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Mitarbeiter berichtet: „Amazon reagiert nur auf Druck“

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Das Logistikcenter von Amazon in Bad Hersfeld. Hier wurde die ARD-Doku gedreht, die die Kritik an dem Versandhändler auslöste. Foto: dpa
Seit Wochen steht der Internet-Versandhändler Amazon wegen des Umgangs mit seinen Mitarbeitern im Logistikzentrum in Bad Hersfeld in der Kritik. Ein Einzelfall? Wie läuft es in den anderen Standorten? Ein Mitarbeiter aus Leipzig berichtet.  Von
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Leipzig

Der Internet-Riese Amazon steht seit Tagen öffentlich am Pranger. In Online-Foren und sozialen Netzwerken wird erhitzt über die Geschäftspraktiken beim  US-Konzern diskutiert. Ausgelöst hat die Debatte eine ARD-Dokumentation über miserable Arbeitsbedingungen von ausländischen Leiharbeitern im Versandzentrum in Bad Hersfeld (Hessen).

Waren die dortigen Vorfälle ein einmaliger Ausrutscher oder läuft generell etwas schief bei Deutschlands größtem Online-Händler? Ein 34-jähriger Mitarbeiter des Leipziger Versandzentrums, der anonym bleiben möchte, berichtet über seine Arbeitsbedingungen. Aufgezeichnet von Steffen Höhne.

15 Kilometer pro Tag

Arbeiten ist für mich wichtig. Mir fällt die Decke auf den Kopf, wenn ich längere Zeit zu Hause nur auf dem Sofa sitze. Als ich vor einigen Jahren arbeitslos wurde, suchte ich eine Stelle bei einer größeren Firma, der es gut geht, bei der man nicht ständig um seinen Job bangen muss. Amazon suchte damals  in Leipzig. Von einer früheren Tätigkeit kannte ich das Unternehmen schon ein wenig. Als ich anfing, stellte ich mich auf körperlich anstrengende Arbeit ein. 

Ich arbeite als „Picker“. So heißen die Mitarbeiter  im Lager, die Waren einsammeln und für den Versand  zusammenstellen. Man legt bei Amazon in Deutschland viel Wert auf englische Begriffe. Mein Vorgesetzter heißt Leads, eine Art Vorarbeiter für 20 Mitarbeiter, darüber kommt der Area-Manager (Abteilungsleiter) und der Operation-Manager. Es gibt eine klare Hierarchie, die alle Prozesse auf maximale Effizienz trimmt. Dies ist  charakteristisch für Amazon, was ich so bei keinem anderen Unternehmen vorher in der Form gesehen habe.

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Zehn bis 15 Kilometer Wegstrecke lege ich am Tag im Lager zurück. Aber nicht die körperliche Arbeit, sondern die ständige Kontrolle der Arbeitsprozesse und der damit verbundene psychische Druck waren und sind für mich die größte Belastung. Ein Computersystem zeichnet genau auf, wie schnell die Bestellungen von mir zusammengestellt werden. Dabei wird registriert, wenn falsche oder beschädigte Produkte gepackt werden und wie oft man „inaktiv“ ist.

Jeder Toilettengang wird mitgezählt, damit die Arbeitszeit von 7,75 Stunden auch wirklich geleistet wird. In den ersten Monaten wurde fast täglich mit mir ein Gespräch geführt, ob ich meine Zahlen geschafft habe. Diese sogenannten „Feedbacks“, die jeder Mitarbeiter erhält, sollen die Leistung verbessern. Zufriedenheit  wurde  nie geäußert, wirklich nie. Erst später habe ich erfahren, dass ich einer der besten neuen Mitarbeiter war.

Ältere werden gemobbt

Damals waren wir 600 Mitarbeiter. Heute gibt es allein rund 1 500 fest angestellte Mitarbeiter. Die schiere Masse an Beschäftigten führt dazu, dass solche Gespräche nur noch wöchentlich geführt werden. Im vergangenen Jahr wurden die Handscanner der Picker kurzzeitig mit einem Countdown versehen, der zeigte, wie viel Zeit man bis zum nächsten „Pick“ hat. Nach massiven Protesten von Mitarbeitern wurde dies aber wieder abgeschafft. Die Arbeitsbelastung ist auch so hoch genug. Zeit für private Gespräche  gibt es kaum.

Meine Frühschicht beginnt um 5.30 Uhr und endet 15 Uhr, die Spätschicht geht bis 23.30 Uhr. Extra ist die Zeit, die man an den Sicherheitsschleusen verbringt. Damit nicht geklaut wird, gibt es wie am Flughafen Kontrollen. Auch die Versandhalle ist videoüberwacht. Damit habe ich kein Problem. Ansonsten würde  zu viel gestohlen.

Von den 1 700 Euro Brutto-Lohn  im Monat kann ich  leben. Einiges hat sich zum Positiven gewandelt, seit  2009 ein Betriebsrat die Arbeit aufnahm. Die Löhne wurden  schrittweise angehoben, die Kontrollen an den Sicherheitsschleusen gehen schneller. Bei Problemen mit Vorgesetzten steht man nicht mehr alleine da. Doch dies alles musste immer erkämpft werden. Meine Erfahrung ist: Amazon reagiert nur auf Druck.

Die Bilder im Fernsehen von den Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter in Bad Hersfeld haben auch mich getroffen. Aus Leipzig kenne ich so etwas nicht und habe auch nichts von solchen Zuständen gehört. Hier waren, das habe ich auch nur gelesen, 600 ausländische Leiharbeiter im Ramada-Hotel in Leipzig und Halle untergebracht.

Typisch für Amazon ist die Reaktion auf die Vorfälle in Bad Hersfeld: Da wird schnell die Sicherheitsfirma gefeuert, den Konzern trifft laut Managern aber keine Schuld. Bei uns in Leipzig werden einige ältere Mitarbeiter von Vorgesetzten gemobbt, weil sie häufiger krank sind. Dies ist nicht in Ordnung. Das würde sicher  auch der Amazon-Deutschlandchef so sehen. Untersucht oder zur Rechenschaft gezogen wurde  meines Wissens aber nie jemand.

„Nur eine Nummer“

Es ist klar, dass sich gerade in der Vorweihnachtszeit etwas ändern muss. In Leipzig wird die Belegschaft mehr als verdoppelt. Die Festangestellten werden als sogenannte Co-Worker eingesetzt, um Saisonkräfte anzulernen. Dies geschieht auf freiwilliger Basis, wird von den Managern aber auch erwartet. In dieser Zeit herrscht mitunter Chaos. Die ansonsten ordentlichen Wasch- und Toilettenräume reichen dann nicht aus. Missstände sind damit programmiert.

Auch wenn es  nach all dem Gesagten vielleicht  merkwürdig klingt: Im Grundsatz bin ich nicht unzufrieden. Verglichen mit Zuständen in  anderen Logistikfirmen geht es uns gerade bei der Bezahlung nicht schlecht. Der Amazon-Konzern, der großen Wert auf Kundenzufriedenheit legt, könnte  ein tolles Unternehmen sein. Dafür müsste er aber besser mit seinen  Mitarbeitern umgehen. Ich habe  das Gefühl, und dies geht nicht nur mir so, dass  ich nur eine Nummer bin. Bringt diese nicht die erwartete Leistung, wird sie ausgetauscht.

Doch dies lassen wir uns nicht länger gefallen. Nach zwei Jahren habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen. Auch die Verträge von vielen anderen Beschäftigten wurden, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist, entfristet. Damit wächst auch der Einfluss der Gewerkschaft.

Am vergangenen Freitag fand  eine Betriebsversammlung statt. Der Chef der deutschen Amazon-Versandzentren sagte per Videobotschaft, dass Amazon betroffen über die Zustände in Bad Hersfeld gewesen sei. Er versprach auch, dass  Amazon  die Arbeitsbedingungen in den Versandzentren genau anschauen und verbessern will. Ich bin aber skeptisch. Schöne Worte habe ich schon öfters gehört. Es wird Zeit, dass gehandelt wird.

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