30.07.2016
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Interview mit Timo Horn: „Ich bin kein Freund von Treueschwüren“

Timo Horn gelb

Ist der große Rückhalt des 1. FC Köln: Timo Horn

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Rainer Dahmen

Herr Horn, Sie haben als Torwart des 1. FC Köln einige Duelle mit Borussia Mönchengladbach hinter sich. Sind die Tage vor den Derbys für Sie überhaupt noch besonders?

Ein, zwei Tage vor dem Spiel steigt die Spannung. Ich komme aus Köln, bin mit den Derbys groß geworden, normale Spiele sind das nicht. Gegen Gladbach ist es das Derby schlechthin, weil die Borussia eine ähnlich große Fanbasis hat wie wir. Letztes Jahr waren wir nah dran, in Gladbach zu punkten. Diesmal wollen wir mindestens einen Punkt holen, besser noch drei.

Sie haben zuletzt gegen Frankfurt den ersten Sieg des Jahres gefeiert. Gladbach hat vier der vergangenen fünf Ligaspiele verloren. Ein guter Zeitpunkt für das Derby?

Wir wollen sie sicher nicht aufbauen. Beim 1:0-Sieg im Hinspiel haben wir es gut hinbekommen, dass sie sich nicht aus ihrer schwierigen Phase befreien konnten. Jetzt können wir nach Punkten gleichziehen. Es ist unser klares Ziel, sie in der Tabelle nicht davonziehen zu lassen. Mann könnte einigen Punkten hinterhertrauern, vor allem, wenn wir sehen, wo Mainz oder Hertha jetzt stehen. Das könnten auch wir sein - aber die haben enge Spiele eben öfter gewinnen können, während wir oft unentschieden gespielt haben. Es ist, wie es ist - und es war sehr wichtig für unser Selbstbewusstsein, vor dem Derby zu gewinnen. Die Teams hinter uns schlafen ja auch nicht.

Sie haben Ihren Platz als Torwart sicher. Auf Ihrer Position geht es bei der Entwicklung um Nuancen - wie verbessert man sich als Torwart?

Wir analysieren die Spiele und trainieren dann spezielle Situationen, die womöglich nicht so gelungen sind. Mit Details, die man als Torwart sieht, als Außenstehender aber nicht wahrnimmt. Vieles kommt außerdem mit der Erfahrung. Ich kann zum Beispiel verbessern, dass ich mir noch mehr zutraue, noch riskanter spiele, noch früher in manche Duelle gehe. Aber die nötige Sicherheit gewinnt man nur durch Erfahrung.

Müssen Torhüter, weil sie sehr präsent und dominant auftreten sollten, ein außergewöhnliches Sicherheits- und Selbstbewusstsein haben?

Natürlich. Als ich zu den Profis kam, habe ich erst einmal auf Sicherheit gespielt, wollte möglichst wenige Fehler machen. Aber ich versuche, inzwischen offensiver zu verteidigen, aggressiver zu spielen, präsent zu sein. Meine Entwicklung geht mit der der Mannschaft einher - wir haben uns letzte Saison noch nicht getraut, Pressing zu spielen gegen Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel. Jetzt tun wir das.

Gerade als Torwart darf man sich keinen Augenblick der Konzentrationsschwäche erlauben. Müssen Sie besonders diszipliniert auf Dinge wie Ernährung und Schlafrhythmus achten, die Einfluss darauf haben?

Diese Dinge sind extrem wichtig. Aber wenn man schon als Junge Torwart in einem Profiverein war, lernt man, auf solche Dinge zu achten und mit dem speziellen Druck zu leben. Man ist immer gezwungen, maximal konzentriert zu sein. Aber das automatisiert sich. Wir haben ja eine Verantwortung gegenüber der Mannschaft. Unsere Position ist ganz anders als die der Feldspieler, deshalb ist ein Torwart eine Art Einzelspieler in einem Teamsport. Wir trainieren meistens separat und deutlich komplexer als die Feldspieler, weil es auf so viele Nuancen ankommt.

Fehler von Torhütern sind oft spielentscheidend. Wie gehen Sie mit diesem speziellen Druck um?

Man gewöhnt sich daran. Man wird mit dem Wissen groß, dass die Fehler in der Regel zu Gegentoren führen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben eines Torhüters, nach einem Fehler gut weiterzuspielen. Ich habe lange gebraucht, um das zu lernen. In der Jugend habe ich nach einem Fehler die Spiele teilweise schon währenddessen abgehakt. Ich kann das auch heute noch nicht immer, weil ich perfektionistisch bin. Ich versuche, schon während des Spiels zu analysieren, was ich falsch gemacht habe, um es abhaken zu können. Für solche Gedanken hat man als Torwart ja manchmal Zeit, wenn das eigene Team den Ball hat.

Die Chance, es als Torwart zum Profi zu schaffen, ist verschwindend gering. Muss man sich eine Ellbogen-Mentalität aneignen?

Nein. Man braucht allerdings sicher Glück beim Timing. Ich glaube aber, wenn man den absoluten Willen hat, es zu schaffen, werden sich die Dinge fügen. Ich habe eigentlich nie daran gezweifelt, es zu schaffen. Beim FC die Nummer eins zu werden war mein Traum, aber eben nicht nur ein Traum, sondern auch ein konkretes Ziel, das ich unbedingt erreichen wollte.

Müssen Sie sich hin und wieder daran erinnern, was es bedeutet, dieses Ziel erreicht zu haben?

Ich weiß, dass es ein riesiges Privileg ist. Ich nehme mir beim Einlaufen jedes Mal einen Moment, um das zu genießen. Es ist besonders, wenn man als Junge auf der Tribüne stand und sich ausgemalt hat, eines Tages auf diesem Rasen zu stehen. Das genieße ich jedes Mal.

Der Weg zum Stammtorwart ging bei Ihnen schnell. Wie sind Sie damit umgegangen, plötzlich Star zu sein und sehr viel Geld zu verdienen?

Man muss das verarbeiten können. Es ist eine völlig andere Situation, wenn man durch die Stadt geht und plötzlich von vielen erkannt wird. Und wenn man sehr früh sehr viel Geld verdient - es gibt genug Beispiele von Spielern, denen der Umgang damit schwerfällt. Ich mache mir immer wieder bewusst, dass die Zeit als Profi ablaufen wird. Man ist irgendwann nicht mehr gefragt, und andere Jungs werden interessant. Das darf man nicht vergessen, sonst ist es schwer, eines Tages damit umzugehen, wenn der Hype nachlässt.

Man hat derzeit das Gefühl, dass sieben der zehn besten Torhüter der Welt aus Deutschland kommen. Wie beurteilen Sie die Lage?

In unserer Generation ist das außergewöhnlich, es gibt viele gute Jungs. Andererseits sehe ich mich nicht chancenlos im Kampf um die Position hinter Manuel Neuer. Wenn ich mich weiter so entwickle wie bisher, dann muss ich mich nicht verstecken. Ich habe vielleicht den Nachteil, dass wir nicht international spielen. Aber ich kann nicht mehr machen, als mich Woche für Woche auf Bundesliga-Niveau zu empfehlen. Man beobachtet die Jungs natürlich schon aufmerksam. Aber ich möchte mich auch nicht zu viel damit beschäftigen. Neuer kann noch einige Jahre spielen. Natürlich ist es mein Ziel, in diesen Kreis vorzustoßen. Aber ich bin neben Loris Karius der Jüngste von denen, um die es vor allem geht. Also habe ich auch noch am meisten Zeit.

Die FC-Fans sorgen sich davor, dass Sie den Klub in absehbarer Zeit verlassen. Was können Sie entgegnen?

Ich bin kein Freund von Treueschwüren und Versprechen - damit sind ganz andere Spieler auf die Nase gefallen, die ein halbes Jahr später weg waren. Bisher hat die Entwicklung des Vereins zu meiner gepasst, und ich möchte vom FC eigentlich nicht weg. Aber jeder hat Traumvereine. Real Madrid, Arsenal, Manchester United - wenn ein solcher Klub anfragen sollte, würde ich darüber nachdenken. Bei vielen anderen nicht.

Welche Rolle kann die Heimatverbundenheit bei einer so bedeutenden Entscheidung noch spielen?

Wenn ich diesen Schritt wagen sollte, müsste alles passen. Ich bin seit 14 Jahren im Verein, kenne jeden Mitarbeiter, fühle mich total wohl, komme sehr gut mit den Fans klar, habe meine Rolle gefunden. Ich würde in Köln einiges aufgeben - und das nur sehr ungern tun. Das würde ich auch für größere Klubs nicht einfach aufgeben.

Das Gespräch führte Philip Sagioglou