30.07.2016
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Nationalelf: Bierhoff glaubt nicht an WM-Titel

DFB-Manager Oliver Bierhoff

DFB-Manager Oliver Bierhoff

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dpa

Herzogenaurach -

Der Wind pfiff eisig am Sonntag um den Olympiaring in Herzogenaurach, weshalb die etwa zwei Dutzend Autogrammjäger, zumeist Eltern mit Kindern, immer mal wieder Einlass ins gut geheizte Luxus-Hotel verlangten, in dem gerade die deutschen Nationalspieler untergebracht sind. Das war natürlich nicht erlaubt, aber was tun Fans nicht alles, um ihren Idolen wie Mesut Özil mal nahe zu sein.

Der 50.000 Mitglieder starke Fan Club Nationalmannschaft hat den 24-Jährigen nun auch noch zum "Spieler des Jahres 2012" gekürt, der am Dienstag im ausverkauften Nürnberger Stadion vor dem zweiten WM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan (20.45 Uhr/live ARD) einen schönen Pokal erhält. Teammanager Oliver Bierhoff lobt, der Deutsch-Türke sei nicht nur zum "internationalen Star" gereift, sondern trete eben auch als Symbolfigur für geglückte Integration auf. "Beim Fußball ist doch egal, wo die Menschen herkommen und welchen Glauben sie haben", hat Özil am Sonntag in der aufgemotzten Heimstätte des DFB-Ausrüsters gesagt.

Aber eigentlich waren Teammanager und Taktgeber ja erschienen, um zu versichern, dass auch das zweite Kräftemessen gegen die Kasachen nicht nur eine lästige Pflichtübung sei. "Wir wollen den Leuten wieder schönen Fußball zeigen", beschied Özil, dessen schlichte Wortwahl gut zu seinem schnörkellosen Spiel passt. Der Stratege spulte mit dem Kollegen zwar beim 3:0-Sieg in Astana am Freitag rekordreife 953 Pässe ab, aber am Sonntag sparte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach im "Doppelpass" bei Sport1 nicht mit Kritik. Teammanager Bierhoff schloss sich dem Rüffel inhaltlich vorbehaltlos an: "Wir haben den Faden verloren, das Tempo rausgenommen, zu leicht den Ball verloren. Das ärgert mich."

Doch darf dank des schwedischen Ausrutschers in Irland die Ausrichtung darauf zielen, schon vor dem 15. Oktober - der letzten Qualifikationspartie in Schweden - die Direktqualifikation für die WM 2014 dingfest zu machen. Niemand zweifelt daran, dass irgendwelche Schwierigkeiten auftreten. Ganz anders werde das fürs Turnier in Brasilien. Bierhoff hat unvermittelt die Erwartungshaltung heruntergeschraubt: "Es ist für uns fast ein Ding der Unmöglichkeit, die WM zu gewinnen." Die logistische Herausforderung sei gewaltig, und südamerikanische Mannschaften seien auf dem eigenen Kontinent "meist voraus".

Wie der Manager redete am Sonntag der Präsident. Niersbach: "Wir werden aus Sicht des Verbandes ganz gewiss nicht sagen: Er muss einen Titel gewinnen. Ob es klappt, das weiß kein Mensch." Das sind offenbar gezielt platzierte Aussagen in einer Phase, wo doch Fußball-Deutschland gerade darüber debattiert, dass das weltmeisterliche "spanische System" das schwarz-rot-goldene Repertoire bereichert. Selbst wenn Mario Gomez seine Zerrung nicht rechtzeitig auskuriert, wäre das kein Problem, weil das Nationalteam auch ohne nominelle Stürmer trifft. Der zweckentfremdete Mittelfeldspieler Mario Götze sprach von einer "weiteren Variante", Joachim Löw stellte indes klar: "Wir werden nie ohne eine Nummer neun spielen. Wir brauchen einen, der im Zentrum permanent auf Höhe der Innenverteidigung spielt."

Drei Veränderungen wird der Bundestrainer in der Startelf wohl zwangsweise vornehmen: Für den wegen seiner Gelb-Sperre nach München geflogenen Bastian Schweinsteiger dürfte Ilkay Gündogan auflaufen. Und für den wegen einer Gehirnerschütterung abgereisten Julian Draxler sollte der zuletzt gesperrte Marco Reus zum Einsatz kommen - möglicherweise im Wechselspiel mit Kumpel Götze in der Spitze.

Am Sonntag sind schließlich der Hamburger Marcell Jansen und der Mönchengladbacher Patrick Herrmann nachnominiert worden, wobei Letzterer nach einem Einsatz für die U 21 in Israel am Montag eintreffen soll. Der Bundestrainer braucht die beiden sicherlich weniger jetzt gegen Kasachstan, sondern Ende Mai, Anfang Juni bei der USA-Reise. Da kann ein schneller Schnupperkurs in Sachen Nationalmannschaftsfeeling nicht schaden. Auch wenn es in Herzogenaurach gerade so ungemütlich ist.