„Wie in einer großen Familie“

Von BIANCA WILKENS, 21.06.06, 07:39h

Erftstadt-Ahrem - Die Einwohner von Ahrem schwören auf den Zusammenhalt im Ort. Dem Schützenfest, das Gäste von weither anlockt, fiebern sie schon jetzt entgegen.

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Ein Bürgersteig fehlt in der Gennerstraße, finden die Einwohner.
Dem Schützenfest, das Gäste von weither anlockt, fiebern die Ahremer schon jetzt entgegen.

Erftstadt-Ahrem - Kindergeschrei ertönt aus dem katholischen Kindergarten St. Johann Baptist in Ahrem. Die 25 Kinder in dem eingruppigen Kindergarten sausen die Rutsche hinunter, balancieren auf dem Klettergerüst und graben ihre Hände in den Sand. Es erscheint wie eine ganz gewöhnliche Szene im Dorf. Doch bis vor einigen Wochen war nicht klar, ob das Lachen und Krakeelen an der Gennerstraße vielleicht bald verstummen würde.

Über ein Jahr plagte die Erzieher und die Kindergartenleiterin die Ungewissheit, ob der Kindergarten weiter bestehen kann oder nicht. „Wir haben eine Flasche Sekt aufgemacht, als wir die Zusage vom Erzbistum Köln zum Fortbestand bekommen haben“, sagt Leiterin Katharina Käfer. Ein starker Verlust wäre es gewesen. Nicht nur, weil die Eltern eine Menge Arbeit in die Einrichtung gesteckt hatten, zum Beispiel in den Bau des Spielhauses. Das mache den Charakter des Ortes aus: „Wenn irgendwer Hilfe braucht, ist jemand da“, sagt Käfer. „Es ist wie in einer großen Familie.“ Nachbarin Fine Zimmermann stimmt ein in den Lobgesang: „Diesen Zusammenhalt gibt es in keinem anderen Ort.“

Ahrem zählt 1131 Einwohner. Gemessen an der geringen Einwohnerzahl, hat der Ort eine erstaunlich große Zahl an Handwerksbetrieben, darunter Dreherei, Glaserei, Schreinerei, Gärtnerei, Friseur, Bäckerei, außerdem eine Baumschule und einen Zulieferbetrieb für die Landwirtschaft. Zwar können die Handwerker sich nicht in Geschäften mit Lebensmitteln eindecken. Aber immerhin hat jetzt wieder die Gaststätte „Stump“ geöffnet. Nachdem 2005 ein Streit mit den Nachbarn über die Lautstärke entbrannt war, hatte der ehemalige Besitzer das Handtuch geworfen. Seit sieben Monaten stehen Rüdiger Lauch und Kerstin Bergerhausen als neue Eigentümer am Zapfhahn.

Dass die Kneipe nun nicht verstaubt, macht Rentner Hugo Wirtz, der sich mit der Dreherei in dem ehemaligen Schulgebäude 1969 selbstständig gemacht hat, besonders glücklich. „In der Kneipe erfährt man immer, was los ist im Ort“, sagt Wirtz. Zum Beispiel sonntags. Dann geht er zum Kartenspielen in die Gaststätte und kann seiner Frau danach alles Neue berichten. Auch für die 15 Kegelclubs (gemischte Teams, Damen- und Herrenmannschaften) war das Schließen der Gaststätte eine schmerzliche Erfahrung, da sie auf andere Kegelbahnen ausweichen mussten. „Das ist unsere Hausbahn. Es ist schon unangenehm, so ein Stück Heimat zu verlieren“, sagt Rudi Nipp, Präsident der „Sanften Schieber“.

Heute richtet sich die Aufmerksamkeit der Gäste aber weniger auf die Kegelbahn, sondern auf den Fernseher. Die Niederlande spielen gegen die Elfenbeinküste - WM-Fieber, auch in Ahrem.

Detlef Fuchs, der früher in Bornheim wohnte, sitzt am Tresen. Vor fünf Jahren hatte er sich für Ahrem als Wohnort entschieden. Seine Bilanz: freundliche, tolerante Leute in einem sicheren Ort. Freundlich, weil jeder jeden morgens begrüßt, „egal, wer kommt“ und weil Fuchs drei Tage nach dem Einzug vom Nachbarn zum Kommunionsfest eingeladen wurde; sicher findet er es, weil sie die Rollladen hoch- und runterlassen, wenn er in Urlaub fährt; tolerant, weil „keiner meckert, wenn abends um 22 Uhr die Musik laut ist“. Ein Ahremer ist Fuchs aber erst seit jenem Tag, als er durch den Mühlenbach gewatet war. Nein, Alkohol habe bei der „Taufe“ keine Rolle gespielt, sagt er mit einem Augenzwinkern. Ein anderer Mann an der Theke gibt Nachhilfe in Ortskunde. Am Hommerich gebe es die „Dackelsiedlung“. Jeder besitze dort einen Hund. Das Knochendorf liege am Friedhof. In der Ortsmitte befinde sich die Altstadt, und dann gebe es den so genannten Hahnwald, das Neubaugebiet an der Pfarrer-Paul-Huhnen-Straße, vergleichbar mit Köln-Rodenkirchen. Ja, und dann sei da noch „Falcon Crest“. Übersetzt heißt das Reitstall Weber - ein großes Anwesen mit Reithalle und etwa 35 Pensionspferde.

Neben dem Reitstall Weber gibt es den Laacher Hof mit etwa 80 Pferden, wo vor allem Kinder gefördert werden. Fünf Brühler Mädchen warten auf ihre Reitstunde und lassen lässig ihre Beine über den Holzzaun baumeln, während eine Gruppe Teenager die Anweisungen der Reitlehrer auf dem Paddock befolgt und eine weitere Gruppe sich der Pflege der Pferde widmet. „Das Gute ist, dass die Kinder und Jugendlichen durch das Reiten von der Straße sind“, sagt Reitlehrerin Yvonne Engel.

Almut Eilers leitet den Stall und zählt zu den Zugezogenen im Ort. „Als Fremder hat man es nicht ganz leicht hier. Es ist eben ein richtiges Dorf.“ Und alles sei auf die Vereine zugeschnitten. Vor allem die St.-Johannes-Schützenbruderschaft Ahrem und der SSV „Rot-Weiß“ Ahrem prägen den Ort. Als Besuchermagnet preisen die Ahremer einhellig das Schützenfest an, das am Wochenende gefeiert wird. „Dann herrscht drei Tage lang der Ausnahmezustand. 1000 Leute stehen am Samstag im Zelt“, sagt Karl-Heinz Struwe, der gerade Zementsäcke zum Bau seines Hauses schleppt.

Während sich die Einwohner um ihr Schützenfest offenbar keine Sorgen machen müssen, bangen sie um lieb gewonnene Einrichtungen. „Die sterben aus“, befürchtet Struwe und spielt damit auf das Schließen der Raiffeisenbank am Hermeshof an. Dass das Gebäude seit über einem Jahr leer steht, ärgert Paul-Heinz Koll, Mitinhaber der benachbarten Glaserei. „Die hätten wenigstens einen Briefkasten anbringen sollen, damit die älteren Leute nicht für jede Überweisung nach Lechenich fahren müssen“, sagt Koll.

Kein Bürgersteig

Kritisiert wird auch der fehlende Bürgersteig auf der Gennerstraße, der Hauptstraße von Ahrem. „Die Autos parken bis an die Häuserwände. Mit Kindern müssen sie dann auf die Straße gehen“, sagt Hugo Kirchharz. „Dass da nicht längst etwas passiert ist“, wundert sich Kirchharz. Das vorgeschriebene Tempo 30 werde obendrein selten eingehalten. „Selbst wenn man am Zebrastreifen mit Kindern steht, brettern die Fahrer einfach darüber“, bestätigt Stephanie Misselich. Dennoch fühlt sie sich nach ihrem Umzug vor fünf Jahren wohl hier. „Die Ahremer sind freundlich - und feierfreudig.“

Wie zum Beweis dröhnt „Da simmer dabei, dat is prima“ vom Schützenhaus herüber - Vorboten einer Feier, wie sich herausstellt. Marco Zimmermann, Familie Filz und hilfsbereite Nachbarn richten den Bierwagen und die Tische am Vereinsheim her. Der Grund: Tanja Schneider und Dirk Filz haben sich verlobt und zu einem Umtrunk eingeladen - bei herrlichem Sommerwetter. Für Freund Zimmermann sind die Sonnenstrahlen keine Überraschung: „Wenn ein Ahremer feiert, scheint immer die Sonne.“


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