Von STEFAN SAUER, 24.10.01, 21:01h
Berlin - Im Jahre 1845 nannte Heinrich Hoffmann den rastlosen Knaben in seinem „Struwelpeter“ einfach „Zappelphilipp“. Bekanntlich kippelte das Bürschchen entgegen anders lautender Weisung so lange auf seinem Stuhl herum, bis das Tischtuch samt Gedeck zu Boden stürzte. Die Quittung dafür dürfte eine Tracht Prügel gewesen sein. Heute weiß man, dass die Bestrafung überaktiver Kinder kein geeignetes Mittel ist. Das „Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom“ (ADHS), unter dem offenbar immer mehr Kinder leiden, ist behandlungsbedürftig. Und es wird behandelt: mit dem Wirkstoff Methylphenidat, der in den Medikamenten „Ritalin“ und „Medikinet“ enthalten ist.
Dass es sich um hochwirksame Präparate handelt, ist unter Pharmakologen unstrittig. Sorge bereitet aber der sprunghafte Anstieg der Verschreibungen. Zwischen den Jahren 1993 und 2000 nahm die Anzahl ärztlicher Rezepte für Methylphenidat um 1360 Prozent zu. Die im ersten Halbjahr 2001 verschriebene Menge reichte für 16,4 Millionen Einzeltagesdosen für durchschnittlich 20 Kilo schwere Kinder aus. Dabei fällt Methylphenidat unter das Betäubungsmittelrecht und wird in den USA von Erwachsenen als Aufputschdroge konsumiert. Schulleiter berichten nach Auskunft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD), von schwunghaftem Methylphenidat-Handel auch auf deutschen Schulhöfen.
„Uns fehlen Daten über die Anzahl der von ADHS betroffenen Kinder, über die Verschreibungspraxis und die Genauigkeit der Diagnose“, stellte Caspers-Merk am Mittwoch in Berlin fest. Erste Erhebungen zeigten aber, dass mehr als ein Drittel der Verschreibungen nicht etwa von Kinderärzten, Kinderpsychologen oder Psychiatern vorgenommen würden, sondern von Radiologen, HNO-Medizinern und sogar Zahnärzten. Es gebe deutliche Hinweise auf überhohe Dosierungen und Fehldiagnosen.
Caspers-Merk kündigte an, noch in dieser Legislaturperiode in die Verschreibungsverordnung einen obligatorischen Fachkundenachweis des Arztes für Methylphenidat aufzunehmen. Durch die Analyse von Einzelrezepten sollen Informationen über das Verschreibungsverhalten gewonnen werden. „Im übrigen ersetzt das Medikament keineswegs eine Verhaltenstherapie, es ist nur ein Baustein“, betonte sie.