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Meine 34 Mitbewohner: Rollende Augen in der Küche

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Mit 34 verschiedenen Menschen hat unsere Autorin Kathy Stolzenbach schon gemeinsam in WGs gewohnt. In ihrer Kolumne berichtet sie von ihren Mitbewohnern und dem WG-Alltag. Foto: Christoph Hennes
Tom war der Freak und der WG-Opa. Und Experte für bewusstseinserweiternde Zustände. Studiert hat er allenfalls nebenbei. Im zweiten Teil der WG-Kolumne erinnert sich unsere Autorin an ihren durchgeknallten Mitbewohner aus dem Studentenwohnheim.  Von
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Tom war der Freak der WG. Nie wieder habe ich mit jemandem zusammengewohnt, der so durchgeknallt war. Er war ein langer, schlaksiger Typ mit einer kleinen runden Brille  Als ich in die Fünfer-WG im Studentenwohnheim zog, war er schon 30 - was ich damals unheimlich alt fand, um noch als Student zu gelten. Tom hatte allerdings nicht einmal seine Zwischenprüfung. Er studierte Indologie und Tamilistik und noch irgendetwas Exotisches. Was er damit werden wollte? „Einer der Experten für Sanskrit.“ Weltweit natürlich. Um ein solch gefragter Experte zu werden, bedarf es natürlich eines langjährigen Studiums.

Experte für indische Kochkunst war Tom allemal. Ständig brutzelten diverse Linsen-Gerichte auf dem Herd – leider waren sie so scharf, dass keiner sonst aus der WG sie essen konnte. Als ich eines Abends spät nach Hause kam, stieg mir ein beißender Geruch in die Nase. Ich rannte in die Küche, aus der mir Rauch entgegen kam. Auf dem Herd dampfte Toms Kochtopf. Beziehungsweise das, was davon übrig geblieben war. Der Inhalt hatte sich mit dem Topfboden in ein schrumplig-verkohltes Gemisch verwandelt. Ich riss den Topf vom Herd, der auf der höchsten Stufe heizte. Tom saß auf dem Sofa in seinem Zimmer - und schlief. „Oh, ich bin wohl eingepennt“, lautete seine nüchterne Reaktion. „Du hast fast unsere Küche abgefackelt“, brüllte ich. „Is‘ ja nix passiert.“ Der Topf war hin.

Irre Erlebnisse

Ich weiß nicht, welche Drogen Tom konsumierte. Aber unter irgendwelchen Einflüssen muss er gestanden haben, als er mich an einem „Wahnsinns-Erlebnis“ teilhaben lassen wollte: Er schob mich auf eine ganz bestimmte Fliese unseres schwarz-weißen Kachelbodens in der Küche. „Hier musst du dich hinsetzen, dann den Kopf ein Stück drehen und einfach die Augen kreisen lassen.“ Ich kam mir blöd vor, aber folgte seien Anweisungen. „Irre, was?“ Vermutlich saß ich auf der falschen Fliese.

Tatsächlich schaffte ich es irgendwann, Tom studientechnisch zu überholen, obwohl er fast zehn Jahre älter war und ein Dutzend Semester mehr auf dem Buckel hatte. Und doch hatte ich meine Zwischenprüfung vor ihm in der Tasche. Aber dann kam der Tag, als Tom tatsächlich alle nötigen Scheine gesammelt hatte, um sein Grundstudium abzuschließen. Am Abend vor seiner Zwischenprüfung fragte er mich: „Um wie viel Uhr ist denn immer die Prüfung? Und in welchem Raum?“ Ich konnte nur hoffen, dass er sich mit den Inhalten seiner Prüfung intensiver auseinander gesetzt hatte als mit den Formalitäten.

Licht als Nahrung

Irgendwie hat er den Raum dann rechtzeitig gefunden und zumindest die erste Prüfung sogar bestanden. Danach lief’s nicht mehr so rund. Vielleicht war auch das der Grund, dass Tom uns eines Tages eröffnete, er wolle sich künftig nur von Licht ernähren. Das würde Körper und Seele reinigen und zu bewusstseinserweiternden Zuständen führen. Wenigstens würde er dann unsere Küche nicht mehr abfackeln.

An seiner Seelenreinigung hat Tom uns leider nicht mehr teilhaben lassen. Denn irgendwann war seine Maximalwohndauer im Studentenwohnheim überschritten. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Vermutlich hat er sich in Licht aufgelöst. 

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