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Bäckerei: Nach drei Generationen ist Schluss

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Am Montag gingen die Lichter im letzten Einzelhandelsgeschäft in Schwerfen nach 104 Jahren aus.  Foto: Joachim Sprothen
Das Ehepaar Eichholz hat seine Bäckerei, in der es weit mehr als nur Brot und Brötchen gab, am Montag geschlossen. Es war der letzte Tante-Emma-Laden in Schwerfen. Zülpichs Kämmerer will bei der Suche nach einem Nachfolger helfen.  Von
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Zülpich-Schwerfen

54 Jahre hat Sonja Eichholz in dem Geschäft gearbeitet, ihr Ehemann Karl-Dieter sogar noch vier Jahre länger. Jetzt ist damit Schluss. Dass da in den beiden Emotionen hochkommen, ist nur zu verständlich. Aber am Montag, dem letzten Verkaufstag in der Bäckerei Eichholz an der Schwerfener Hauptstraße wollte das Ehepaar bei seinen Kunden keine Tränen sehen. „Wer weint, fliegt raus, hab ich denen gesagt“, erzählt Sonja Eichholz mit einem verschmitzten Lächeln.

Der Sekt, der noch in den Regalen lagerte, wurde am Montag restlos an rund 40 Kunden ausgeschenkt, die dem Geschäft zum Teil seit Jahrzehnten die Treue hielten. Überschäumender Frohsinn kam aber nicht auf. „Vor allem für die älteren Leute ist das schon traurig“, bedauert Sonja Eichholz. Denn nun gibt es selbst im mit mehr als 1500 Einwohnern größten Außenort Zülpichs kein Geschäft mehr. Ein Frisörladen ist noch da. Und auch die Schließung der letzten verbliebenen Kneipe, über die bereits gemunkelt wurde, scheint vom Tisch zu sein, seit die Pächter das „Dörpstüffje“ gekauft haben. Das war es dann aber auch. „Die Bäckerei Eichholz war eine Institution, die Schließung ist für die Einwohner ein herber Schlag“, sagt der städtische Wirtschaftsförderer und Kämmerer Ottmar Voigt, selbst in Schwerfen ansässig.

 Karl-Dieter Eichholz vor seinen  leeren Brotregalen
Karl-Dieter Eichholz vor seinen leeren Brotregalen
Foto: Joachim Sprothen

1909 gründete Karl Eichholz das damalige „Kolonialwarengeschäft“. 1933 übernahm Sohn Nikolaus die Leitung, seit 1977 hat Karls Enkel Karl-Dieter das Sagen in dem Haus, in dem er im September 1940 geboren wurde.

In der Bäckerei Eichholz gab es alles, was man zum täglichen Leben braucht: frisches Obst und Gemüse, Fleisch- und Wurstwaren, Getränke, Waschpulver, Zahnpasta, Zeitungen und vieles mehr. Vollsortiment nennt man das heutzutage. Für die Herstellung von Brötchen, Broten, Teilchen und Kuchen stand der nunmehr 72-jährige gelernte Bäcker Karl-Dieter Eichholz seit seinem 14. Lebensjahr fast täglich von 2.30 Uhr an in der zum Laden gehörenden Backstube.

Jetzt müssen sich die Schwerfener ins Auto setzen, um diese Waren einzukaufen. Der Trend, dass Tante-Emma-Läden dichtmachen, hat damit fast alle 22 Außenorte der Römerstadt erreicht. Kleine Geschäfte gibt es nur noch in drei Dörfern. „Mit Aldi können wir preislich nicht mithalten“, konstatiert Karl-Dieter Eichholz. Seine Ehefrau, die mit 18 als Verkäuferin in dem Geschäft anfing, das dadurch auch noch ehestiftend war, ergänzte: „Die Berufstätigen Schwerfens sind überwiegend Pendler und bringen sich die Waren von den Supermärkten in ihren Arbeitsorten mit.“ Nur, was dabei vergessen wurde, ging bei Eichholz über die Ladentheke.

Das Ehepaar gibt das Geschäft allerdings nicht auf, weil es rote Zahlen schrieb, sondern ausschließlich aus Altersgründen: „Wir wollten nicht hinter der Ladentheke tot umfallen.“ Das Geschäft sei vor allem durch die Herstellung und den Verkauf der Backwaren rentabel zu führen gewesen. Lebensmittel und das andere Sortiment hätten zwar den Großteil des Umsatzes ausgemacht, die Gewinnspanne sei hier allerdings erheblich niedriger als bei den Bäckereiprodukten. Der Betreiber einer Bäckereikette habe auch schon bei ihm angeklopft wegen einer möglichen Geschäftsübernahme, berichtet Karl-Dieter Eichholz. „Das andere Sortiment wollte der aber nicht anbieten.“ Vor einer Verpachtung an diesen Interessenten hätte er die Backstube von Grund auf sanieren und auf den neuesten technischen Stand bringen müssen, so Eichholz. Dieses Investitionsrisiko wolle er sich auf seine alten Tage aber nicht mehr aufbürden.

Die beiden Söhne haben sich beruflich anderweitig orientiert. Die Maloche, die sie von ihren Eltern kannten, hat offenbar abschreckend gewirkt. Die Bäckerei Eichholz war selbst an Sonntagen für einige Stunden geöffnet, damit die Schwerfener an ihre Zeitung kamen. Die Aussicht auf eine Sieben-Tage-Woche ist wohl nicht allzu prickelnd. Sonja Eichholz: „Montags bis freitags war der Arbeitstag 15 Stunden lang.“ Eine Putzfrau habe sie nie gehabt, an den Sonntagen kümmerte sie sich um die Wäsche der Familienmitglieder.

Sonja Eichholz kann es künftig ruhiger angehen lassen. Nach 54 Jahren im Geschäft wird sie nun ihren Ruhestand genießen.
Sonja Eichholz kann es künftig ruhiger angehen lassen. Nach 54 Jahren im Geschäft wird sie nun ihren Ruhestand genießen.
Foto: Joachim Sprothen

Kämmerer Ottmar Voigt (☎ 0 22 52/5 22 48) hat unterdessen seine Unterstützung bei der Vermittlung eines Geschäftsnachfolgers angeboten. Er warf einen Blick über die Stadtgrenze hinaus. In Firmenich-Obergartzem habe im September 2011 ein Landmarkt mit Erfolg aufgemacht, nachdem der Mechernicher Doppelort zwei Jahre lang keine Einkaufsmöglichkeit hatte: „Ich hoffe, dass die Leute zunehmend wieder die Vorteile des Charmes der Tante-Emma-Läden im Vergleich zu anonymen Supermärkten erkennen.“

Für Schwerfen gibt es da bereits einen Hoffnungsschimmer. Bei ihm sei ein Interessent vorstellig geworden, der die halbe Ladenfläche anpachten wolle, so Karl-Dieter Eichholz. Frisches Obst und Gemüse werde der aber nicht im Sortiment behalten, und es komme lediglich ein Ofen für das Backen der Brötchen ins Geschäft. „Möglicherweise“, in trockenen Tüchern sei das noch nicht.

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