Von THOMAS AGTHE, 28.05.03, 07:25h
Die internationalen Banden, die den groß angelegten Raub von Kulturgütern im Schatten des Einmarsches der US-Armee im Irak organisierten, haben sich und dem weltweiten illegalen Kunsthandel möglicherweise einen Bärendienst erwiesen. Die Ausmaße der Plünderungen in dem Land, das einen erheblichen Teil des Kulturerbes der Menschheit birgt, erweisen sich als so katastrophal, dass Archäologen international zur Ächtung des Schwarzmarktes sowie zu wirksameren Maßnahmen gegen die wachsende Kunst-Kriminalität aufrufen.
So auch in der Bundeskunsthalle in Bonn, wo die Zunft der Historiker, Ausgräber und Museumsfachleute über die Möglichkeiten des Schutzes der Kulturgüter und der Forschung in Krisenzeiten und Kriegssituationen debattierte. Als Fazit der Tagung „Archäologie im Niemandsland“ steht die Forderung vor allem an die Regierungen der reichen Länder im Raum, die Täter aus eben jenem Niemandsland fehlender Gesetze und unterlassener Kontrollen hervorzuzerren und den globalen Handel mit Kulturgütern schärfer zu beobachten als bislang.
Die Urheber der Tagung hatten den Themenbogen über die zerrütteten Kriegsregionen Afghanistans und des Irak bis Bosnien-Herzegowina gespannt, doch die zeitnahen Berichte aus dem Irak standen im Mittelpunkt des Interesses. Walter Sommerfeld, Professor für Altorientalistik an der Uni Marburg, berichtete, dass der Raub von Kulturgütern aus dem Irak bereits mit dem Ende des Kuwait-Krieges und mit Beginn der internationalen Blockade des Landes eingesetzt hat. Der Süden wird systematisch ausgeplündert, auch durch eine verarmte Bevölkerung, die der schnelle und hohe Lohn der Raubgräberei anlockt. Kunst-Kriminelle, bestens organisiert und hoch technisiert, gehen Nacht für Nacht auf Beutezug auf dem geschichtsträchtigen Boden des ehemaligen Mesopotamien. Der „Interessent“ mit den entsprechenden Beziehungen vermag sich, so Sommerfeld, eine archäologische Kollektion zusammenzukaufen, die der gut sortierten Sammlung eines Museums nicht nachsteht.
Es folgte der Schock des zweiten Waffenganges, dessen Sieger den professionellen Plünderern und den wohl vorbereiteten Sendboten der Kunst-Mafia freie Hand ließen. Davon berichtete Dony George Youkhanna, Direktor des irakischen Nationalmuseums in Bagdad als unmittelbar Beteiligter. Während man Vorkehrungen gegen die Folgen von Beschuss und Bombardierung getroffen hatte, erwischten die Geschehnisse während des US-Einmarsches die verbliebene Museums-Crew kalt.
Und die Amerikaner ließen den Kriminellen reichlich Zeit: Sechs Tage lang durften sie im Museum wüten, bevor die Armee Panzer auffahren ließ. Und dies alles, obwohl Youkhanna nach den ersten drei Tagen der Plünderungen im Hauptquartier der Marines um HIlfe gebeten hatte. Die wurde ihm zugesagt, doch es vergingen noch einmal drei Tage, bevor die Panzer anrückten. Mittlerweile bemühte sich der Direktor mit zwei Mitarbeitern, das Museum zu „verteidigen“ - und musste mit ansehen, wie Plünderer die Bestände forttrugen.