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Autismus: Endloser Kampf um die richtige Schule

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Torsten Tränkner mit seinem guten Zeugnis von der Privatschule. Seine Eltern Thomas und Ines werfen der Stadt Hinhaltetaktik vor.  Foto: Birgit Lehmann
Torben Tänkner aus Wesseling ist Autist. Er besucht erfolgreich eine Privatschule. Doch die Kosten dafür kann seine Familie nicht mehr tragen. Die Stadt Wesseling aber will die Schulkosten nicht übernehmen.  Von
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Stolz zeigt Torben Tänkner sein Zeugnis. Ausschließlich Zweien und Dreien stehen im Abschlusszeugnis der Klasse neun, ganz anders als noch in seinem Zeugnis vor zwei Jahren, wo es lauter Fünfen und Sechsen hagelte. Seine Lieblingsfächer sind Mathematik und Naturwissenschaften. Und trotz seiner guten Noten, die ihm im nächsten Jahr voraussichtlich den Realschulabschluss brächten, sieht es so aus, als wird der 16-Jährige seine Lieblingsschule, der ersten, auf der er in seinem Leben gut zurechtkommt, wieder verlassen müssen. Die Familie sagt, sie kann die Kosten für die Privatschule nicht mehr aufbringen. Die Stadt Wesseling jedoch will sie nicht übernehmen, weil das Gesetz keine andere Wahl lasse, wie sie betont.

Torben leidet an dem „Asperger Syndrom“, einer Form von Autismus, bei der er die Mimik seiner Mitmenschen nicht einordnen und sich in die Gedankenwelt anderer nicht hineinversetzen kann. Schon im Kindergarten sei Torben als Störfaktor aufgefallen, in der Schule – umgeben von 30 anderen Kindern in der Klasse – sei es schlimmer geworden, berichtet die Mutter. „Er kann einen Lehrer wahnsinnig machen.“ Zehn verschiedene Schulen lernte Torben kennen, einmal wechselte er in einem Jahr viermal die Klasse, immer gab es Probleme.

Anspruch auf Schulbegleiter

Vor zwei Jahren dachte die Familie Tränkner, endlich die perfekte Schule gefunden zu haben, eine Privatschule in Wesseling mit Klassen von nur 15 Schülern, die den Lehrern eine intensivere B’etreuung von Torben ermöglicht. Doch das Wesselinger Jugendamt torpediere dies, so der Vorwurf der Familie. Sie kämpft um die Übernahme der Schulkosten von rund 700 Euro im Monat, rund 18 000 Euro rückwirkend. Vor Gericht verloren die Tränkners den Prozess in erster Instanz und gingen nun in Berufung. Die Stadt hält der Familie entgegen, eigenmächtig gehandelt zu haben, den Sohn ohne Zustimmung der Behörden an der Privatschule angemeldet, demzufolge könne die Stadt nicht die Kosten übernehmen.

Ines Tränkner bestreitet das. Das Jugendamt der Stadt wisse seit langem von den Lernschwierigkeiten ihres Sohnes, habe seit 2006 zweimal eine Förderung bewilligt. Schuldezernent Erwin Esser betont, es habe sich unter anderem um eine Förderung wegen Lese- und Schreibschwächen gehandelt, einen Hinweis auf das Asperger Syndrom gebe es erst seit 2011. Gegenseitig halten sich die Parteien vor, die Unwahrheit zu sagen, die Situation ist verfahren. Dazu kommt, dass Torbens Besuch der öffentlichen Schule voraussichtlich mehr kosten wird als der der Privatschule. Seit seiner Diagnose hat er Anspruch auf einen Schulbegleiter. „Der ist viel teurer als die Privatschule“, so Ines Tränkner.

Gutachten plädiert für Privatschule

„Das kann sein“, sagt Beigeordneter Esser. Der Betreuungsbedarf werde sich aber erst herausstellen, wenn Torben einige Monate auf der Schule sei. Esser verweist auf die Gesetzeslage, die lasse einen Kostenvergleich gar nicht zu. Die Stadt habe keine andere Wahl, erst müssten alle anderen Fördermöglichkeiten ausgeschöpft werden, erst dann könne das Kind auf eine Privatschule. Esser: „Die steht erst am Ende der Kette.“ Würde die Stadt jetzt die Privatschule zahlen, sei dies nichts anderes als „Veruntreuung von Steuergeldern“.

Sie habe ihren Sohn jetzt auf einer öffentlichen Schule angemeldet, sagt Ines Tränkner. Auch sie sehe keine andere Möglichkeit. Ein Gutachten bescheinigt, dass Torben bei einem erneuten Schulwechsel mindestens wieder ein Jahr brauchen wird, um sich einzugewöhnen und rät dringend dazu, den Jungen auf der Privatschule zu belassen. Auch Torben hat Angst vor einem erneuten Wechsel. „Das wird wieder so werden wie früher auch“, befürchtet er, und erinnert sich an Fälle, wo er von Klassenkameraden gemobbt und sogar verprügelt wurde. Da wolle er die Schule lieber ganz schmeißen und irgendwo arbeiten gehen, ohne richtigen Schulabschluss. Sein Berufswunsch dagegen sieht anders aus. „Eigentlich will ich Bauingenieur werden.“

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