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Extravagante Läden in Köln

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Die Spezialisten: Klassische Noten und nette Anekdoten

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Bis unter die Decke des Einraumladens türmen sich die Notenbücher und -stapel. Foto: Csaba Peter Rakoczy
Im Traditionsgeschäft von Georg Becker-Bieler werden Instrumentalisten, Chöre und Musikstudenten fündig. In dem Laden gibt es Noten für die ausgefallensten Stücke, allerdings ausschließlich für den klassischen Bereich.  Von
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Das Geschäft von Georg Becker-Bieler gehört nicht gerade zu denen, die beim Schaufensterbummel ins Auge fallen könnten. Aufgrund seiner eher versteckten Lage unterscheidet der Inhaber daher lächelnd zwischen seiner "Verlauf-Kundschaft" und den Stammkunden, wobei Erstere oft relativ schnell ins Lager der zweiten Kategorie überlaufen und da über viele, viele Jahre treubleiben. Ja, wo soll sich der Klavier-, Geigen- oder Oboenschüler denn sonst in Köln Noten für die ausgefallensten Stücke besorgen - wenn nicht in dem alteingesessenen Laden am Thürmchenswall?

Dass der Musikliebhaber dort auf den Urenkel des Geschäftsgründers stößt, ist allerdings mehr ein Zufall. Georg Becker-Bieler hat Bürokaufmann gelernt und als Tischler gearbeitet. Am ein oder anderen Regal im Verkaufsraum kann man erkennen, dass in ihm, der früher auch für das Möbelhaus Pesch tätig war, "immer noch ein Handwerkerherz" schlägt.

Der 51-Jährige hat zwar ein wenig Klavier, Gitarre und Mundharmonika gelernt, "aber da spielt jeder, der hier reinkommt, sicher besser als ich", meint er lächelnd. Nun wird ihm kein Vorspiel abverlangt, sondern Notenkenntnis im Sinne von Sortiment-Übersicht, und die hat Becker-Bieler allemal.

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An den Wänden des nur aus einem Raum bestehenden Geschäfts türmen sich 200 000 bis 250 000 Notenhefte bis zur Decke: Es sind ausschließlich Noten für den klassischen Bereich: Orgelmusik, Klavierwerke, Weihnachtslieder, Kantaten, Motetten, Opern. Ein Teil des Sortiments stammt aus dem eigenen Musikverlag, außerdem findet man eine kleine Auslese an Musikerbiografien sowie antiquarisches Notenmaterial.

Ursprünglich konnte man in der 1860 von Carl Bieler in Appellhofplatz-Nähe gegründeten Firma an der Elstergasse alles Mögliche bekommen. Das Geschäft war Zigarrenkontor, Kochbuchverlag, Vermittlung für Künstler und Arbeitskräfte in der Gastronomie und auch Notengeschäft. Erst als es 1918 in die Obhut des Musikprofessors Edmund Bieler kam, erfolgte die Spezialisierung in Richtung Musik.

Dieser Edmund Bieler, erzählt sein Nachfahre, sei mal als Cellist im Gürzenich-Orchester eingesprungen. Es galt das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms zu spielen. Dabei hätte es wohl hinsichtlich des Cello-Solos im dritten Satz "Querelen mit dem Dirigenten" gegeben. Bieler habe sich durchgesetzt. Nach dem Konzert sei überraschend der alte Brahms zu dem Musiker getreten und habe gesagt: "Junger Freund, Sie haben das Konzert gerettet!"

Wahrscheinlich könne seine Mutter unzählige solcher kleinen Musiker-Anekdoten berichten, sagt Georg Becker-Bieler. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Musikalienhandlung zunächst an der Zülpicher Straße wiederaufgebaut, 1987 erfolgte der Umzug in die Nähe der Musikhochschule.

Natürlich gehören sowohl Studenten als auch Dozenten zu Becker-Bielers Kundenstamm. Darüber hinaus Orchestermusiker, Kirchenchöre, der WDR und viele private Musikliebhaber, die ein Instrument spielen. "Früher lernte man ja in der Schule noch Blockflöte spielen und musste damit zwangsläufig Noten lesen können", sagt der 51-Jährige. "Aber wer kann das von den Schülern heute noch?"

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