30.07.2016
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Seitenwechsel 2.0: Die Balance des FC Bayern

Herbert Neumann.

Herbert Neumann.

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Rainer Dahmen

Köln -

Ja, der FC Bayern verfügt über den besten Spielerkader der Bundesliga. Und nein, damit allein ist der Erfolg nicht garantiert. Eine derart breite Ansammlung von Hochbegabten birgt Gefahren und reichlich Konfliktpotenzial. Ein charakteristisches Merkmal des Hochbegabten ist das überaus starke Bedürfnis, sein Talent und Können regelmäßig zu zeigen. Er braucht die Anerkennung und Aufmerksamkeit anderer. Bekommt er sie über längere Zeit nicht, wird er unzufrieden und zornig. Um so mehr, wenn er sich selbst im Vollbesitz seiner Kräfte fühlt und einen enormen Schaffensdrang verspürt.

Die Begabung ist für Begabte wesentlicher Bestandteil des Daseins und Grundlage der Bewunderung in ihrem persönlichen Umfeld. Beim FC Bayern gibt es viele dieser Hochbegabten, jedenfalls deutlich mehr als jene elf, die spielen dürfen. Dominiert der hochüberlegene Spitzenreiter deshalb in so beeindruckender, fast selbstverständlicher Weise die Liga wie selten zuvor ein Team?

Klar ist der Überfluss an Talent die vordergründig logischste Erklärung für Erfolg. Die andere ist aber die erkennbare Disziplin, mit der alle in München handelnden Personen ihren Job ausüben. Wichtig ist etwa, dass inmitten von Erfolgsserien die Führungsriege sich nicht aufspielt, sondern im Gegenteil auch mal abtaucht – Uli Hoeneß etwa macht das fantastisch: Populär wie er ist, kann er sich nicht vollständig verstecken, aber was macht er? Richtig, er redet laut und viel – über Basketball. Und lenkt alle Blicke dorthin.

Die Führungskräfte sind für die Spieler die einzig relevanten Parameter ihres eigenen Verhaltens. Lassen Aufmerksamkeit, Wachheit, Fieber auf das nächste Spiel oder Akribie bei Trainings- und Spielvorbereitungen nach, wird das sofort registriert. In der Folge beginnen die Spieler ihrerseits immer, Grenzen zu verlegen, Absprachen zu missachten und nachlässig zu werden.

In diesem Zusammenhang ergibt die Verpflichtung von Matthias Sammer Sinn: Mit seiner Besessenheit und seinem Hang zum Perfektionismus wacht er über alles und jeden, was oder wer den Erfolg gefährden könnte. Als Orientierungspunkt für vorgelebte Disziplin sind Sammer und Trainer Jupp Heynckes – neben ihrer fachlichen Kompetenz – natürlich wichtige Lehrer für ihre Spieler.

Sie brauchen aber beides: Aufrichtiges Verständnis für die Leiden von Spielern, die nicht spielen dürfen. Und sie brauchen Erfolg – Trainer, die gewinnen, müssen ihre Entscheidungen nicht rechtfertigen. Im Falle von Enttäuschungen wird alles neu bewertet: die Mannschaft, die Spieler und – durch die Spieler – der Trainer. All das muss klug, konsequent und unsentimental gehandhabt werden.
Denn nein, Begabung allein reicht nicht.