29.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Solarindustrie: Ausverkauf nach China
01. August 2012
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Solarindustrie: Ausverkauf nach China

Chinesische Arbeiter untersuchen Solarmodule in einer Fabrik für Photovoltaikanlagen in Huaibei (China).

Chinesische Arbeiter untersuchen Solarmodule in einer Fabrik für Photovoltaikanlagen in Huaibei (China).

Foto:

dapd

Berlin -

Bei den Mitarbeitern der insolventen Berliner Solarfirma Soltecture herrscht nach Jahren harter Arbeit ungläubiges Entsetzen. „Wir haben in Technologie investiert und eine Spitzenstellung erreicht. Und jetzt werden wir nach China verramscht.“ Bald drei Monate ist es her, dass Soltecture pleiteging. Der Fall ist ein Lehrstück über die desaströse deutsche Industriepolitik im Bereich Solar.

Laut einem Sprecher des Insolvenzverwalters laufen Verhandlungen mit verschiedenen Investoren, Details will er nicht kommentieren. Doch der Insider befürchtet: Die Firma wird abgewickelt – und Maschinenpark und eine der vielversprechendsten Technologien im Bereich der grünen Energie verschwinden nach China.

Die Soltecture-Angestellten sind sich sicher, dass der chinesische Konzern Hanergy an Soltecture interessiert ist – und sowohl Maschinen als auch Technik erwerben möchte. Hanergys Hauptgeschäft war bislang der Betrieb von Wasserkraftwerken. Doch das Unternehmen aus Peking, das eng mit dem Staat verbandelt ist, treibt derzeit eine neue Sparte voran: Dünnschicht-Solarmodule, genauer: die CIGS-Technologie. Statt dicker Siliziumscheiben kommt eine hauchdünne Schicht aus Kupfer, Indium, Gallium, Schwefel und Selen zum Einsatz. Die Solarzellen sind hochflexibel und potenziell auch günstig. Allerdings ist die Stromausbeute noch gering. In Zukunft könnte sich möglicherweise ein großer Markt für CIGS entwickeln.

Billig aus der Insolvenzmasse bedienen

Hanergy hat diese Chance erkannt. Auf eine Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu den Plänen in Deutschland gab es zwar keine Antwort. Doch die Strategie ist klar: Die Chinesen kaufen in Deutschland zum Ramschpreis jene Unternehmen auf, die bei CIGS über Spitzentechnik verfügen. Solibro, eine Tochter der insolventen Q-Cells aus Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, wurde bereits im Juni übernommen. An der ebenfalls insolventen Berliner Firma Global Solar Energy Deutschland hat Hanergy laut den Insidern Interesse. Global Solar verfügt ebenfalls über CIGS-Technik. Und auch dort könnte sich Hanergy womöglich billig aus der Insolvenzmasse bedienen. Bei Solibro soll zwar zunächst die Produktion etwas vergrößert werden. Doch am langfristigen Engagement gibt es Zweifel. „Die holen sich die Dünnschicht-Technik und bauen alles in China in zehnfacher Größe nach“, so der Insider.

Hanergy und deutsche CIGS-Solartechnik – das ist nur ein Beispiel für den Ausverkauf der deutschen Solarindustrie. Im Frühjahr übernahm der chinesische Solarriese LDK die kriselnde Konstanzer Firma Sunways. Das Unternehmen ist hochinnovativ. Doch Sunways fehlte es an Kapital, um die derzeitige Durststrecke auf dem Solarmarkt durchzustehen. Scheuten Solar, das auch in Gelsenkirchen produziert, ging an die chinesische Aiko Solar. Auch andere ausländische Investoren kommen zum Zug: Der Berliner Modulhersteller Solon ging ebenfalls pleite und ist an arabische Investoren verkauft. Die Insolvenzwelle in der von Überkapazitäten gebeutelten Branche wird weitergehen. Und vermutlich wird weiter milliardenschwer geförderte deutsche Hochtechnologie abfließen.

Solar-Masterplan

Die Strategie der Chinesen ist bislang aufgegangen. Sie haben sich die erste Phase der Expansion im Bereich Solar in großen Teilen vom deutschen Stromverbraucher finanzieren lassen, die per Öko-Strom-Umlage die massenhafte Installation von Solaranlagen bezahlen – egal, wo sie herkommen. Innerhalb der vergangenen Jahre ist der Anteil chinesischer Modultechnik auf deutschen Dächern auf rund 80 Prozent gestiegen.

Derzeit läuft die zweite Phase des chinesischen Solar-Masterplans: Die Unternehmen kaufen billig die Reste der noch vor wenigen Jahren führenden Solarbranche. Gleichzeitig fängt China an, endlich im eigenen Land große Solarparks zu installieren – zu inzwischen deutlich günstigeren Preisen natürlich. In der dritten Phase wollen die chinesischen Unternehmen dann mit günstiger Solartechnik – die zum großen Teil in Deutschland entwickelt und finanziert wurde – den Weltmarkt dominieren. (mit sth)