Von GERHARD BAUER, 13.06.05, 07:03h
Ein Musiker im Kreise seiner Halbgötter, Kinder, Weggefährten - da mag es viele Vertrautheiten, Dialoge oder auch Dispute geben, schöne Zeugnisse jedenfalls einer lebenslangen Demut im Dienste der Kunst. Alfred Brendel hat jetzt - und wieder einmal, natürlich! - Momente seiner Glücks- und Erfolgsgeschichte nach- und miterleben lassen, Erlesenes von Mozart (Duport-Variationen), Schubert (Moments Musicaux, op. 94), Haydn (C-Dur-Sonate, Hob. XVI / 48) und - als Zugabe - Beethoven (langsamer Satz aus der „Pastoral“-Sonate, op. 28). Es war wahrlich erlesen - in Werk und Wiedergabe.
Im Zentrum stand jenes Werk, das Brendel für das größte von Schumann hält: die „Kreisleriana“, acht Fantasien, gewonnen aus den Fantastereien des Kapellmeisters von E.T.A. Hoffmanns Gnaden. Literarische Assoziationen etwa des Dämonischen, Skurrilen, Zerrissenen beschwor Brendel diesmal seltener.
Als Zeichen und Inbegriff einer umfassend großen Leidenschaft entwarf er große harmonische Flächen, in denen die spitzen Akzente, rhythmischen Verschiebungen, emotionalen Verdunklungen eher latent als konstitutiv vorhanden waren. Der wahnwitzige Kreisler wurde solcherart quasi ins Normale gerückt, und weil die lyrischen „Lento assai“-Herrlichkeiten des vierten und sechsten Stücks unter dem großen Brendelschen Innigkeitston zurückblieben, schien Schumanns Ausbruch in schwärzeste Nachtromantik in seiner Wirkung diesmal um eine Nuance besänftigt.
Aber das stille Leuchten gab es in Sonderheit im Schubertschen Wien-Kosmos, dort vor allem in den As-Dur-Stücken. Bei Mozart, wo die tänzerische Heiterkeit der Oktav-Variation auffiel, in der Moll-Variation, bei Haydn in herzzerreißendem Übermaß im „Andante con espressione“. Und bei allen Werken des Abends schien es, als sei Musik auf dem Rückzug, auf der Flucht vor sich selbst. Das sacht Verklingende und gelassen Verrinnende zeichneten als das Wesentliche der Musik den Verzicht auf Äußerlichkeiten aus - das Wesentliche auch von Alfred Brendels Kunst.
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