28.06.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Atomausstieg: Das Milliardengeschäft um den AKW-Rückbau

Vor allem die Entsorgung strahlender Substanzen ist beim AKW-Rückbau ein großes Problem.

Vor allem die Entsorgung strahlender Substanzen ist beim AKW-Rückbau ein großes Problem.

Foto:

dpa

Berlin -

Am Tag, an dem zum letzten Mal Wasserdampf aus den zwei mächtigen Kühltürmen aufstieg, trafen sie sich zu einer Andacht. Im kleinen Kreis an einem Wegkreuz, nur einen Steinwurf vom Kraftwerksgelände entfernt. Es war ein stiller, feierlicher Moment. Für einige Atom-Gegner war es zugleich das Ende eines jahrzehntelangen Kampfes gegen den Meiler in der Nachbarschaft.

AKW Grafenrheinfeld

Vor neun Monaten stieg zuletzt Wasserdampf aus den Kühltürmen des AKW Grafenrheinfeld.

Foto:

dpa

Neun Monate liegt diese Szene nun zurück. Seitdem ist das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld in der Nähe von Schweinfurt abgeschaltet – für immer.  33 Jahre lang wurde hier Strom produziert. Nun geht es darum, die gigantische Anlage Stück für Stück abzubauen. „Zurück zur grünen Wiese“, wie es im Jargon der Fachleute heißt. Es ist eine Aufgabe, die noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird.

Auch an zahlreichen anderen Orten der Republik stehen vergleichbare Abriss-Arbeiten an: Direkt nach der Nuklear-Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 verfügte die  damalige Bundesregierung per Moratorium die sofortige Stilllegung von acht alten Atomkraftwerken. Die verbliebenen neun sollen laut novelliertem Atomgesetz bis Ende 2022 vom Netz gehen. Grafenrheinfeld machte Mitte 2015 den Anfang,  als nächster Meiler folgt Ende 2017  Grundremmingen B in Bayerisch-Schwaben.

Doch auch vor dem Beschluss zum endgültigen Atom-Ausstieg gab es hierzulande ja schon stillgelegte Kernkraftwerke. Zum Beispiel das Akw Stade bei Hamburg oder das in Lubmin bei Greifswald. Laut Bundesamt für Strahlenschutz werden derzeit bereits 16 Anlagen zerlegt. Die 17 Meiler, deren Ende nach Fukushima besiegelt wurde, kommen hinzu. Außerdem gibt es zahlreiche Forschungsreaktoren, die ebenfalls abgetragen werden müssen.

Der AKW-Rückbau ist ein Milliardengeschäft

Für Spezialfirmen ist ein riesiges Geschäftsfeld entstanden: Die Kosten für den Abriss von kommerziell genutzten Atomkraftwerken dürften sich in den kommenden Jahrzehnten allein in Deutschland auf rund 20 Milliarden Euro summieren. Das ist zumindest der Wert, von dem Politik und Fachwelt gegenwärtig ausgehen. „Die Spanne pro Reaktor liegt bei 500 Millionen bis einer Milliarde Euro“, sagt Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital.

Rund um den Globus werden nach Erhebungen der Internationalen Energieagentur (IEA) bis 2040 etwa 200 Reaktoren ihre Altersgrenze erreichen. Der Rückbau dürfte nach Schätzungen der IEA-Experten mindestens 100 Milliarden Dollar verschlingen. Die Zukunft der Atombranche scheint in ihrem Abriss zu liegen.

Es ist eine gute Nachricht für Unternehmen und Fachkräfte, die sich genau damit auskennen. Der Nuklear-Experte und Berater Mycle Schneider verweist darauf, dass in Europa und den USA zunehmend sogar Anlagen stillgelegt werden, die noch nicht am Ende ihres Lebenszyklus angelangt sind und über eine gültige Betriebserlaubnis verfügen. Das Überangebot an Elektrizität, hervorgerufen vor allem durch den Ökostrom-Boom, mache den Weiterbetrieb schlicht unwirtschaftlich. Schneiders Prognose für das Abriss-Business: „Dieser Markt ist todsicher.“

So verwundert es kaum, dass sich hier auch Firmen in Stellung bringen, die in der Vergangenheit prächtig am Bau von Atomkraftwerken verdient haben. Der schwer angeschlagene Konzern Areva  aus Frankreich gehört dazu, ebenso der US-Anbieter Westinghouse oder Nukem Technologies, deutsche Tochter der russischen Atomholding Rosatom.

  1. Das Milliardengeschäft um den AKW-Rückbau
  2. Energiekonzerne tragen die Kosten für den AKW-Rückbau
nächste Seite Seite 1 von 2

Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?