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Katholiken: „Kirche hat Angst vor dem Kollaps“

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Katholische Kirche. Symbolbild Foto: dpa
Hans-Jakob Weinz war Seelsorger im Erzbistum Köln, unter anderem als Ehe- und Familienreferent, und wechselte im Ruhestand zu den Protestanten. Sein Abschied von der katholischen Kirche allerdings war eine langwierige Geschichte.  Von 
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Sein Abschied von einem Leben als Priester war eine eher spontane Entscheidung. Hans-Jakob Weinz hat sieben Jahre im Kloster der Steyler Missionare studiert. "Kurz vor den ewigen Gelübden", sagt der 64-Jährige, "habe ich meine spätere Frau kennengelernt". Das war auf der anderen Seite des Zauns, der das Kloster vom Rest der Welt trennt .

Sein Abschied von der katholischen Kirche allerdings war eine langwierige Geschichte. Erst am 17. Januar 2013 hat Weinz den Gang zum Amtsgericht Siegburg angetreten, wo er ausgetreten ist, um zur evangelischen Kirche zu konvertieren. Dazwischen lag ein ganzes Arbeitsleben im Dienste des Erzbistums Köln - unter anderem als Ehe- und Familienreferent. Und eine zunehmende Entgeisterung darüber, dass sich die Kirche in wichtigen Fragen jedweder Anpassung an die moderne Gesellschaft verweigert.

Wie Weinz in seinem Haus in Hangelar präzisiert, war es vor allem die Geschichte seiner mittlerweile verstorbenen Frau Gabi, die seine Zweifel an der Institution genährt hat. Sie, die ebenfalls Theologin war, habe im Laufe ihres geistlichen Engagements immer deutlicher gespürt, "dass sie eine priesterliche Berufung hat". Und sie habe darunter gelitten, dass ihre eigene Kirche ihr und allen anderen Frauen verweigert, diese Berufung zu leben: "Als Priesterin Menschen zu begleiten oder Eucharistie zu feiern."

Doch auch bei seiner eigenen Arbeit hat die katholische Kirche den gebürtigen Königswinterer vor innere Konflikte gestellt. Weinz war als Seelsorger im Erzbistum seit den 80er Jahren als Referent für Ehe- und Familienpastoral tätig. Und in diesem Beruf, in dem er auch als Paartherapeut gewirkt hat, hat er höchst unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Es gibt Beziehungen, die reparabel sind. Bei anderen müsse man als Therapeut respektieren, wenn Paare zu der Erkenntnis kommen, dass es keinen Sinn mehr mache. In diesem Fall gelte es, sie bei der Trennung zu unterstützen.

Verweigerung des Dialogs

Ein weiterer Konfliktherd: Wenn eine Kindergärtnerin oder ein Religionslehrer Teil einer gescheiterten Beziehung sind, dürfen diese bei Wiederheirat ihren Beruf nicht mehr ausüben. "Das geht doch nicht. Dafür habe ich kein Verständnis", sagt Weinz. Wobei das schlimmste für ihn sei, dass die Kirche den Dialog verweigert.

Hans-Jakob Weinz
Hans-Jakob Weinz
Foto: Benjamin Jeschor

Als Beispiel nennt er das Schicksal von Georg Schwikart, der in Hangelar in nur ein paar Schritten Entfernung sein Büro hat. Schwikart hatte in einem Buch gefordert, dass die Katholiken darüber nachdenken sollten, auch Frauen in hohen katholischen Ämtern zuzulassen. Daraufhin wurde ihm vom Kardinal Meisner nach dem erforderlichen Studium die Weihe zum Diakon versagt.

Nachdem er sein komplettes Berufsleben - zunächst in Köln und später auch im Rhein-Sieg-Kreis - in den Dienst der Kirche gestellt hat, ist Weinz kürzlich in Pension gegangen. Er weiß also wovon er spricht, wenn er sagt, dass er keineswegs der einzige ist, der Reformen hin zu einer moderneren Sicht der Dinge fordert. Sehr viele Kollegen, so Weinz, die mit großem Engagement für die Kirche arbeiten, teilen seine Meinung. Sie wollen, dass auch Frauen Diakon oder Priester werden dürfen. Auch sei es nun einmal Realität, dass der Zölibat immer öfter umgangen wird, oder dass immer mehr Menschen zu ihrer Homosexualität stehen. Die Kirche sei gut beraten, wenn sie dies endlich akzeptiere.

Warum trotz immer lauterer Rufe die Reformen ausbleiben, kann Weinz nur mutmaßen. "Ich denke", sagt er, "dass es sich um Angst handelt". Angst vor dem Kollaps des Systems. Angst davor, dass vom Papst über die Kardinäle bis zu den Bischöfen die gesamte Hierarchie ins Wanken gerät.

Seine Gedanken möchte Weinz indes nicht als Anklage verstanden wissen. Er schätze sehr viele Geistliche und ehemalige Kollegen. Gleichwohl fühlt er selbst sich von der rigiden Institution nicht mehr vertreten. "Ich finde, das Recht und die Moral sollten dem Menschen dienen. Und nicht umgekehrt."

Entsprechend ist auch der Tonfall eines offenen Briefes gehalten, im dem Weinz seine Gedanken nach seinem Austritt zusammengefasst hat. Der Brief steht auf seiner Homepage, aber dort hat er ihn "versteckt". Erst nach ein paar Klicks können Interessenten ihn lesen - Weinz möchte keine plakative Aktion starten. Interessenten gab es bereits - Hunderte haben seine Worte gelesen.

Während seines Berufslebens hat sich Weinz "leidenschaftlich für einen anderen Umgang meiner Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen eingesetzt". Auch ist er seit 25 Jahre Teil einer ökumenischen Gemeinschaft. Dort hat er gelernt, dass die evangelische Kirche mit den Fragen, die ihn bewegen, anders umgehen.

Protestant seit Karneval

Also war es für ihn nur ein logischer Schritt, zum Protestantismus zu konvertieren. Am Karnevalssonntag wurde Weinz in die evangelische Gemeinde Menden aufgenommen. Die letzte Station auf einem langem Weg, der ihn zunächst auf Distanz zum Priestertum und schließlich weg von der katholischen Kirche geführt hat.

Das Erzbistum hat in Person von Monsignore Markus Bosbach auf die Konvertierung reagiert. Bosbach ist Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Generalvikariat, wo Weinz gearbeitet hat: "Wir sind von dem Entschluss sehr überrascht worden und bedauern, dass Hans-Jakob Weinz keinen Platz mehr für sich der katholischen Kirche gesehen hat." Um die Beweggründe besser verstehen zu können, möchte Bosbach Weinz ein persönliches Gespräch anbieten.

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