Kölner Stadt-Anzeiger

Schriftgröße

„Gefahr seit Jahren unterschätzt“

Von NORBERT KURTH, 28.06.03, 07:02h

Selbst Fachleute sind vom Cannabis-Konsum überrascht.

Bild vergrößern
Gut besucht war die gemeinsame Veranstaltung der Drogenhilfe und von „Wir helfen“ zum Thema Cannabis im Bergheimer Kreishaus.
Bild verkleinern
Gut besucht war die gemeinsame Veranstaltung der Drogenhilfe und von „Wir helfen“ zum Thema Cannabis im Bergheimer Kreishaus.
Selbst Fachleute sind vom Cannabis-Konsum überrascht.

Bergheim - Lisa Lindberg ist ein erfundener Name. Die Geschichte, die Lisa Lindberg erzählt, hat die Autorin selbst erlebt: Es ist die Geschichte der Beziehung zu ihrer haschischsüchtigen, zuletzt ständig bekifften Tochter. Den mehr als 130 Besuchern geht der Lesestoff unter die Haut. Dass bei Jugendlichen manchmal „ohne Joint nichts läuft“ - so der Titel der Veranstaltung im Kreishaus - hatten sie schon mal gehört. Dass aber Haschisch und Marihuana, die Drogen aus der Cannabis-Pflanze, nach Ansicht von Fachleuten völlig unterschätzt, gefährlich und seit Jahren stetig auf dem Vormarsch in die Schulen sind, das haben sie so nicht gewusst.

Vielleicht haben sie es geahnt, denn der Einladung der Drogenhilfe Köln und des Vereins „Wir helfen“, der Aktion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ für Kinder und Jugendliche in Not, sind Eltern und Lehrer, aber auch Jugendliche gefolgt. Ihre Fragen zu beantworten, ist ein Ziel, dem Cannabis-Konsum den Schein der Harmlosigkeit zu nehmen, ein anderes. „Es geht darum“, sagte der Bergheimer Moderator Dr. Winfried Kösters, „was Eltern wissen sollten.“

Die nüchterne Einteilung des Abends in einen medizinischen, einen rechtlichen und einen pädagogischen Teil durchbrach Anne Kreft, die Leiterin der Suchtprävention, durch die Lesung jeweils einer Episode aus dem Buch von Lindberg. Dazu gab es Zahlen, die Staunen hervorrufen. Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Cannabis, doppelt sie viele wie 1974. Ein Viertel der 14 bis 24-jährigen hat Erfahrung, die Zielgruppe sind die 14- bis 16-jährigen. Das viel gebrauchte Argument, Alkohol sei viel schlimmer, wischt Kösters so vom Tisch: „In den Schulen wird in den Pausen kein Alkohol getrunken, dort wird gekifft.“

Die Konsumenten werden immer jünger. Hauptkommissar Karl Klaus Signon, in Köln zuständig für Drogenprävention, berichtet von zehn- und elfjährigen Kiffern. Für Anne Kreft ist das stetig gesunkene Einstiegsalter eins von drei Alarmzeichen. Dazu kommt immer öfter der tägliche Konsum sowie die „Qualität“ des Stoffes, damit ist der Anteil von THC (Tetrahydrocannabinol) gemeint, der ist in den vergangenen 20 Jahren um ein Vielfaches gestiegen ist - und mit ihm Wirkung und mögliche Folgen. Aus der Praxis werden als akute Folgen Herzrasen, Gedankenchaos und Sinnestäuschung beschrieben. Langfristig könne Kiffen zur Einschränkung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit führen - und etwa zu Asthma. Im schlimmsten Fall komme es zu psychischen Störungen, die behandelt werden müssten. Cannabis mache psychisch abhängig. Auch Selbstmordversuche gingen auf das Konto des Kiffens.

Dass Cannabis bis vor einiger Zeit auch von professionellen Beratern als relativ harmlos angesehen wurde, bestätigten viele Mütter und Väter im Kreishaus. Inzwischen habe sich dort aber viel geändert, meint Jutta Göpel von der Drogenhilfe.

Dass es sich bei Konsum von Cannabis um eine Straftat handelt, die von der Justiz verfolgt wird, machte Signon unmissverständlich klar. Und: Jugendliche, die bekifft Auto fahren, verlieren ihren Führerschein.

Eine wichtige Zielgruppe für die Drogenhilfe sind die Eltern. Für sie gibt es eine besondere Beratung. Dr. Jürgen Rolle, Leiter des Sozialpädagogischen Instituts in Köln und Vorsitzender des Kreis-Sozialausschusses, rät betroffenen Vätern und Müttern: „Ruhe bewahren.“ Er erinnert daran, dass Jugendliche mit dem Konsum auch eine Grenze überschreiten und damit Erfahrung sammeln.

Der kürzlich erneuerte Forderung der Jungen Liberalen, das „harmlose“ Haschisch zu legalisieren, findet Anne Kreft zumindest in einem Punkt bedenkenswert: „Es ist gut, die Jugendlichen zu entkriminalisieren.“ Die Argumente der Julis teilt sie aber nicht. „Haschisch ist nicht harmlos.“ Die Drogenhilfe ist unter 02233 / 709259 in Hürth zu erreichen.

 www.partypack.de