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Lukas Podolski im Interview: „Jetzt reicht es auch mal“

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Lukas Podolski hängt in der Nationalmannschaft die Fußballschuhe an den Nagel. (Symbolbild)

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Urban Zintel (11 Freunde)

Herr Podolski, das 130. Länderspiel wird Ihr letztes sein. Was überwiegt bei Ihnen: Wehmut, dass diese Zeit vorbei ist? Oder sagen Sie sich, dass es nun auch irgendwie reicht?

Ich war 13 Jahre lang permanent ein Teil der Nationalmannschaft. Ich weiß gar nicht mehr, wie es ohne Länderspiele ist. Ich habe viele Jahre alles genossen. Das Zusammensein mit den Spielern, den Trainern, dem Stab. Die vielen Reisen in Länder, von denen andere Menschen nur träumen können. Und wir hatten zusammen Erfolg. Natürlich werde ich das am Anfang vermissen. Aber mit der Zeit ändern sich Dinge, verschieben sich Sachen im Leben, die einem wichtig sind. Auch bei mir ist das so. Ich habe eine Familie und mittlerweile zwei Kinder, für die ich nicht immer so viel Zeit hatte. Ich hatte in den vergangenen Jahren kaum längere Pausen. Im Juni werde ich 32 Jahre alt. Ich muss meine Karriere in der Nationalmannschaft nicht auf Biegen und Brechen noch verlängern. Ich habe mir diesen Schritt gut überlegt, die Gedanken kamen schon während der Europameisterschaft in Frankreich auf. Ich habe acht Turniere mitgemacht, jetzt reicht es auch mal. Wir haben eine sehr starke Mannschaft und noch viele gute Jungs dahinter, die werden es schon richten.

Lothar Matthäus, mit 150 Länderspielen Rekordhalter, werden Sie nicht mehr einholen.

Das war nie mein Ziel, auch wenn das vielleicht einige dachten. Lothar hat außerdem noch mit 38 Jahren für Deutschland gespielt. Er ist eine Legende, er hat Großes geleistet und steht zu Recht da ganz oben.

13 Jahre wie im Zeitraffer?

Das kann man wohl sagen. Für mich ist sogar die Heim-WM 2006 gefühlt erst vier, fünf Jahre her. Ich konnte nie richtig durchatmen und war oft wie im Tunnel. Tasche packen, reisen, ins Hotel einchecken, Tasche auspacken und so weiter.

Podolski Winken

Lukas Podolski verabschiedet sich aus der Nationalmannschaft.

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Im Herbst 2003 standen Sie als Beobachter am Trainingsplatz der Profis des 1. FC Köln. In Ihrer Plastiktüte hatten Sie ein Trikot des polnischen Nationalspielers Tomasz Klos, der zum FC-Kader gehörte. Kurz darauf waren Sie selbst Profi, starteten in der Bundesliga durch und wurden ein halbes Jahr später Nationalspieler. Eine rasante Karriere für einen 18-Jährigen.

Das stimmt, aber das war ja alles nicht mein Plan. Es gab da keine richtige Karriere-Strategie. Ich bin auf den Platz, habe von Marcel Koller (damaliger FC-Trainer, d. Red.) die Chance erhalten und später auch von Rudi Völler (damaliger DFB-Teamchef, die Red.). Ich habe aber nichts geschenkt bekommen und die Chancen einfach genutzt. Ich hatte großen Ehrgeiz und Motivation. Mein Kumpel Bastian Schweinsteiger und ich waren damals die jungen Wilden.

Jung ist klar, aber warum wild? Okay, die Frisuren waren vielleicht schon etwas wild …

Stimmt. Ich denke, wir hatten damals auch das Glück, dass wir als Vertreter einer neuen Fußball-Generation angesehen wurden, nach der man sich gesehnt hatte. Wir beide haben uns damals keinen großen Kopf gemacht und einfach drauflos gespielt.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Spiel mit der A-Nationalmannschaft erinnern?

Klar, das war ein geiles Gefühl. Auf einmal spielte ich mit gestandenen Spielern wie Kahn, Lehmann, Ballack, Schneider oder Klose zusammen. Ich war so stolz auf mein erstes Trikot mit der Nummer 20 und auch auf die ganze Ausstattung, die wir vom DFB bekamen. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen. Als ich zweieinhalb war, zog meine Familie mit mir nach Deutschland. Für mich ging es vom Bolzplatz in Bergheim bis in die A-Nationalmannschaft. Das war für alle, auch für meine Familie, total emotional. Ich glaube, das können die jungen Spieler von heute nicht mehr ganz nachvollziehen. Für viele Jungs ist das jetzt alles selbstverständlicher.

Podolski Spiel

Lukas Podolski wird insgesamt 130 Mal für die Nationalmannschaft auf dem Rasen gestanden haben.

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Erklären Sie das bitte ausführlicher.

Heute bekommen die Jugendlichen sehr viel mehr Unterstützung. Man nimmt ihnen fast alles ab. Ich finde das nicht richtig. Es gibt für alles irgendwelche Spezialisten. Videoanalysten, Pädagogen, Psychologen oder Ernährungsberater: Das kannte ich damals alles nicht. Ich habe mich zu Hause umgezogen, Papa hat mich zum Training gefahren – und dann ging es auch schon auf den Platz. Heute will man offenbar Computer-gesteuerte Spieler, Spieler wie aus dem Katalog. Typen entwickeln sich so kaum noch. Das ist schade, denn Typen machen doch den Fußball aus. Ich bin froh, dass ich diese Zeiten ab 2003 noch mitgemacht habe. Damals gab es mehr Typen, echte Gesichter, weniger Regeln, mehr Freiheiten.

Ich denke, ich war eine Art Musterschüler für Löw

Sie sind Weltmeister und werden 130 Länderspiele bestritten haben. Dennoch: Haben Sie alles erreicht, was möglich war oder Sie erreichen wollten?

Natürlich hätten wir vielleicht noch einen Titel mehr gewinnen können, und vielleicht waren auch 30 Länderspiele von mir Mist. Aber ich bin stolz darauf, was war. Ich habe alles mitgenommen, was ich kriegen konnte. Das gewonnene WM-Finale in Rio war die Krönung, aber auch an das Sommermärchen 2006 werde ich mich immer erinnern. Die WM daheim in Deutschland, das fantastische Wetter, die tolle Truppe, die einzigartige Stimmung: Das ist wohl nicht mehr zu toppen.

Podolski
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Abgesehen von einer kurzen Zeit unter Rudi Völler und Jürgen Klinsmann hieß der Bundestrainer und damit auch Ihrer immer Joachim Löw. Wie kann man Ihr Verhältnis beschreiben?

Ich denke, ich war auch eine Art Musterschüler für ihn. Man merkt ihm immer an, dass er stolz darauf ist, Spieler weiter zu entwickeln. Ihn zeichnet das Menschliche aus. Ich habe Jogi nie arrogant erlebt. Er hat eine angenehme Art und immer einen coolen Spruch drauf. Und er ist fachlich top. Im taktischen Bereich hat er mir viel beigebracht, was ich vorher nicht kannte. Er war und ist ein wichtiger Ansprechpartner für mich.

Löw hat sehr lange an Ihnen festgehalten. Aber bei der EM 2016 in Frankreich haben Sie kaum noch gespielt. Die Fans haben Sie trotzdem gefeiert.

Ich glaube, die Fans merken, dass ich irgendwie immer noch einer von ihnen bin. Ich bin einer von der Straße. Wenn ich zu den Fans gehe, spiele ich da keine Rolle. Ich mache das aus Überzeugung und aus dem Herzen. Ich glaube, ich bin da eine ehrliche Haut.

Es gab aber auch kritische Stimmen, vom „Pausen-Clown Poldi“ war die Rede. Hat das wehgetan?

Ja, denn da wurde es persönlich. Der Begriff hat mich geärgert. Man sollte auch meine 13 Jahre und meine Leistungen für die Nationalmannschaft respektieren. Aber es gibt in unserer Gesellschaft halt auch Leute, die neidisch sind und nur das Schlechte sehen wollen. Dann habe ich aber wieder die Fans gesehen, die mir viel gegeben haben und denen ich etwas geben konnte. Und das versöhnt schnell wieder. Nicht jeder muss mich mögen. Ich habe in den letzten Jahren im Ausland gespielt, in England, Italien, der Türkei. Da habe ich immer viel Anerkennung erfahren.

Lukas Podolski

Lukas Podolski

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Was machen Sie eigentlich direkt nach Ihrem letzten Spiel für Deutschland?

Ich werde mit meiner Familie über Nacht in Dortmund bleiben. Und am nächsten Tag nach Köln fahren – natürlich.

Die Kölner Fahne haben Sie in den vergangenen Jahren sehr oft hochgehalten.

Köln gibt mir viel. Ich fühle mich als Kölner, das ist meine Heimat. Und wenn ich im Sommer nach Japan gehe, dann werde ich im Koffer eine große Köln-Fahne dabeihaben.

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