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Vortrag: Prechts Gedanken über die Moral

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Lehrreich und kurzweilig: Die Zuhörer im Gemünder Kursaal bedankten sich mit tosendem Applaus bei Richard David Precht. Foto: Claudia Hoffmann
Richard David Precht ist der Shootingstar der Philosophie. Im Gemünder Kursaal erklärte er komplexeste Sachverhalte anschaulich. Hauptthema seines Vortrags war die Moral. Ist der Mensch tief im Herzen nur ein Egoist?  Von
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Schleiden-Gemünd

Als der österreichische Journalist Josef Kirschner im Jahre 1976 seinen erfolgreichen Ratgeber mit dem Titel „Die Kunst, ein Egoist zu sein“ schrieb, ahnte er wohl nicht, wie sehr ihn die gesellschaftliche Wirklichkeit 35 Jahre später überholt haben würde. „Schonungslos werden uns jene Schwächen vor Augen geführt, die uns an der Selbstverwirklichung hindern“, verkündete der Klappentext damals. „Lieber ein erfolgreicher Egoist als ein duckmäuserischer Anpasser“, lautete die Botschaft des Buches.

Im Deutschland des Jahres 2013 werden die „Schwächen“, die Kirschner niederwalzen mochte, allenthalben schmerzlich vermisst: die Rücksichtnahme, die Scham, die Hilfsbereitschaft und die Bescheidenheit. Und es vergeht kein Tag, an dem nicht in Talkshows von Poeten, Popstars und Professoren über die Moral diskutiert würde.

Gut oder schlecht?

Der Ruf nach einer neuen Moral ertönt allerorten. Ist der Mensch gut oder schlecht? Ist er in der Tiefe seines Herzens ein Egoist oder hilfsbereit? Warum läuft so vieles schief in der Welt, wenn wir fast alle immer das Gute wollen? Diesen Fragen spürte am Donnerstagabend auf Einladung der Kreissparkasse Euskirchen ein Mann nach, den man gewiss als „Shootingstar der Philosophie“ bezeichnen kann und der von rund 450 Gästen im Gemünder Kursaal mit tosendem Applaus begrüßt wurde: Richard David Precht.

Das Bestechende in den folgenden 90 Minuten war nicht nur die Tatsache, dass Erfolgsautor Precht das dröge Metier der Philosophie kräftig zu entstauben und auf lebendige Weise in die Gegenwart zu katapultieren wusste, sondern dass es ihm auch diesmal gelang, die komplexesten Sachverhalte überaus anschaulich zu erklären.

Historischer Streifzug

Moral sei deshalb so praktisch, begann er, weil keiner so genau wüsste, was das eigentlich ist. Und weil sie nichts koste, denn meistens meine man ja ohnehin nicht sich selbst, sondern die anderen. Ausgehend von Sokrates und Platon zeigte Precht anschließend in einem erquicklichen historischen Streifzug, dass kein einziger Appell an die Moral in der Geschichte der Menschheit überhaupt jemals gefruchtet hat.

So erging es Immanuel Kant, der die Menschen im 18. Jahrhundert aufgefordert hatte, den „höchstmöglichen Gebrauch der Vernunft nicht nur zu sollen, sondern auch zu wollen“. Dieser Ansicht hatte zeitgleich bereits der grollende angelsächsische Kollege David Hume entschieden widersprochen. Hume fand, dass vernünftiges Denken im Alltag überschätzt wird. Tenor: „Allen Menschen ist das Denken erlaubt, aber vielen bleibt es erspart.“ Es sei nämlich nicht primär die Vernunft, sondern die Gefühle, die die Entscheidungen beeinflussen.

Mit fesselnden Gedankenspielen schlug Precht danach den Bogen zur aktuellen Hirnforschung. Genauer: zu den Spiegelneuronen und einem interessanten Experiment aus dem Tierreich. Gibt man nämlich zwei Kapuzineräffchen, die in getrennten Käfigen sitzen und einander sehen können, Spielmarken in die Hand und belohnt sie, wenn sie diese zurückgeben, mit einer Gurke (fällt in Affenkreisen geschmacklich unter „so lala“) oder einer Weintraube (kulinarisch der Hit), passiert etwas Erstaunliches: Behandelt man beide gleich – jeder bekommt Gurke oder Traube – ist die Kapuzinerwelt in Ordnung. Doch gibt man dem einen fortan immer Trauben und dem anderen nur Gurke, ist es wie bei den Menschen: Der „Gurken-Affe“ ist schnell demotiviert und verweigert bald die Teilnahme.

„Warum für eine Gurke arbeiten, wenn der andere Trauben bekommt?“, ließen sich hier flugs auch Parallelen zu den immer horrenderen Manager-Gehältern ziehen. Der angeborene Sinn für Ungerechtigkeit ist nämlich ebenfalls Teil der biologischen Ausstattung des Menschen.

Zu jeder Regel eine Ausnahme

Prechts These: Moral ist keine Frage der Überzeugung, sondern eher des Kontextes, in dem man sich bewegt. Eigene moralische Ansichten werden mit denen der anderen abgeglichen. Moral wird also von außen gedeckelt.

Eine zusätzliche Pointe: Wir haben zu jeder moralischen Regel eine Ausnahme parat. Es ist also nicht der Egoismus der Gene, sondern der Wunsch nach Anerkennung und Achtung, der uns auf dem „sozialen Schachbrett“ antreibt.

Doch wie wollen wir so unseren Kindern erklären, dass Anstand eine Tugend ist? Prechts Appell dazu: „Gehen Sie zweimal pro Woche für eine Stunde in eine Schule in ihrem Heimatort. Helfen Sie mit, Kindern wichtige Werte unserer Gesellschaft zu vermitteln.“

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