26.07.2016
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Bayern gegen Dortmund : Entspannter Umgang mit dem Druck

Jupp Heynckes

Bayern-Trainer Jupp Heynckes.

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AP/dpa

London -

Einen Wettbewerb hat FC Bayern München gegen Borussia Dortmund schon vor dem Beginn des Champions-League-Finales am Samstagabend gewonnen: den der schnelleren Anreise. Um 12.30 Uhr setzte am Freitag ein Kompakt-Jet der Lufthansa mit 60 Menschen an Bord auf dem zentrumsnahen Londoner City-Airport auf. Die Dortmunder befanden sich zu dieser Zeit gerade auf der Fahrt zum Flughafen Dortmund und landeten rund zweieinhalb Stunden später in Stansted in der Grafschaft Essex, 55 Kilometer außerhalb des Zentrums von London. Die Zeit unmittelbar vor solch einem großen Spiel ist eine Phase der Omen. Deshalb wird auch solchen Details eine Bedeutung beigemessen, selbst wenn das alles natürlich nichts bedeutet.

Beide Vereine kamen in denselben Londoner Regen, beide bestritten ihr Abschlusstraining auf demselben Rasen des Wembley-Stadions. Beide hatten dasselbe Ziel. Die Frage ist nur, ob beide denselben Druck verspüren. Sie wurde Philipp Lahm (29) häufig gestellt in der letzten Interviewrunde vor dem Spiel, das um 20.45 Uhr beginnt (live im ZDF und bei Sky). Der Bayern-Kapitän, der den größten Titel des Klub-Fußballs noch nie gewonnen hat, saß ja schon zum dritten Mal in den letzten vier Jahren auf diesem Platz. „Ob wir größeren Druck haben als Dortmund, weiß ich nicht“, sagte er, „ich denke auch nicht an Druck, sondern an die Entwicklung, die diese Mannschaft hinter sich hat. Wir sind erfahrener geworden, reifer geworden und immer noch im besten Alter. Egal, was passiert, diese Mannschaft wird auch in Zukunft noch auf höchstem Niveau spielen.“ Sollte als Botschaft wohl heißen: Wenn es zum dritten Mal nicht klappt, sitzen wir halt nächstes Jahr wieder hier und versuchen es zum vierten Mal.

Niemand kann den entspannten Umgang mit dem Druck glaubhafter darstellen als Thomas Müller, der trotz der Vielzahl großer Spiele, die er mit erst 23 Jahren hinter sich hat, ein echter Sonnenschein geblieben ist. Sogar solch ein traumatisches Erlebnis wie das im eigenen Stadion verlorene Finale von 2012 hinterlässt bei ihm offenbar keine Narben. Das habe keinen negativen Effekt auf das Spiel am Samstag, sagte er, „nur, dass die Sinne vielleicht noch mehr geschärft sind“. Als er zu einer möglichen Entscheidung im Elfmeterschießen gefragt wird, das er im Training fleißig geübt hat, erklärt der Nationalspieler: „Ich weiß nicht, was passieren wird. Aber bei uns wird sich garantiert keiner in die Hose scheißen.“

Philipp Lahm lachte, als sein junger Kollege neben ihm auf dem Podium diese Worte wählte. Als Kapitän und Chef-Diplomat würde er seine Entschlossenheit so nie ausdrücken. Aber diesmal zeigte sogar Lahm eine schon fast wilde Art der Determination. Als ein englischer Journalist die heilige Bedeutung des Rasens von Wembley und die Ehrfurcht der Spieler ansprach, entgegnete Lahm: „Also für uns ist es egal, wo wir gewinnen und wie wir gewinnen, ob in Wembley oder anderswo. Wichtig ist nur, dass wir dieses Ding morgen gewinnen.“

Die Dortmunder würden so etwas nie sagen. Sie haben ihre Stellung als Außenseiter gepflegt, seit dieses Finale feststeht. Kapitän Sebastian Kehl tut das auch am letzten Tag. „Vielleicht wird entscheiden, wer mit mehr Spaß und mehr Freude in dieses Spiel geht. Ich denke schon, dass wir da vielleicht einen Vorteil haben.“ Mats Hummels ist glücklich, überhaupt dabei sein zu können: „Als mein Knöchel gegen Hoffenheim umgeknickt ist, war das ein Riesenschock. Aber dann wurde er nicht so dick, wie ich befürchtet habe. Er ist nicht so, wie er vor der Verletzung war, aber ich denke, man kann damit spielen.“

Jürgen Klopp hat die globale Presse zuletzt mit seinem Charme beeindruckt. Die meisten Fragen kamen am Abend vor dem Spiel von englischsprachigen Medien. Ihnen sagte der BVB-Trainer: „Wir sind Außenseiter, aber wie blöd wäre es, wenn wir deshalb mehr Druck hätten als der Favorit? Es sind auch schon Menschen den Mount Everest hinaufgestiegen und mussten drei Meter vor dem Gipfel wieder umdrehen. Aber sie haben es wenigstens versucht. Und so werden wir in dieses Spiel gehen mit einer unbändigen Lust und einer unbändigen Freude.“

Bei Jupp Heynckes (68) hört sich diese unbändige Lust anders an. Als inoffiziell zum Hohepriester der deutschen Trainergilde Geweihter geht die Euphorie mit ihm nicht mehr für alle sichtbar durch. Trotz des klaren Auftrags, dieser Mannschaft und diesem Verein vor seinem Abschied den Titel zu bescheren, koste es, was es wolle, verlor Bayerns Coach auch am Abend davor den Blick für die Fußballnation nicht aus dem Auge: „Dieses Finale zwischen Bayern und Dortmund ist etwas ganz Besonderes für die Bundesliga und den deutschen Fußball. Ich denke, da wird ein ganz besonderes Fluidum herrschen. Und deshalb hoffe ich im Hinblick auf die vielen Fans auf beiden Seiten, dass es ein friedliches Finale wird.“


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