Erstellt 19.07.02, 14:17h
Der Gipfel in Genua im vergangenen Sommer lief unter beispiellosen Sicherheitsvorkehrungen: Die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industriestaaten und Russlands hielten sich in einer hermetisch abgeriegelten Zone auf, konferiert wurde auf einem Schiff im Hafen. Von den Demonstrationen bekamen die Gipfelteilnehmer nichts mit - bis Guiliani starb. Seit dem Tod des 23-Jährigen treffen sich die Mächtigsten der Welt nur noch in der größt möglichen Abgeschiedenheit. Stadtzentren sind tabu, abgeschiedene Orte wie das kanadische Kananaskis sind gefragt.
Überwiegend friedlich hatten rund 300.000 aus aller Welt angereiste Globalisierungskritiker in Genua gegen die Ungerechtigkeiten in der Weltwirtschaft protestiert. Aber am Freitag, den 20. Juli, geriet die Veranstaltung aus den Fugen. In einer Straßenschlacht schoss ein Beamter auf Guiliani, der mit einem Feuerlöscher auf dessen Polizeiwagen einschlug. Anschließend wurde der Sterbende von einem Geländewagen der Carabinieri überfahren.
Die italienische Justiz kommt mit der Aufklärung der Ereignisse nur schleppend voran. Kein Prozess wurde bisher aufgenommen, in fünf Fällen wird noch ermittelt. Aus der Sicht der Globalisierungskritiker dürfte es mit der Gerechtigkeit nicht weit her sein: Von den 600 Verhörten waren nur rund 100 Polizisten. Die Anschuldigen reichen von Beweisfälschung bis zu Menschenrechtsverletzungen - ein Delikt, das nach Ansicht der Organisation amnesty international ”einer europäischen Demokratie unwürdig” ist.
Die rechtsnationale Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi überlebte die Ereignisse mit einem blauen Auge. Die Opposition machte Innenminister Claudio Scajola für den Tod Guilianis verantwortlich, der den Einsatzkräften den Schießbefehl erteilte. Der regierungsunerfahrene Parteifreund von Berlusconi trat schließlich vor drei Wochen zurück - allerdings aus anderen Gründen.
Vor den Demonstrationen am Samstag macht sich unter den Sicherheitskräften Nervosität breit: ”Hoffentlich müssen wir uns nicht wieder die üblichen Beschimpfungen anhören und gegen Demonstranten mit Helmen und Schildern angehen”, sagt Michelangelo Starita, Generalsekretär der Polizeigewerkschaft UIL-PS.