29.07.2016
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Eine Ära geht zu Ende: Bergleute verlassen den Niederrhein

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mit Bergleuten im Bergwerk West der Deutschen Steinkohle AG (DSK) in Kamp-Lintfort

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mit Bergleuten im Bergwerk West der Deutschen Steinkohle AG (DSK) in Kamp-Lintfort

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dapd

Kamp-Lintfort -

Frohe Weihnachten mag man dieser Tage am Niederrhein keinem Kumpel wünschen. Für rund 2500 Bergleute war am Freitag Schicht. Das letzte Steinkohlenbergwerk der Region - das viertletzte in Deutschland - hat drei Tage vor Heiligabend die Förderung eingestellt. In den nächsten Wochen wird noch ein kleines Team die Maschinen aus der Tiefe bergen. Die begehrte Ware wird weltweit verkauft, vielleicht nach China.

Für mehr als 800 Bergleute bedeutet das Aus für die Verbundzeche West mit ihren Standorten in der Umgebung von Kamp-Lintfort unweit von Duisburg auch das persönliche Aus unter Tage. Sie sind mindestens 50 Jahre alt und gehen in die sogenannte Anpassung, den Vorruhestand der Kumpel. 1600 Bergleute müssen umziehen oder pendeln. Sie wechseln zu den letzten Bergwerken nach Bottrop, Marl und Ibbenbüren. Viele von ihnen kennen solche Wechsel. In den vergangenen Jahren haben schon mehrere Zechen im Ruhrgebiet geschlossen, im vergangenen Sommer war das Bergwerk Saar an der Reihe, die letzte Zeche im traditionellen Saarbergbau.

Zur letzten Schicht am Freitag war auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) nach Kamp-Lintfort gekommen. Die sichtlich bewegte Regierungschefin trug einen sogenannten Bergkittel, den ihr Bergleute vor einigen Jahren bei einer Feier in Hamm verliehen hatten. Sie dankte den Bergleuten und versprach der Region Hilfen beim Strukturwandel.

Freiwillig geht der deutsche Steinkohlebergbau nicht in die Knie. Die Politik will die Milliarden an Subventionen nicht mehr aufbringen und hält deutsche Kohle für die Energieerzeugung für ersetzbar. Ohnehin kommt nur noch ein Fünftel der verbrauchten Steinkohle aus heimischer Förderung. Der große Teil kommt aus Übersee: aus Südafrika, Kolumbien, Indonesien und besonders Australien, wo die Kohle nur knapp unter der Erdoberfläche liegt.

Hierzulande wird in Tiefen von 1000 Metern oder mehr abgebaut. Der hohe Aufwand und der hohe technische Standard machen die Förderung teuer. International ist die deutsche Kohle nicht konkurrenzfähig. Gegen die Subventionen hat sich auch die EU aufgelehnt. Ohne Zuschüsse lohnt sich aber kein Abbau. Deshalb haben sich die Beteiligten auf ein endgültiges Aus Ende 2018 geeinigt.

Vor Jahren waren noch einmal Pläne bekanntgeworden, eine völlig neue Zeche über einem Kokskohlefeld im östlichen Ruhrgebiet aufzumachen, die ohne Subventionen auskommen sollte. Ein Investor wurde aber nicht gefunden. Um gewinnbringend abbauen zu können, müsste der Weltmarktpreis schon in unerwartete Höhen steigen. Derzeit kann auch noch in Bottrop Kokskohle gefördert werden, die in Kokereien zu Koks für die Stahlindustrie verwandelt wird.

Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis von der IG BCE ist enttäuscht, dass die Kokskohle-Pläne ruhen: „Eine neue deutsche Kokskohlenzeche wäre für unsere Stahlindustrie sicherlich billiger und gewinnbringender als die Milliardengräber, zu denen sich neue Stahlwerke in Brasilien und USA entwickelt haben“, sagte er mit Blick auf Pleiteprojekte des Stahlriesen ThyssenKrupp. (dpa)


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