange nicht akzeptiert.“ Dass sie Wolfram Seeger und sein Mitarbeiter Filipp Forberg in vielen Situationen wie bei der Austeilung der Krankenkommunion und der Geburtstagsfeier im Juli „hautnah“ teilnehmen ließ, ist und war für sie eine ganz bewusste Entscheidung: „Ich konnte auch für Hermann-Josef vertreten, mitzumachen und mit allem, was ist, nach außen zu gehen, auch im Film“, sagt sie. „Ich habe den Vorteil, dass ich unser Leben öffentlich machen und zeigen kann, wie man damit umgeht.“ Wenn man sich nicht mitteile und austausche, werde auch niemand helfen. Über ein Jahr lang waren Seeger und sein Mitarbeiter als stille Beobachter mit der Kamera eng mit den Müllers verbunden. Mit viel Empathie, aber auch dem professionellen Bewusstsein für die filmische Umsetzung. Spurlos geht das Erleben an dem mehrfachen Grimme-Preisträger nicht vorbei. „Ich bleibe lange in einem Thema, erschließe Stimmungen und Bereiche, in die ich die Zuschauer mitnehmen kann“, sagt er über seine Arbeit. „Es ist auch eine Lebensschule, am Leben eines anderen teilhaben zu können.“ Seeger, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat, hat eine große Bandbreite des Menschseins filmisch dokumentiert: Über Autisten, Stotterer, Heimkinder, Mörder, Gewaltopfer, aber auch Karrieremänner und Schützenbrüder – und immer ist er „hautnah“ dabei. Viel Zeit nimmt er sich für die Verarbeitung der Formate im heimischen Studio am Schneidplatz – alles wird authentisch und unverfälscht umgesetzt.

„Menschen hautnah“ von Wolfram Seeger mit der Sequenz über Hermann-Josef Müller wird am Donnerstag, 17. Januar, 22.30 Uhr, im WDR ausgestrahlt. Zu einem späteren Zeitpunkt folgt ein 90-minütiger Beitrag bei 3sat.

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