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Gastronomie: Traditionslokal muss schließen

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Noch leuchten die Lichterketten, am 28. Dezember wird der Stecker endgültig gezogen:Marie-Luise Steinhauer und Werner Steimels müssen schließen. Foto: Ralf Krieger
Die Gaststätte Neukirchen muss nach über 200 Jahren schließen. Den Pächtern des Traditionslokals in Bürrig ist der Mietvertrag vom Besitzer des Hauses gekündigt worden. Die Immobilie soll abgerissen werden.  Von 
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Freiwillig? Nein, freiwillig schließe sie nicht. Immerhin habe sie den Laden 18 Jahre mit Herz und Leidenschaft geführt. Da hört man nicht einfach auf. Dass jetzt Schluss sein soll, hat Marie-Luise Steinhauer noch nicht ganz realisiert. Aber der Eigentümer, ein Iraner, habe den Mietvertrag gekündigt, das Haus werde abgebrochen. So verschwindet die Gaststätte Neukirchen – und damit die wohl älteste Kneipe Leverkusens. Auf einem Zettel an der alten Hausfassade hing in den vergangenen Tagen ein Zettel. „Alles muss raus“ stand dort geschrieben. Drinnen, im angebauten Festsaal, stapelten sich Gläser, Stühle, Dekoration. Am Sonntag, einen Tag vor Heiligabend, hat Steinhauer einen kleinen Trödelmarkt veranstaltet. „Was soll ich noch mit den ganzen Sachen?“ Wo einst schillernde Feste gefeiert wurden, tummelten sich nur noch Staubmäuse auf alten Stühlen.


Was sie am Sonntag nicht verkauft hat, das verschenkt die 62-Jährige. Leicht fällt ihr das nicht, man sieht ihr das Bedauern an. „Aber es geht hier nicht um mich“, betont sie. „Nicht ich gehe.“ Am 11. Januar eröffnet die gebürtige Kölnerin ein paar Meter weiter in der Straße Entenpfuhl die Kneipe „Im Entenpfuhl“ neu – ebenfalls eine Gaststätte mit Tradition. „Aber es ist einfach so schade um das alte Haus.“ Und das hat tatsächlich eine beachtliche Geschichte. Genau wisse zwar niemand, wann die Gaststätte Neukirchen eröffnet worden sei – offizielle Dokumente gibt es nicht. „Aber“, sagt Marie-Luise Steinhauer und holt die Kopie eines alten Schreibens hervor, „im Jahr 1901 hat ein Mann bestätigt, dass schon sein Großvater Wirt in dieser Kneipe war.“ 200 Jahre alt sei die Gaststätte mindestens.

Ein Stück Tradition stirbt


Und in diesem Alter stirbt mit ihrem Abriss nun ein Stück Bürriger Tradition. „Ich hätte weitergemacht“, sagt die heutige Gastwirtin entschlossen. „Auch wenn es sich finanziell kaum noch gelohnt hat.“ Wie viele andere Kneipenbetreiber hat auch Marie-Luise Steinhauer, von ihren Gästen „Mali“ genannt, die Zeichen der Zeit zu spüren bekommen. Die Geselligkeit, die es früher einmal im Dorf gab, die gebe es in der Form nicht mehr. „Heute hat jeder Verein ein eigenes Vereinsheim. Die trinken und gucken Fußballspiele da.“ Und seit es die Bundeshalle gebe, verhungerten die kleinen Kneipen im Stadtteil regelrecht. Denn auch Veranstaltungen mit Live-Musik rentierten sich dadurch nicht mehr.
Dabei lief der Betrieb noch vor wenigen Jahrzehnten glänzend. Als letzte der ursprünglichen Eigentümerfamilie bewirtete Berta Neukirchen die Gaststätte bis Ende der 70er Jahre. Damals sei der Laden immer brechend voll gewesen, erzählt Marie-Luise Steinhauer. Sie weiß es, sie war dort. Gemeinsam mit Lebensgefährte Werner Steimels verbrachte sie ihren Feierabend in der Kneipe. „Die Berta war sehr beliebt.“ Auch ihre Vorgängerinnen hätten noch rosige Zeiten erlebt und Steinhauer erinnert sich an viele Partys in ihren ersten Jahren hinter dem Tresen. Das Personal habe damals alle Hände voll zu tun gehabt. Ein Bier nach dem anderen ging über die Theke. Die Gäste fühlten sich eben wohl in der urigen Kneipe mit den niedrigen Decken und den dunklen Holzbalken.

Solche Konstruktionen würde das Ordnungsamt heute gar nicht mehr abnehmen. Da ist sich Marie-Luise Steinhauer sicher. Auch aus diesem Grund sei das Ende so bedauernswert. Die Gaststätte Neukirchen, sie hatte einfach etwas besonderes, auch wenn sie nie groß renoviert worden war. „Was haben wir hier für Partys gefeiert“, schwärmt die Gastwirtin. „Wir hatten sogar Rock’n’Roll“, erinnert sich Susanne von Rolbiezki, Tochter von Werner Steimels. „Mein halbes Leben habe ich hier verbracht“, sagt die 44-Jährige. Sie schluckt Tränen herunter. Auch Marie-Luise Steinhauer ist sichtlich mitgenommen. Kurz vor Neujahr steht die endgültige Schließung an, am Freitag, 28. Dezember, können die Gäste ein letztes Mal ihr Bier in der Gaststätte Neukirchen trinken. Dann ist Schluss. Mit der Schließung verliert auch der Gesangsverein Harmonie seine Proberäume. Im Dorf sei schon lange gemunkelt worden, die Gaststätte werde irgendwann abgerissen. Als daraus ein tatsächliches Vorhaben wurde, „ist jeder zu Stein erstarrt“, erinnert sich Marie-Luise Steinhauer. So wirklich daran geglaubt, dass ein Stück Bürriger Geschichte einfach verschwindet, haben die Menschen wohl nicht.

AUTOR
Christina Michaelis
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