25.07.2016
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Streitschrift entdeckt: Wüste Schlägerei vor St. Gereon

St. Gereon

Eine seltene Streitschrift zum Gereonsdriesch ist in der Sakristei von St. Gereon aufgetaucht. (Bild: Max Grönert)

Innenstadt -

Passanten reiben sich verwundert die Augen - auf dem Gereonsdriesch ist eine handfeste Schlägerei im Gange. Beteiligt sind aber nicht, wie sonst üblich, stadtbekannte Rauf- und Trunkenbolde, Kleinkriminelle und Müßiggänger, sondern Soldaten und Polizisten, die mit ihren Hellebarden auf die Kanoniker von St. Gereon einprügeln. Die allerdings mischen tüchtig mit - und der Scholaster Robert von Hillebring benutzt gar das Kreuz, das den Kanonikern vorangetragen worden ist, als Waffe, die er wie ein Schwert kreisen lässt. Als er aus dem Kampfgetümmel heraus dem Notar des Stifts zuruft, die Exkommunikation zu protokollieren, gibt es großes Gelächter unter den städtischen Ordnungshütern, groben Gesellen, denen es offensichtlich Spaß macht, den geistlichen Herren den Hintern zu versohlen. Sie drängen den Scholaster schließlich gegen eine Mauer. „Laut protestierend“, so ein Berichterstatter, „zogen die Stiftsherren ab.“

Platz mit Tränke

Die Schlägerei am 2. Januar anno 1646 war das Tagesgespräch in der freien Reichsstadt Köln. Hintergrund des ungewöhnlichen Zusammenstoßes bildete ein schon lange währender Streit zwischen der Stadt und dem Stift St. Gereon um den Gereonsdriesch. Nach Ansicht der Kanoniker gehörte der Platz zur „Immunität“ (oder der „Freiheit“) ihres Stifts, ein Anspruch, welchen der Kölner Rat mit großer Beharrlichkeit nicht anerkannte. Auf dem Driesch (was so viel bedeutet wie Brachland, oft als Weide genutzt) befand sich eine Tränke, die durch einen Kanal vom Stiftsgelände her gespeist wurde, über den Kanal führte ein Weg. Als der Kanal schadhaft wurde, schickte die Stadt Arbeiter, die die Ausbesserung vornehmen und gleichzeitig demonstrieren sollten, dass es sich um öffentliches Gelände handelte.

Vergeblicher Protest

Die Stiftsherren protestierten vergeblich - und sprachen schließlich die Exkommunikation gegen die Arbeiter und ihre Auftraggeber aus. Das war der Zeitpunkt, als die „weisen und ehrsamen Herren“ des Rats den Einsatz bewaffneter Kräfte anordneten. Büttel im Dienst der Obrigkeit rissen dann auch eine Mauer nieder, die den Driesch von der Gereonstraße abschloss.

Als Reaktion auf die städtische Gewalttat verfasste Hillebring eine heftig anklagende Schrift, in der penibel Privilegien und Besitzstände des Stifts aufgelistet waren. Der Rat wiederum ließ die Schrift beschlagnahmen - und zum Zeichen der Nichtachtung unter einem Galgen verbrennen.

Ein Exemplar der Streitschrift (von der nur ganz wenige Ausgaben erhalten sind) ist in diesen Tagen wieder aufgetaucht. „Als wir unsere Sakristei leer räumten, fanden wir das Heft, versteckt zwischen liturgischer Literatur“, erzählt Andreas Brocke, Pfarrer an St. Gereon. Im Historischen Archiv des Erzbistums Köln hat der Fund große Freude ausgelöst. „Die Schrift ist ein einzigartiges Dokument“, sagt Archivar Joachim Oepen, „sie belegt nicht zuletzt die Bestrebungen der Kölner Stifte und Klöster, den Bestand ihrer Immunitäten nach Möglichkeit zu wahren.“

Für die Obrigkeit waren die zahlreichen Immunitäten im Stadtgebiet ein rotes Tuch: Stifte und Klöster hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, sie waren sozusagen „exterritorial“, kein städtischer Bediensteter durfte ihre Grundstücke betreten. Die geistlichen Gemeinschaften waren nicht steuerpflichtig, sie durften zollfrei Wein und Getreide von ihren ausgedehnten Besitzungen außerhalb Kölns einführen, sie verdienten Geld mit dem Ausschank eigenen Weins, sie deckten nicht selten Schiebungen Kölner Händler, die die Zollfreiheit des Stiftweins ausnutzten. Und sie beschäftigten „Schwarzarbeiter“, vor allem Schuster und Schneider, die ebenfalls keine Steuern zahlten.

St. Gereon war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit nach dem Dom das vornehmste Stift in Köln, neben den Domkapiteln von Köln und Straßburg das einzige männliche Adelsstift am Rhein. Das heißt, Mitglied im Stiftskapitel durften nur Angehörige des Adels werden.

Adelige Tradition

Die Stiftsherren waren daher von ihrem Vorrang tief durchdrungen und beriefen sich auf die vermeintliche Stiftsgründerin Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, und die adelige Tradition seit der Merowingerzeit, als St. Gereon Hofkirche fränkischer Könige war. Auch im Verhältnis zur Stadt gab man sich selbstbewusst - und so kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen um Steuer- und Zollfreiheit - und um die Immunität. Ein Höhepunkt war zweifellos die Schlägerei auf dem Gereonsdriesch; der Streit um den Platz sollte sich bis 1786 hinziehen, dann verzichtete das Stift auf seine Rechte.

Die Vorgänge des Jahres 1646 haben für Andreas Brocke, den heutigen Pfarrer, Parallelen zur Gegenwart. Auch heute gibt es ja Krach zwischen St. Gereon und der Stadt - bislang allerdings ohne Tätlichkeiten. Es geht um die Pläne der Frankonia Eurobau zur Neugestaltung des Gerling-Areals, die nach Auffassung einer Bürgerinitiative das direkte Umfeld von St. Gereon „massiv“ gefährdeten. Was Brocke ziemlich stört: „Das Gerling-Areal ist schließlich Teil des Gereonsviertels - und nicht umgekehrt.“ Zudem versteht er nicht, dass die Stadt sich nicht an das Höhenkonzept hält, das sie selbst beschlossen hat. „Die geplanten Höhen der Bauten auf der Christophstraße sind mit der stadtbildprägenden Wirkung des Dekagons unserer Kirche unverträglich - St. Gereon als ein einzigartiges Bauwerk verlangt eine respektvolle Nachbarbebauung.“

Einen Unterschied zu 1644 hebt Brocke indessen hervor: „Damals haben die Kanoniker nur ihre Interessen vertreten - heute vertreten wir unsere, damit aber auch die Interessen der Bürger des Viertels, während die Stadt einzig die Interessen des Investors wahrnimmt.“


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