30.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Unser täglich Brot: „Ich wusste, dass ich das kann“
15. June 2012
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Unser täglich Brot: „Ich wusste, dass ich das kann“

Leverkusen -

Ihr Beruf nennt sich Tatortreinigerin: Geschehen so viele Verbrechen, dass sich das lohnt?

Antje Schendel: Der Beruf nennt sich zwar Tatortreinigerin, aber ich reinige ja nicht nur Tatorte. Die meisten Fälle sind Suizide oder Menschen, die einige Zeit in der Wohnung gelegen haben.

Wer engagiert Sie eigentlich?

Antje Schendel: In der ersten Regel sind das Angehörige oder die Wohnungseigentümer – seltener die Polizei. Die überprüft meist nur, ob ein Verbrechen geschehen ist und ist dann weg.

Worin besteht Ihr Job?

Antje Schendel: Das ist extrem schwer zu beschreiben, man hat zwar immer mit dem Tod zu tun, aber es gibt ja so Facetten von Tod, und das macht den Job so interessant – für mich. Denn jeder Fall ist anders, auch wenn das alles mit dem Tod zu tun hat. Dazu kommt ja auch die Betreuung von Angehörigen, mit denen man sehr engen Kontakt hat. Man muss sich das vor Augen führen: Da sind Menschen, die haben einen Angehörigen oder Freund verloren. Da kann ich nicht nur die Ärmel hochkrempeln und sagen: So, ich leg dann mal los. Ich muss den Leuten als erstes das Gefühl geben, dass ich ihnen zuhöre, die Reinigung läuft dann so nebenbei. Ich erzähle auch nie, was ich da vorgefunden habe.

Das heißt, die Angehörigen sind auch niemals dabei?

Antje Schendel: Um Gottes Willen. Das will ich denen auf jeden Fall abnehmen. Die Erinnerung ist wichtig, und der letzte Eindruck ist der, der bleibt. Das Problem ist ja, wenn ich die zu dem Fundort mitnehme und dann alles voller Blut ist, dann speichern die das ab.

Wird man dafür geschult?

Antje Schendel: Ich wurde geschult – durch mein Leben. Leider habe ich vor einigen Jahren ein Burn-out gehabt und bin in eine richtig tiefe Depression gefallen. Es ist ganz schwer, das jemandem zu vermitteln, der nie in so eine Situation gekommen ist. Aber mittlerweile kann ich andere Menschen verstehen, die so verzweifelt waren, dass sie den Freitod gewählt haben. Von daher denke ich, dass ich auch die passenden Worte für die Hinterbliebenen hab.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob jemand eines natürlichen Todes gestorben ist oder ob er gewaltsam umgekommen ist?

Antje Schendel: Nein. Wenn jemand eines natürlichen Todes gestorben ist und ich gerufen werde, dann hat der Tote in der Regel schon länger gelegen. Wenn jemand in kürzester Zeit gefunden wurde, ist für mich ja kein Handlungsbedarf. Deswegen sind das auch zwei völlig verschiedene Fundorte.

Ein Tatort ist meistens ein frischer Fundort, birgt aber wesentlich mehr Arbeit, wenn auch die Spurensicherung der Kriminalpolizei dagewesen ist. Denn die arbeitet oft mit Bluterkennungsmitteln, die sehr schwer zu reinigen sind. Bei einer normal verstorbenen Person ist da natürlich der Geruch. Aber nichts davon ist leichter oder schwerer – das ist total unterschiedlich.

Müssen Sie manchmal Ihren Brechreiz unterdrücken?

Antje Schendel: Das hatte ich zweimal in meiner Karriere. Ich arbeite zumeist ohne Atem-Schutzmaske, weil es sehr mühsam ist, damit acht bis neun Stunden am Stück zu arbeiten. Nur bei Krankheiten, mit denen ich mich durch die Luft infizieren könnte. Ansonsten arbeite ich nur noch mit einem Visier als Spritzschutz. Aber es gibt so Momente, wenn Körper komplett aufgelöst sind, dann lösen sich ja nicht nur Hautschichten auf, sondern auch die Gedärme, die oft auch noch gefüllt sind. Dann kommt die Geruchskomponente dazu, da brauche ich dann auch manchmal Frischluft.

Welchen Ausbildungsweg wählt man?

Antje Schendel: Ich habe auch eine Zeit lang als Praxismanagerin gearbeitet, und da hatte ich auch schon mit derben Gerüchen zu tun. Beispielsweise Diabetiker-Füße. Ich wusste einfach, dass das für mich überhaupt kein Problem darstellt. Ich werde auch oft nach meinem ersten Fall gefragt, ob das für mich schlimm war. Nee, ich bin da reingegangen und ich wusste, ich kann das.

Wer hat es dann vorher gemacht?

Antje Schendel: Ich denke, die Angehörigen haben das gemacht, was mir nachher auch oft bestätigt wurde; viele sagten: Hätten wir gewusst, dass es so etwas wie sie gibt . . .

Dazu habe ich ganz viele Zuschriften bekommen. Also die Angehörigen haben das wirklich aus der Verzweiflung heraus selber gemacht. Und das fand ich schon heftig.

Was kostet Ihr Service?

Antje Schendel: Mit mindestens 350 Euro müssen Sie schon rechnen; wir müssen ja auch immer unsere Kilometer fahren. Und so eine ganze Wohnung – saubermachen, entrümpeln, desinfizieren – kann dann schnell mal 3500 Euro kosten, mit Geruchsneutralisation sind wir bei 4500 Euro. Das schreckt natürlich erst einmal ab, dafür haben sie ihre Wohnung in einer Woche wieder vermietbar.

Wie reagieren denn neue Freunde auf Ihren Job?

Antje Schendel: Die meisten sind erst einmal neugierig. Aber die Reaktionen sind meistens sehr positiv. Viele sagen zwar, sie selbst könnten das nicht, aber grundsätzlich habe ich noch nie durchweg negative Reaktion gehabt.

Und was sind Ihre Arbeitsutensilien?

Antje Schendel: Sicherheitsschuhe, Handschuhe, manchmal der Mundschutz, einen Schutzanzug und eine Kamera.

Eine Kamera?

Antje Schendel: Ja, wir müssen jeden einzelnen Arbeitsschritt dokumentieren. Schon allein wegen der Versicherung. Wir hatten einmal einen Fall, da haben wir eine Wohnung ausgeräumt und hinterher wollte unser Auftraggeber die teuren Biedermeier-Möbel erstattet haben, die aber niemals in der Wohnung waren. Und anhand von unserem Bildmaterial konnten wir das dann nachweisen.

Und was für Geräte haben Sie noch?

Antje Schendel: Wir haben Ozon-Geräte für die Geruchsneutralisation, Dampfreiniger – aber viel wird auch mit der Hand gemacht. Es gibt aber auch spezielle Reinigungsmittel.

Die meisten kennen Tatortreiniger höchstens aus dem Fernsehen. Ist das tatsächlich so wie in „Pulp Fiction“, wo der Tatortreiniger für die beiden Gangster eine Leiche wegschafft?

Antje Schendel: Den habe ich nicht gesehen. Ich habe „The Cleaner“ gesehen, und da hatte Samuel L. Jackson vergessen, die Polizei zu informieren. Das hat oberste Priorität: Bevor ich überhaupt zu einer Besichtigung fahre, kontaktiere ich die zuständige Kriminaldienstbehörde und frage, ob dieser Fundort bekannt ist. Sonst ruft mich nachher jemand und erzählt, sein Bruder habe sich in den Kopf geschossen, und hinterher stellt sich dann heraus, dass es ein Mord, war. Und ich habe dann die Leiche für ihn beseitigt.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Antje Schendel: Vor dem Tod selber nicht, sondern eher Angst, meine Kinder nicht aufwachsen zu sehen. Meine Tochter ist jetzt zwei Jahre alt und das wäre echt schade, wenn ich nicht mehr mitbekomme, wie sie langsam groß wird.

Das Gespräch führteMichael Richmann


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