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Wölfe: Die Rückkehr der Wölfe

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Erst seit zwölf Jahren ist der Wolf in Deutschland wieder heimisch geworden.  Foto: dpa
Ein tödlicher Schuss setzte der Wanderung eines Wolfes im Westerwald ein jähes Ende. Der Jäger aus Bad Honnef, der den Schuss abgefeuert hatte, muss sich nun vor dem Amtsgericht Montabaur verantworten.  Von
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Mehr als 1000 Kilometer hat er zurückgelegt, Staatsgrenzen überwunden, Landesgrenzen hinter sich gelassen. Doch als der Wolf Rheinland-Pfalz und schließlich den Westerwald erreicht, setzt ein tödlicher Schuss am Abend des 20. April seiner langen Wanderung ein plötzliches Ende: Ein 71 Jahre alter Jäger aus Bad Honnef (Rhein-Sieg-Kreis) legt an und schießt. Der Kadaver wird nur durch Zufall entdeckt, die Naturschützer schlagen Alarm. Erst zwei Tage meldet sich der Schütze bei der Polizei, er habe das Tier für einen wildernden Schäferhund gehalten und im Wald zurück gelassen.

Weil das Mitglied des Hegerings Siebengebirge aber Widerspruch gegen einen Strafantrag der Koblenzer Staatsanwaltschaft in Höhe von 2500 Euro einlegt, muss sich der Jäger am Freitag, 14. Dezember, vor dem Amtsgericht in Montabaur für den Todesschuss verantworten. Noch vor der Gerichtsverhandlung fordern indes nicht nur Jäger und Naturschützer ein strenges Vorgehen gegen den Mann, der noch dazu in einem ihm fremden Gebiet auf die Jagd gegangen ist – warum, auch das muss nun vor Gericht geklärt werden.

„Es geht in jedem Fall um einen schießwütigen Kollegen, der dem Ruf aller Jäger schadet“, sagt Georg Zumsande, selbst Mitglied im Hegering Siebengebirge und Jagdaufseher. „Der Schuss hätte niemals fallen dürfen, selbst wenn dort wirklich ein Hund gewildert hätte.“ Der Vorstand des Hegerings gibt sich indes abwartend: „Wir wollen keinem juristischen Urteil vorgreifen“, sagt Rolf Werning, der Vorsitzende. Erst nach dem Prozess werde über die weitere Mitgliedschaft des Mannes im Hegering entschieden. Längst ist zudem eine Diskussion entbrannt, wie Tiere, die als nahezu ausgestorben gelten, aber heute in ihre früheren Lebensräume zurückkehren unterstützt werden können (siehe unten).

Fast 120 Jahre galt der Wolf als ausgerottet, erst seit zwölf Jahren ist er in Deutschland wieder heimisch, nachdem sich ein Rüde 1995 auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Muskauer Heide (Sachsen) angesiedelt hatte. Das Tier sollte nicht lange allein bleiben: 1998 kam eine Wölfin hinzu, seither lebt dort ein ganzes Rudel. Eingewandert waren beide aus Polen, während der im Westerwald erschossene Wolf nachweislich aus Italien stammt, Tierfreunde tauften ihn „Pierre-Luigi“.
Nach Angaben von Vanessa Ludwig, Projektleiterin der „Wolfsregion Lausitz“ in Rietschen (Landkreis Görlitz), sind in Deutschland derzeit 16 Wolfsrudel nachgewiesen, zwölf davon in Sachsen und Südbrandenburg. Zudem gebe es bundesweit ein weiteres Wolfspaar und sechs einzelne Tiere. Von einer günstigen Situation könne man aber auch heute noch nicht sprechen, bedauert Ludwig: „Das wäre erst bei 1000 erwachsenen und fortpflanzungsfähigen Tieren der Fall.“ Eine Prognose möchte sie nicht wagen: „Auf Grund der großen Anpassungsfähigkeit des Wolfes ist jedoch damit zu rechnen, dass er sich weiter ausbreitet.“

Zuletzt wurden in der Lüneburger Heide drei Jungwölfe gesichtet, zudem hat sich ein junger Rüde im Kreis Segeberg (Schleswig-Holstein) niedergelassen, von ihm gibt es seit dem vergangenen Juli etliche Aufnahmen aus so genannten Fotofallen. „Und diese beweisen, dass das Tier tatsächlich bei uns bleibt“, bestätigt Janine Kreis vom jüngst gegründeten Wolfsinformations-Zentrum im Wildpark Eekholt bei Großenaspe. Sie vermutet, dass der Wolf aus Mecklenburg-Vorpommern stammt. „Sollten ihm noch weitere Tiere folgen, so sind wir auf jeden Fall auf sie vorbereitet“, betont die Expertin und lobt das Land Schleswig-Holstein dafür, dass jenes Informationszentrum im voraus etabliert wurde. „Denn früher gab es nur vage Hinweise darauf, dass der Wolf irgendwann auch in den Norden kommen könnte.“

Obwohl der Wolf schon lange in Sachsen lebt, so ist sein Vorkommen dort noch immer nicht selbstverständlich: „Das wird noch eine ganze Zeit brauchen“, ahnt Wolfgang Riether, Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Konfliktfrei wird diese Beziehung nie sein. Dazu sitzen die Jahrhunderte alten Ängste der Menschen zu tief“, urteilt Riether. Auch fürchtet er, dass die Jäger auf solches Wild ebenfalls Ansprüche erheben könnten.

Der Luchs
Der Fischotter
Der Bär
Die Wildkatze

200 Jahre nach seiner Ausrottung kehrt der Luchs nur langsam in alte Lebensräume zurück. Seine Lebensräume sind isoliert, auch ist er viel empfindlicher gegenüber der Zerstückelung von Landschaften als der Wolf. Luchse wurden im Harz durch ein Auswilderungsprojekt seit 1999 gezielt und erfolgreich wiederangesiedelt. Populationen gibt es zudem im Bayerischen Wald, Pfälzer Wald und Spessart. Schätzungen gehen von 15 bis 20 Luchsen im Bayerischen Wald und höchstens 30 Tieren im Harz aus. Alle großen, wenig zerschnittenen Waldgebiete Deutschlands mit viel Rehwild sind als Lebensraum für den Luchs geeignet. Er kann sich indes nur weiter ausbreiten, wenn es mehr grüne Wanderkorridore gibt. Der Luchs steht im Jagdrecht mit ganzjähriger Schonzeit, er ist streng geschützt. (höh)

Nach der Verfolgung durch Menschen sind Fischotter selten geworden, jedoch nie ausgestorben. Heute fehlen passende Lebensräume, da viele Ufer verbaut werden. Lebensräume des Otters sind naturnahe, saubere, fischreiche Gewässer mit dicht bewachsenen Uferbereichen. Die Bestände in Ost- und Norddeutschland wachsen derzeit wieder, in den vergangenen Jahren konnte der Fischotter viele Gebiete zurückerobern. Die Gesamtzahl schätzen Experten auf 1000 bis 1500 Tiere. Die stärksten Bestände gibt es in Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und mittlerweile auch in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Laut Roter Liste ist der Fischotter gefährdet, in einigen Bundesländern, etwa in Bayern, sogar vom Aussterben bedroht. Zur Wiederansiedlung gibt es zahlreiche Projekte. (höh)

Bisher ist der Bär noch nicht nach Deutschland zurückgekehrt. Dabei könnte das Tier viele große Waldgebiete in Deutschland besiedeln. Vor allem Bayern und Baden-Württemberg grenzen an Länder mit Bärenbeständen, daher werden dort immer wieder Bären von Süden her einwandern. Ob sie dann eine Überlebenschance haben oder wie der „Problembär Bruno“ enden, liegt an der Bevölkerung. Bruno – im Bild ausgestopft im Münchner Museeum –, ein aus Italien stammender Braunbär, war im Juni 2006 auf der Kümpfl-Alm in Bayrischzell (Landkreis Miesbach) erschossen worden. Projekte zur Ansiedlung von Bären gibt es nicht. Die größte Braunbären-Population Europas lebt derzeit in Rumänien. Problematisch ist, dass die Tiere sich auf der Nahrungssuche immer wieder Siedlungen nähern. (höh)

Wildkatzen sind nie ganz aus Deutschland verschwunden. Kleine Bestände überlebten im Westen – vor allem in der Eifel – und der Mitte der Bundesrepublik. Von dort breiten sie sich langsam wieder in angrenzende Wälder aus, heute geht man von einem Bestand von 5000 bis 7000 Wildkatzen aus. Zuletzt konnten Wildkatzen auch im Bonner Kottenforst sowie im Siebengebirge bei Königswinter (Rhein-Sieg-Kreis) gefunden werden. Sie brauchen zum Überleben naturnahe Laub- und Mischwälder mit viel Unterholz, viele dieser Lebensräume sind aber durch Straßen, Siedlungen und Ackerflächen für die Katze nicht erreichbar. Ziel ist eine Vernetzung von Forstgebieten, um der Wildkatze das Abwandern in neue Lebensräume zu ermöglichen. Wildkatzen stehen als gefährdet auf der Roten Liste. (höh)

Dem widerspricht Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdschutzverbandes (DJV) mit Sitz in Berlin. Er verweist auf „mehrere hundert Jäger bundesweit“, die sich derzeit zu Wolfsbeauftragten ausbilden ließen, finanziert durch den Verband, und die niedersächsische Bildungsinitiative „Wölfen auf der Spur“: „Diese wurde ins Leben gerufen, um das Thema »Rückkehr der Wölfe« in die Schulen zu transportieren.“ Aber sind Jäger heute überhaupt in der Lage, einen Wolf zu erkennen und im Ernstfall von einem Hund zu unterscheiden? „Natürlich, ja“, sagt Reinwald. „Grundlage ist unter anderem eine fundierte Artenkenntnis, die Jäger in einer umfassenden Ausbildung erlangen.“ In 120 Stunden Theorie plus Praxisunterricht lernten die Prüflinge nicht nur Tiere und Pflanzen zu bestimmen. „Weitere wichtige Fächer sind etwa Naturschutzrecht, Waffenhandhabung oder Jagdrecht. Jäger sind Naturschützer mit staatlicher Prüfung.“

Das Verhalten des Jägers aus Bad Honnef sei scharf zu verurteilen und nicht zu entschuldigen. Gleichwohl will der DJV ebenfalls den Prozess in Montabaur abwarten und erst bei einer rechtskräftigen Verurteilung ein verbandsinternes Disziplinarverfahren anstrengen. Bei einer Verurteilung durch das Gericht könnte es zu einer Haftstrafe von maximal drei Jahren kommen.

Die Kreisjägerschaft Rhein-Sieg will unterdessen weiteren Vorfällen vorbeugen und organisiert Lehrfahrten, etwa in den thüringischen Hainich. Dort leben große Wildkatzen-Vorkommen. „Und zuletzt waren wir in der Lausitz, um uns über Wölfe aufklären zu lassen“, schildert Norbert Möhlenbruch aus Hennef, Vorsitzender der Kreisjägerschaft und selbst Forstdirektor.
Trotz rückläufiger Pachtzahlungen und einer schwierigeren Jagd begrüße er die Rückkehr des Wolfes: „Denn sie verdeutlicht das immer noch große Potenzial unserer Landschaft trotz aller Veränderungen.“

Fast jede deutsche Region ist „wolfstauglich“

Wölfe sind echte Wander-Meister, 70 Kilometer kann ein solches Tier am Tag zurücklegen. Und Studien zeigen, dass das Revier eines Rudels eine Größe zwischen 49 und 375 Quadratkilometer haben kann. So ist der Fall eines Amerikanischen Wolfes bekannt, der mehr als 5000 Kilometer lief, bevor sich weit entfernt von seinem Geburtsort niederließ.

Eine weitere Zuwanderung ist durchaus möglich. „Wenn wir die Wanderstrecke eines Wolfes als Radius um die Eifel oder das Siegerland ziehen, kommt theoretisch jede Wolfspopulation innerhalb von Europa in Frage“, sagt Markus Bathen (40), Wolf-Experte beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Seit fünf Jahren leitet der Kölner das in Spremberg (Lausitz) beheimatete „Projektbüro Wolf“.
„Wolfstauglich“ ist laut Bathen bis auf die Stadt-Bundesländer Hamburg, Bremen und Berlin jede deutsche Region Deutschlands, selbst das nur dünn bewaldete Schleswig-Holstein. Das Öko-System sei also darauf angepasst, dass der Wolf darin lebt. „Ohne den Wolf ist unsere Natur unvollständig.“

Denn Wildnis benötigt der Wolf nicht zwingend. „Er ist ein idealer Kulturfolger, der in unserer Landschaft, so wie wir Menschen sie bewohnen und bewirtschaften, sehr gut leben kann“, sagt Bathen. Und indem diesem Tier erneut Lebensraum zugestanden würde, „stellt unsere Gesellschaft unter Beweis, dass wir uns von der stereotypen Bewertung des Mittelalters gelöst haben, in der ein Tier nur gut oder böse sein konnte“. Für den Fachmann ist der Wolf „garantiert kein Kuscheltier, aber er ist eben auch keine Bestie“.

Von einem „Problemtier“ möchte Bathen nichts hören: Seit der „offiziellen Rückkehr des Wolfes“ nach Deutschland sei kein Mensch von einem solchen Tier angegriffen worden. „Man kann schon den quakenden Frosch in Nachbars Gartenteich als Problemfrosch bezeichnen“, sagt er. „Hilfreich finde ich diese Bezeichnung überhaupt nicht, denn im Fall der Wölfe werden wir die Zukunft unsere Landschaft mit diesen Tieren zu teilen haben.“
Erst mit der Wiedervereinigung wurde der Wolf in West und Ost gleichermaßen unter Schutz gestellt, allein im Osten Deutschlands sollen in den Jahren zwischen 1945 und 1990 mindestens 29 Wölfe zur Strecke gebracht worden sein. Wolfgang Riether (59) vom BUND in Sachsen spricht von zwei wesentlichen Faktoren, die einen Wolf sesshaft werden lassen: „Zum einen ausreichend Wild – Rot- und Rehwild, Schwarzwild vor allem – und zum anderen Ruhezonen für die Jungenaufzucht. Da er den Mensch meidet, sollten diese Ruhezonen groß sein.“ (höh)

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