Interview: „Die Frauen können die Opfer sein“

Thomas Rüttig lebte rund zehn Jahre in Afghanistan und Pakistan.
SWP
Herr Ruttig, wird der neue Präsident eine Marionette des alten sein oder hat er die Chance, einen eigenen Weg zu gehen?
Thomas Ruttig: Das muss man mit sowohl als auch beantworten. Zum einen wird der neue Präsident sehr stark von den Netzwerken abhängig sein, die sein Vorgänger Hamid Karsai geknüpft hat. Bei den Wahlen wird ja viel manipuliert. Das läuft über diese Netzwerke. Denen muss sich der neue Präsident dann erkenntlich zeigen. Egal, wer er dann sein wird. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass in einem Land mit so steilen Hierarchien wie Afghanistan der Präsident auch der Präsident ist und sicher auch seine eigene Linie entwickelt. Das wird ein interessantes Duo mit Karsai, der weiterhin eine wichtige Rolle spielt.
Was sind das für Netzwerke?
Ruttig: Die afghanische Regierung stützt sich ja nicht auf eine Parteiengrundlage, sondern auf viele lokale Interessengruppen, die zum Teil politisch sind, zum Teil ethnisch. Und Karsai hatte eine ganz bunte Allianz zusammengestellt, die auch politische Gegner umfasst, die gemeinsam wirtschaftlich von diesem Zusammenschluss profitieren. Das ist eine Verteilungsmaschine, ein Patronagesystem. Viel Geld, das für den Wiederaufbau Afghanistans bestimmt war, ist in diese Kanäle geflossen. Das aufzulösen, geht nicht einfach so, obwohl es nötig wäre. Unsere Regierungen müssten darauf dringen.
Wie pessimistisch sind Sie da?
Ruttig: Ich bin pessimistisch, weil man ja schon Karsai nicht beigekommen ist. Diese Strukturen sind sehr stark. Das liegt auch mit daran, dass viele militärische Führer, die so genannten Warlords, eine Rolle spielen. Die Amerikaner haben sie als ihre Alliierten im Kampf gegen die Taliban eingesetzt. Als Gegenleistung durften sie Geld zur Seite schaffen.
Nun sind die Taliban trotzdem nicht geschlagen.
Ruttig: Die Sicherheitslage hat sich in den letzten Jahren immer weiter verschärft. Die Taliban zu schlagen, hat leider nicht geklappt und die Taliban haben zurückgeschlagen.
Wird die Lage also beschönigt, damit man im Herbst guten Gewissens seine Truppen abziehen kann?
Ruttig: Sie sagen es. Man muss das aus Sicht der Bevölkerung sehen. Ihr Unmut richtet sich zusehends auch gegen die westlichen Truppen und Zivilisten, weil die es in den letzten zwölf Jahren nicht geschafft haben, den Krieg zu beenden. Zudem hat Afghanistan zwar hohe Wachstumsraten, aber das verteilt sich sehr ungleich. Wer zu dem Patronagesystem gehört, hat immens profitiert oder seine Verwandten. Ein Großteil der Menschen aber lebt immer noch in Armut. Selbst nach afghanischen Angaben sind das 34 Prozent.
Was kann ein neuer Präsident tun?
Ruttig: Eine Möglichkeit wäre es, eine politische Lösung auf den Weg zu bringen. Die Taliban haben bisher abgelehnt, mit Karsai zu reden. Es ist nicht klar, ob sie diese Blockadeposition mit dem neuen Präsidenten aufrecht erhalten werden. Andererseits reicht es aber nicht, die Taliban mit an den Tisch zu holen, wenn sich nicht gleichzeitig die Strukturen ändern, wie in Afghanistan regiert wird: Nämlich zuerst in die eigene Tasche.
Sollte der neue Präsident wirklich verhandeln nach all dem Terror?
Ruttig: Er sollte. Man verhandelt ja nicht mit Freunden, sondern mit Leuten, die ein Problem darstellen. Es gibt ja auch bei den Taliban Leute, die politisch denken. Eigentlich wollen die ja auch nicht, dass Afghanistan zerstört wird, obwohl sie es tun. Man muss Angebote machen und das wird schmerzhaft. Und man muss die Taliban davon überzeugen, dass sie den Krieg nicht gewinnen.
Die würden ja auch Forderungen stellen, die nicht nur besagen, dass sie mit aus den Töpfen essen dürfen.
Ruttig: Die Taliban werden politische Vorgaben machen, obwohl das schwer einzuschätzen ist, weil die nicht über ein gedrucktes Programm verfügen. Feststeht: Sie wollen eine islamische Ordnung nach einer Lesart, die von den meisten Afghanen nicht geteilt wird. Deshalb darf man auch nicht glauben, dass sich das mit einem neuen Präsidenten schnell regelt.
Was für Angebote sollen das sein?
Ruttig: Die Afghanen müssen selber entscheiden, welche Angebote und Zugeständnisse sie machen wollen. Das können wir aus Deutschland nicht tun. Die Frauen werden sich natürlich erheblich wehren, dass sie am Verhandlungstisch verkauft werden.
Wenn sie da noch sitzen dürfen.
Ruttig: Sie müssen mit dort sitzen und die Taliban müssen begreifen, dass man bestimmte Standards einhalten muss, wenn man ein Teil der internationalen Gemeinschaft sein möchte - und das wollen die durchaus.
Es geht um Schulbesuch, Bildungszugang, Freiheiten für Frauen.
Ruttig: Da muss die internationale Gemeinschaft den Frauen helfen, diese Rechte zu verteidigen. Die Realität sieht ja immer noch anders aus. Es gibt auch wieder Rückschritte. Es sind nicht nur die Taliban, die gegen Frauenrechte sind. Auch sehr viele der konservativen Verbündeten Karsais denken so. Das ist die eigentliche Gefahr, dass sich mehrere fundamentalistische Fraktionen zusammenfinden.
Man wird die Frauen also opfern?
Ruttig: Ich weiß nicht. Die afghanischen Frauen sind nicht schlecht im Mobilisieren. Es gibt auch schon viele Familien, die mit Stolz auf Töchter und Schwestern blicken, wenn sie mit einem Diplom aus den USA oder Deutschland zurückkommen und dann einen Job in der Regierung bekommen.
Das Gespräch führte Astrid Wirtz