26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Analyse nach der Pleite: Darum verlor der 1. FC Köln gegen Hertha BSC
27. February 2016
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Analyse nach der Pleite: Darum verlor der 1. FC Köln gegen Hertha BSC

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Enttäuschung nach dem Spiel: Kölns Dominic Maroh (l-r), Anthony Modeste und Dominique Heintz.

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dpa

Vor geraumer Zeit hat Peter Stöger beschlossen, sich nach Spielen des 1. FC Köln nicht mehr über die Leistung des jeweiligen Schiedsrichters zu äußern. Zum Teil war das eine aus Resignation gewachsene Entscheidung, sie diente aber auch dem Selbstschutz. „Ich habe gemerkt, dass es mir persönlich nicht weiter hilft“, sagte der Trainer im November. Bislang hat er sich – von dezenten Hinweisen im Subtext mancher Aussage abgesehen – an sein Vorhaben gehalten. Auch am Freitagabend.

Der FC hatte soeben die vierte Heim-Niederlage der Saison hinnehmen müssen, die Kölner unterlagen Hertha BSC mit 0:1. Der nächste Rückschlag eine Woche nach der Derby-Niederlage in Mönchengladbach. Stöger machte, als er das Geschehene analysierte, nicht den Eindruck, als falle es ihm schwer, wieder nicht über den Schiedsrichter zu sprechen. Dabei hatte sich der Österreicher während des Spiels offensichtlich über bestimmte Entscheidungen von Tobias Stieler geärgert.

Aber nein, kein Wort dazu. Der Trainer beschrieb recht nüchtern die Situation seiner Mannschaft nach dem Auftakt in diese als richtungsweisend für den weiteren Saisonverlauf deklarierte Englische Woche, die am Dienstag in Ingolstadt weitergeht und am darauf folgenden Samstag gegen Schalke enden wird: „Es ist schon okay, dass wir da stehen, wo wir stehen“, sagte Stöger. „Für mehr ist es möglicherweise in verschiedenen Bereichen einfach nicht genug.“

Dieses Resultat der Selbstreflexion wird manch einen Fan des Klubs womöglich betrüben, klang vor allem angesichts der schaurigen ersten Halbzeit der Kölner aber plausibel. Allerdings konzentrierten sich nicht alle Beteiligten bei der Ursachensuche nur auf sportliche Aspekte – dafür war manchen der Ärger über den Schiedsrichter und die Gegenspieler zu groß.

„Spielen in der größten Handball-Arena Deutschlands“

Wieder einmal sah sich der FC benachteiligt, diesmal in Bezug auf zwei Vorgänge: Zum einen spielte Berlins Per Skjelbred den Ball in der 73. Minute im eigenen Strafraum elfmeterreif mit der Hand. In einer Mischung aus Süffisanz und Missmut erklärte dazu etwa Jörg Schmadtke: „Wir haben ein bisschen das Gefühl, dass wir in der größten Handball-Arena Deutschlands spielen.“ Der Geschäftsführer führte diesen Gedanken aus: „Wir haben in den letzten Wochen häufig Entscheidungen, die im Zweifelsfall gegen uns sind, die uns benachteiligen. Ob wir darüber reden oder nicht, ist egal, das ändert nichts.“

Zum anderen empfanden die Kölner das Verhalten der Hertha-Spieler bei Unterbrechungen als Verzögerungen jenseits der Grenzen sportlicher Fairness. „Was die Berliner an Zeitspiel gemacht haben nach dem 1:0, das hatte nichts mit Fußball zu tun“, sagte etwa Dominique Heintz, Verteidiger des FC. Und Kapitän Matthias Lehmann erklärte: „Am Ende kann man wieder alles aufzählen – Zeitspiel, den nicht gegebenen Elfmeter, den Pfostenschuss. Aber am Ende zählt das Resultat – und das ist zum Kotzen.“

Lesen sie auf der nächsten Seite, wie die FC-Profis die eigene Leistung einschätzen.

Einig waren sich die Kölner jedoch auch darin, dass sie nicht gut gespielt hatten. Und diese Erkenntnis war wichtig, denn die Niederlage an Entscheidungen des Schiedsrichters festzumachen, wäre nach dem uninspirierten Auftritt zwar bequem gewesen – mehr aber auch nicht. In der ersten Halbzeit fanden die Kölner keinen Zugriff auf die Berliner, die den Ball laufen ließen, ohne dabei ständig um die Kreation von Chancen bemüht zu sein, aber eben auch ohne dem FC die Möglichkeit auf Ballgewinne und Umschaltspiel zu ermöglichen. Im Zweifel wählte die Mannschaft von Trainer Pal Dardai die Sicherheitsvariante und band Torwart Rune Jarstein ein.

Der mit drei zentralen Abwehrspielern und zwei offensiven Außenverteidigern agierende FC fand nicht zu effektivem Pressing und daher kaum einmal eine Lösung, der Berliner Ballzirkulation ein Ende zu setzen. Jonas Hector und Matthias Lehmann konnten das Spiel nicht ordnen, Yannick Gerhardt und Leonardo Bittencourt hatten Probleme mit strukturiertem Anlaufen ihrer Gegenspieler. Und wenn die Kölner doch einmal einen Angriff fuhren, dann waren sie zumeist überhastet und unpräzise. „Wir sind nicht richtig ins Spiel gekommen, hatten viele Ballverluste, sind nicht so in die Zweikämpfe gekommen, wie wir das gern gehabt hätten“, sagte Stöger über die erste Halbzeit.

Spät aufblühende Leidenschaft

Im Verlauf des zweiten Durchgangs gewann das Kölner Spiel immerhin an Leidenschaft, und das genügte im letzten Drittel des Spiels auch schon, um Chancen herauszuspielen. Diese waren eher das Resultate des Zufalls als strukturierten Aufbauspiels. Aber darüber ging gegen die kompakt verteidigenden Berliner an diesem Abend für den FC schlichtweg nicht viel. Ein paar Mal wurde es dann sogar brenzlig, Milos Jojic verfehlte das Tor nur knapp, Anthony Modeste traf den Pfosten. Warum nicht früher mit mehr Leidenschaft, gezieltem Pressing, Offensivdrang? Erklärungsversuch von Matthias Lehmann: „Da muss man dann das Mittel finden zwischen Risiko und Geduld. Dass man nicht jeden Ball mit vollem Offensivdrang nach vorn spielen kann, ist auch klar – sonst steht es vielleicht nach 55 Minuten schon 0:4, weil wir hinten aufmachen.“

Der Frust über die temporäre Machtlosigkeit gegen die Spielidee der Berliner, die den dritten Tabellenplatz durch ihren ersten Sieg des Jahres festigten, wich zumindest teilweise der Anerkennung für die Effektivität ihrer Spielweise. „Sie tun zwar nicht viel fürs Spiel, aber sie stehen mit dieser Art, Fußball zu spielen, zu Recht da oben. Sie haben uns das Leben schwer gemacht“, sagte etwa FC-Torwart Timo Horn. Dominique Heintz hingegen meinte: „Die Berliner haben nicht viel für das Spiel gemacht, sie haben nur verwaltet, den Ball immer wieder zum Torhüter laufen lassen.“ Und wie der Innenverteidiger das sagte, klang es ein wenig trotzig. Aber dass sie auch dem FC mit dieser Taktik die Grenzen aufzeigten – das war nicht immer allzu schön anzusehen, jedoch beachtlich. „Das alles ist schon ein Beleg dafür, dass es abgebrühtere Mannschaften gibt, als wir es sind“, sagte Stöger.

Schon am Dienstag (20 Uhr, Liveticker auf ksta.de) geht es nun für den FC in Ingolstadt weiter. Und die hohe Spielfrequenz mag aus Kölner Sicht positiv zu beurteilen sein, weil nicht viel Zeit zum Grübeln bleibt, sondern rasch eine Gelegenheit zur Trendwende kommt. Andererseits werden Stöger und seine Spieler Lehren ziehen müssen aus den Problemen, die sie mit der Spielidee der Hertha hatten. Der Stil der Ingolstädter ist schließlich in einigen Aspekten vergleichbar mit dem der Berliner. Wie sagte noch Matthias Lehmann auf die Frage, ob die Partie am Dienstag eine ähnliche werden könnte? „Das könnte sie nicht – davon ist auszugehen.“ 

Mit anderen Worten: Lösungen müssen her.

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