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Sal. Oppenheim: Untergang einer Kölner Bank-Dynastie

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Der Schriftzug des Bankhauses Oppenheim in der Kölner Innenstadt.  Foto: dpa
Am Mittwoch beginnt die Verhandlung eines unvergleichlichen Wirtschaftskrimis vor dem Kölner Landgericht. Die ehemalige Führungsriege der Bank Sal. Oppenheim muss sich gleich mehrerer Anklagen stellen.  Von
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Köln

Montag, 15. September 2008: Auf dem Höhepunkt der Feierlichkeiten zur Rückkehr der Privatbank Sal. Oppenheim jr. & Cie an den historischen Unternehmenssitz in der Oppenheimstraße schreiten Matthias Graf von Krockow und Josef Müller auf den neuen Wasserpavillon mit seinen verspiegelten Stelen im Garten des Gebäude-Ensembles zu. Der Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter des Bankhauses und der Kölner CDU-Bürgermeister betreten das Werk des dänischen Künstlers Jeppe Hein. Trockenen Fußes spazieren von Krockow und Müller durch die sprudelnden Wassersäulen. 150 geladene Gäste und Privatkunden, unter ihnen die dänische Prinzessin Benedikte zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg und der dänische Botschafter Carsten Søndergaard, sind schwer beeindruckt. Ein Banker, der über Wasser laufen kann. Das ist ein starkes Signal – alles scheint möglich.

Christopher v. Oppenheim (47): Der Baron zählt zur siebten Generation der Bank. Es ist die letzte Generation in Eigenständigkeit.
Christopher v. Oppenheim (47): Der Baron zählt zur siebten Generation der Bank. Es ist die letzte Generation in Eigenständigkeit.
Foto: IMAGO

Ein Jahr später, im Oktober 2009, ist alles am Ende. 220 Jahre Eigenständigkeit sind Geschichte. Das traditionsreiche und grundsolide Bankhaus Sal. Oppenheim entgeht nur deshalb der Pleite, weil es von der Deutschen Bank aufgekauft wird. Es ist der Zusammenbruch des Handelskonzerns Arcandor, der es mit in den Abgrund reißt. Seit 2001 hat das Bankhaus der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz immer neue Kredite gewährt, mit denen sie Aktien des damals noch unter Karstadt-Quelle laufenden Unternehmens kaufen konnte. Bis 2005 belaufen sich die Kredite bereits auf 650 Millionen Euro. Dennoch erhält Schickedanz noch einmal 350 Millionen Euro, finanziert auf Umwegen über eine Briefkastenfirma mit dem Namen ADG, hinter der Verantwortliche des Bankhauses stehen: der damalige Bankchef Matthias Graf von Krockow, Mit-Geschäftsführer Christopher Freiherr von Oppenheim, der damalige Aufsichtsratschef Georg Baron von Ullmann und der Troisdorfer Immobilienunternehmer Josef Esch. Die Staatsanwaltschaft Köln vertritt die Auffassung, dass dieser Kredit an Madeleine Schickedanz wegen des hohen Risikos für das Bankhaus niemals hätte vergeben werden dürfen.

Josef Esch (56) (r.): Der Troisdorfer Immobilienunternehmer hat 72 Fonds mit dem Bankhaus Oppenheim aufgelegt.
Josef Esch (56) (r.): Der Troisdorfer Immobilienunternehmer hat 72 Fonds mit dem Bankhaus Oppenheim aufgelegt.
Foto: Christoph Hennes

Mittwoch, 27. Februar 2013: Wenn an diesem Tag um 9.30 Uhr im Saal 210 des Kölner Landgerichts vor der 16. Großen Strafkammer die strafrechtliche Aufarbeitung des Oppenheim-Untergangs beginnt, wird der Fall Schickedanz noch keine Rolle spielen. Nach mehr als zwei Jahren aufwendiger Ermittlungen, nach drei Razzien, bei denen im Jahr 2010 rund 260 Ermittler in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern Büros und Privatwohnungen etlicher Oppenheim-Geschäftspartner durchsuchen, stehen zunächst drei Immobiliengeschäfte in Köln und Frankfurt (siehe „150 Millionen Euro Schaden“) im Mittelpunkt. Nach Ansicht der Strafverfolger sind mehr als 30 ehemalige Miteigner des Bankhauses um rund 150 Millionen Euro geschädigt worden.

Zwei Anklagen eindeutig

Die leitenden Ermittler, die Oberstaatsanwälte Torsten Elschenbroich (48) und Gunnar Greier (44), haben sich zunächst die Fälle herausgesucht, von denen sie glauben, dass die Beweislage eindeutig ist, und sie in zwei Anklagen zusammengefasst. Die ehemals persönlich haftenden Oppenheim-Gesellschafter Matthias Graf von Krockow (63), Christopher Freiherr von Oppenheim (47), Friedrich Carl Janssen (68) und Dieter Pfundt (60) sind wegen Untreue in drei besonders schweren Fällen angeklagt. Josef Esch muss sich sowohl wegen Beihilfe als auch wegen Untreue in einem besonders schweren Fall verantworten.

Die strafrechtliche Auseinandersetzung, für die die Vorsitzende Richterin Sabine Grobecker zunächst 78 Verhandlungstage eingeplant hat, wird über diese drei Einzelfälle hinaus wohl auch Licht in die Geschäftsbeziehungen bringen, die seit den frühen 1990er Jahren zwischen der Privatbank und dem Troisdorfer Immobilienentwickler Josef Esch bestanden haben. 72 Immobilienfonds hat Esch im Laufe der Jahre gemeinsam mit der Bank vor allem für deren Privatkunden aufgelegt.

Friedrich Carl Janssen (68): Im Oktober 2002 wurde er Generalbevollmächtigter, ein gutes Jahr später  Gesellschafter der Bank.
Friedrich Carl Janssen (68): Im Oktober 2002 wurde er Generalbevollmächtigter, ein gutes Jahr später Gesellschafter der Bank.

Ein Insider spricht von einer Geschäftsbeziehung, die über Jahre ruhig und erfolgreich gelaufen sei und an denen sich auch die Mitglieder der Oppenheim-Familie immer gern beteiligt hätten. Es sei zunächst keine freundschaftliche Beziehung zwischen Esch und den Bankiers gewesen, „aber man beginnt sich zu vertrauen, wenn man so lange erfolgreich zusammen arbeitet“. Sein Meisterstück aus Sicht der Investoren liefert Josef Esch zwischen 1995 und 1998 ab, als er einen Immobilienfonds zum Bau der Köln-Arena und des Technischen Rathauses in Deutz auflegt. 77 Fonds-Zeichner investieren insgesamt 450 Millionen Euro. „Die Arena war eine Riesengeschichte“, sagt der Insider. „Sie wurde fertiggestellt trotz der Holzmann-Pleite – und das ohne Mehrkosten. Und sie zählt bis heute zu den erfolgreichsten Veranstaltungshallen der Welt. Da hat sich manch ein Bauunternehmer in Deutschland gefragt: Warum kriegt der Mann aus Troisdorf das hin und wir nicht?“, so der Insider weiter. Dass die Stadt Köln die Grundstücke damals deutlich unter Wert verkauft und sich für 30 Jahre als Mieter an das Technische Rathaus gebunden hat, stieß allerdings schnell auf deutliche Kritik. Kölns späterer und im Jahr 2000 verstorbener Oberbürgermeister Harry Blum (CDU) spricht vom „vermieterunfreundlichsten Mietvertrag, den die Stadt je abgeschlossen hat“.

Das Kapitel Köln-Arena

Dennoch: Der Bau der Köln-Arena festigt die Geschäftsbeziehungen zwischen Esch und dem Bankhaus. „Da ist auf einmal ein sehr positiver Spin entstanden“, sagt der Insider. „In der zweiten Phase hat man sich weitere größere Projekte mit größeren Summen vorgenommen.“

Dieter Pfund (60): Als neuer Partner trat Dieter Pfundt 1993 gemeinsam mit Johannes Maret in die Bank ein.
Dieter Pfund (60): Als neuer Partner trat Dieter Pfundt 1993 gemeinsam mit Johannes Maret in die Bank ein.
Foto: picture alliance

Von denen etliche mittlerweile aber auch Gegenstand zivilrechtlicher Auseinandersetzungen sind. In mindestens 15 Prozessen, von denen die meisten in Bonn verhandelt werden, klagen prominente Anleger wie der Schuhhändler Heinz-Horst Deichmann, Wilhelm von Finck junior, Ex-Volkswagen-Chef Carl Hahn sowie die ehemaligen Banker Axel Pfeil und Thomas Pachmann, weil sie sich bei mehreren großen Oppenheim-Esch-Immobilienfonds vor allem in Köln unter anderem zu den MMC-Studios in Ossendorf und der Köln-Messe getäuscht fühlen. Esch und das Bankhaus hätten sie über Interessenverflechtungen und Risiken nicht richtig aufgeklärt.

Ihre Erfolgsaussichten sind allerdings äußerst gering. Die Klage des Wilhelm von Finck junior, der Anteile an zwei Karstadt-Warenhaus-Fonds geerbt hatte, auf 47 Millionen Euro Schadenersatz vor dem Landgericht Bonn wurde im November abgewiesen. Es sei nicht erkennbar, dass die Fonds-Initiatoren gegen ihre Auskunftspflichten verstoßen hätten.

M. Graf von Krockow (63): 1998 stieg Matthias Graf von Krockow zum Sprecher der Gesellschafter des Bankhauses auf.
M. Graf von Krockow (63): 1998 stieg Matthias Graf von Krockow zum Sprecher der Gesellschafter des Bankhauses auf.
Foto: dpa

Auch die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz musste im Dezember 2012 vor dem Landgericht Köln im Zivilprozess erkennen, dass die Aktien, von ihrer Hausbank Sal. Oppenheim, den inzwischen abgetretenen Bankchefs und ihrem Vermögensberater Josef Esch insgesamt 1,9 Milliarden zurückzuerstreiten, nicht sonderlich gut stehen. Es sei schwerlich plausibel, schrieb ihr der Vorsitzende Richter Stefan Singbartl ins Stammbuch, dass sie einerseits immer gegen die Anlage-Entscheidungen ihrer Berater gewesen sei, dies andererseits aber nie deutlich zum Ausdruck gebracht habe. Die Behauptung der Ex-Milliardärin, von Sal. Oppenheim und Josef Esch über die wahren Absichten des Arcandor-Deals getäuscht worden zu sein, sei nicht hinreichend belegt. Schickedanz sagt, man habe sie als Strohfrau benutzt, um sich „durch eine ausgeklügelte Konstruktion von Schein- und Umgehungsgeschäften in sittenwidriger Weise Profite zu verschaffen“, heißt es in den Prozessunterlagen. Sie sei für die Banker und deren Partner eine Marionette gewesen, habe die Aktien von Karstadt-Quelle gar nicht selbst erworben, sondern nur in Treuhand für eine Interessengemeinschaft all derer gehalten, gegen die sich ihre Klage richtet. Dabei sei sie unter Druck gesetzt worden: Auf dem Rollfeld des Flughafens Köln/Bonn habe man sie im Oktober 2008 zwei Stunden schmoren lassen. Erst dann seien Josef Esch und ein Notar zugestiegen und hätten sie mehr oder weniger zu den Unterschriften gezwungen, mit denen sie nahezu ihr gesamtes Vermögen verpfändete.

Aufarbeitung wird Jahre dauern

Bis die gesamte Oppenheim-Esch-Story aufgearbeitet sein wird, werden noch Jahre ins Land ziehen. Sollten die beiden Anklagen zu den drei Immobiliengeschäften, die ab Mittwoch verhandelt werden, zu Verurteilungen führen, haben die Angeschuldigten die Möglichkeit, bis vor den Bundesgerichtshof zu ziehen. Auch die Staatsanwaltschaft könnte Rechtsmittel einlegen, wenn sie mit dem Ausgang der Verfahren nicht einverstanden ist.

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Die Anwälte von Josef Esch bezweifeln jedoch, dass es überhaupt so weit kommen wird. Sie bestreiten nicht nur die Vorwürfe, sondern stellen insbesondere grundsätzlich infrage, ob der Straftatbestand der Untreue oder der Beihilfe zur Untreue überhaupt erfüllt ist – bei einem Bankhaus, das im Grunde ein Familienunternehmen gewesen sei. Mit einem Aktionärsausschuss, in dem ebenfalls nur die Familie vertreten war, und mit einer Gesellschaft, deren Aktien zu 100 Prozent in Familienbesitz seien. Wenn das so gelte, müsse die Frage erlaubt sein, ob es sich überhaupt um fremdes Vermögen handele. Eigenes Vermögen lasse sich wohl kaum veruntreuen.

Ob 78 Verhandlungstage ausreichen, um diese strittigen Fragen zu klären, scheint wenig wahrscheinlich. Und dann stehen noch die Vorwürfe um das ADG-Darlehen in Höhe von 350 Millionen Euro für Madeleine Schickedanz ins Haus. Noch ist das Hauptverfahren vom Gericht nicht eröffnet. Wenn es so weit kommt, wird voraussichtlich wieder vor Sabine Grobecker verhandelt. Beginn: frühestens Anfang 2014, im Saal 210 des Kölner Landgerichts.

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