25.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Urteil: Lange Haftstrafen für Mord an Arzu Ö.
16. May 2012
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Urteil: Lange Haftstrafen für Mord an Arzu Ö.

Urteil im Fall Arzu Ö.

Einer der verurteilten Brüder der ermordeten Arzu Ö.. (Bild: dapd)

DETMOLD - Für die Geiselnahme und Ermordung ihre Schwester Arzu Ö. müssen fünf ihrer Geschwister viele Jahre in Haft. Das Landgericht Detmold verhängte am Mittwoch gegen den Todesschützen Osman lebenslange Haft wegen Mordes und Geiselnahme. Die an der Tat beteiligten Geschwister Sirin und Kirer Ö. wurden wegen Beihilfe zum Mord und Geiselnahme zu je zehn Jahren verurteilt.

Die Brüder Kemal und Elvis Ö. wurden wegen Geiselnahme zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Sie waren an dem Mord nicht beteiligt. Damit blieben die Richter unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Der Verteidiger von Kirer Ö. kündigte bereits Revision an. Weitere Verteidiger wollen nach eigenen Angaben folgen.

Motiv für die Tat war nach Ansicht der Richter, dass die jesidische Familie die Beziehung von Arzu Ö. zu einem Deutschen nicht tolerierte. Deshalb hätten die Geschwister die 18-Jährige aus der Wohnung des Freundes in Detmold entführt. Osman gestand vor Gericht, seine Schwester auf dem Weg nach Lübeck in einem Waldstück erschossen zu haben.

Verteidiger sehen kein Mordmotiv

Richter Michael Reineke begründete das Strafmaß damit, dass es ein Mord auf Ansage gewesen sei. „Arzu wurde mehrfach krankenhausreif geschlagen, massiv unter Druck gesetzt und aus der Familie verstoßen. Daher muss hier auch die Rede von einem Ehrenmord sein.“ Er betonte, diese furchtbare antiquierte Tradition könne niemand schön reden. „Sie haben dem öffentlichen Bild der jesidischen Gemeinde einen Bärendienst erwiesen“, sagte er zu den Tätern.

Die Staatsanwaltschaft hatte für Kirer, Osman und Sirin Ö. lebenslange Haft gefordert, für Kemal und Elvis elf Jahre. Die Höhe der Strafen begründete die Anklage damit, dass der Mord von Beginn an geplant gewesen sei.

Die Verteidigung hatte die Beweisführung der Staatsanwaltschaft in ihren Plädoyers als spekulativ bezeichnet. Es habe nie einen gemeinsamen Mordplan gegeben und die genaue Beteiligung der einzelnen Angeklagten - abgesehen von Osman - an der Tat sei nicht einwandfrei nachzuweisen.

Klar sei nur, dass die Situation eine nicht vorhersehbare Eigendynamik angenommen habe und auf tragische Weise eskaliert sei. „Sie wollten ihre Schwester nur in die Familie zurückholen. Am Ende waren sie dann einfach überfordert mit der Situation“, sagte der Verteidiger von Sirin Ö. Die 27-Jährige hatte vor der Entführung mehrere Wochen lang intensiv nach Arzus Aufenthaltsort gefahndet.

Arzu flüchtete vor der Familie

Der Staatsanwalt beschuldigte sie daher, die treibende Kraft hinter dem Verbrechen zu sein. Dieser Beurteilung folgte auch der Richter. In der Nacht zum 1. November hatten die fünf Geschwister die 18-jährige Arzu aus der Wohnung ihres Freundes entführt. Im Anschluss sollte sie in die Wohnung von Kemal gebracht werden. Während dieser mit Elvis vorfuhr, um dort zu warten, änderten Sirin, Kirer und Osman den Plan. Sie fuhren zu einem Onkel nach Hamburg. Als dieser nicht anzutreffen war, ging es weiter Richtung Lübeck. Auf einem Waldweg fielen schließlich die tödlichen Schüsse.

Die Leiche wurde erst am 14. Januar 2012 gefunden. Osman gab im Prozess zu, dass er seine Schwester erschossen hat. Er sei „außer Kontrolle geraten“ und habe sie getötet, weil sie sowohl ihn als auch seine Eltern beleidigt habe, sagte der 22-Jährige. Kurz vor der Tat war Arzu in ein Frauenhaus geflohen, hatte sich einen neuen Namen und ein neues Aussehen zugelegt. Durch ihren Kontakt zu ihrem Freund kam ihr ihre Schwester auf die Spur. (dapd)