Kölner Stadt-Anzeiger

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„Sie stahlen gezielt das Wertvollste”

Erstellt 28.05.03, 07:25h

Dony George Youkhanna ist Direktor des irakischen Nationalmuseums in Bagdad. Thomas Agthe sprach mit ihm über die Plünderung der Kunstschätze seines Landes.

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Er rief die Amerikaner zur Hilfe - zunächst vergeblich: Dony George Youkhanna.
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Er rief die Amerikaner zur Hilfe - zunächst vergeblich: Dony George Youkhanna.
Dony George Youkhanna ist Direktor des irakischen Nationalmuseums in Bagdad. Thomas Agthe sprach mit ihm über die Plünderung der Kunstschätze seines Landes.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Youkhanna, wie ist die Plünderung des irakischen Nationalmuseums in Bagdad abgelaufen?

DONY GEORGE YOUKHANNA: Wir wissen noch nicht genau, was sich abspielte, bevor die eigentlichen Plünderungen losgingen. Es gibt Informationen von einigen Leuten darüber. Aber die Tatsache, dass vorher schon Leute da waren, steht fest. Und auch, dass sie organisiert waren. Sie wussten, was sie stehlen wollten. Wir sind uns aber nicht sicher, wann genau das passiert ist. Wir reden hier vom 8. oder 9. April.

Woher wussten Sie, dass ein Mann erklärt haben soll, ins Nationalmuseum eindringen zu wollen, sobald die Amerikaner in Bagdad stehen?

YOUKHANNA: Durch Hinweise von Kollegen habe ich das vor einem Jahr gehört. Persönlich kenne ich den Mann nicht, aber ich habe seinen Namen erfahren. Mehr Details kann ich Ihnen nicht sagen, aber ich habe alle Informationen an die amerikanischen Ermittler weitergegeben, die im Museum tätig sind.

Haben Sie ihn ernst genommen?

YOUKHANNA: Natürlich. Irakische Antiquitäten sind allgemein sehr begehrt. Und eben auch auf illegalen Wegen. Besonders seit 1994 / 95 haben wir gewaltige Wellen von Plünderungen im Irak gehabt. Hunderte und nochmals Hunderte von Antiquitäten gelangten auf dunklen Kanälen außer Landes. Deshalb hat mich das nicht überrascht. Und wie es aussieht, hat sich das dann wirklich so ereignet.

Welche anderen Fakten lassen darauf schließen, dass hier Gangster am Werk waren, die sich bestens vorbereitet hatten?

YOUKHANNA: Es wurden gezielt die wertvollsten Stücke gestohlen, die wir in den Ausstellungsräumen gelassen hatten. Auch fand ich einige Glasschneider, was bedeutet, dass die Täter gut vorbereitet waren. Und die Tatsache, dass sie an den Repliken, die wir hatten, vorbeigingen, zeigt, dass sie Bescheid wussten und etwas von Antiquitäten verstanden - keine gewöhnlichen Plünderer.

Wie viel Geld kann man für diese Kulturgüter auf dem schwarzen Markt bekommen?

YOUKHANNA: Wenn Sie mich als Archäologen fragen, dann würde ich sagen, die Stücke, die aus dem Museum gestohlen wurden, sind mit Geld nicht zu bezahlen. Es gibt kein Geld, dass diese Stücke aufwiegen kann. Es sind Objekte der Geschichte der ganzen Menschheit.

Was sollte getan werden, um die Gü ter zurückzuerlangen?

YOUKHANNA: Jedermann sollte Ausschau halten nach den Stücken. Diese Objekte sind sehr bedeutende und vor allem sehr bekannte Stücke in der Welt der Archäologie und der Kunstgeschichte. Jeder weiß, dass diese Stücke aus dem irakischen Nationalmuseum stammen. Dann fordere ich jeden auf, seine Grenzen zu überwachen und die Orte, an denen solche Sachen eingeführt werden und natürlich auch die Örtlichkeiten, wo so etwas ausgestellt werden könnte. Das muss auf der ganzen Welt passieren.

Hat die Öffentlichkeit im Irak ein Bewusstsein für das Ausmaß dessen, was dem Land durch die Plünderungen angetan worden ist?

YOUKHANNA: Ja, natürlich! Jedermann war wirklich wütend. Und ich habe Leute getroffen, ganz normale Leute, die mir gesagt haben: die Verluste, die wir im Irak haben, stehen auf der einen Seite, aber die Verluste im irakischen Museum sind noch etwas anderes. Wirklich ein riesiger Verlust.

Besteht eine realistische Chance, etwas zurückzubekommen?

YOUKHANNA: Wenn die vielfältigen Bemühungen koordiniert werden und der gute Wille vorhanden ist, dann können wir die meisten Stücke zurückbekommen. In der Tat kommen ja jetzt schon Gegenstände zurück ins Museum. Ich denke, dass es bis jetzt über 1000 Objekte sind. Zurückgebracht von normalen Leuten. Es hat im Radio Aufrufe gegeben, dass eine Amnestie besteht, sogar Anerkennungsprämien sind ausgesetzt worden. Aber sehr viele Leute gaben Sachen zurück und haben Prämien zurückgewiesen.

Wie ist jetzt die Zusammenarbeit mit den Amerikanern?

YOUKHANNA: Nach den Plünderungen haben die Amerikaner das Museum rund um die Uhr bewacht. Sie tun das bis heute. Und es gibt eine Gruppe von Ermittlern, die direkt von Tommy Franks eingesetzt wurde und sofort mit der Arbeit begann. In der Tat arbeiteten wir gut zusammen - wie ein Team.