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Ehrenamt in Köln: Viele Kölner helfen den Flüchtlingen

Köln -

Die Würde der Menschen, die in der Weidener Turnhalle untergekommen sind, scheint antastbar. Feldbett an Feldbett leben dort 200 Flüchtlinge, die ihre Heimat zurückgelassen haben, weil ihr Leben bedroht war. Notgedrungen gucken sie sich beim Umziehen zu, hören, wie Fremde im Schlaf wimmern. Die Menschen leben hier in überfüllten Turnhallen oder einem ehemaligen Baumarkt, weil die Stadt nicht weiß, wohin mit ihnen. 2000 Flüchtlinge sind dieses Jahr gekommen. 5000 leben in der Stadt, täglich werden es mehr.

Die oberste Maxime des Grundgesetzes wird angesichts des Flüchtlingsansturms und einer Stadt, die spät reagiert hat, auf eine harte Probe gestellt. Zwar hat Sozialdezernentin Henriette Reker unlängst elf Standorte für zusätzliche Unterkünfte vorgestellt, doch bis zum Einzug der ersten Bewohner werden viele Monate vergehen. Tausende Bürger wollen nicht so lange warten und helfen schon jetzt. Sie geben den Menschen dadurch ihre Würde zurück und beweisen, wie stark eine Bürgergesellschaft sein kann.

Im Flüchtlingszentrum „Flieh-Kraft“ in Nippes steht Christoph Döhnert vor zehn Syrern und erklärt Körperteile. Die Männer haben die Zeichnung eines menschlichen Körpers vor sich, Döhnert beginnt mit dem Kopf und arbeitet sich nach unten: „Hand. Der, die oder das?“ „Der“, sagt Omar, „oder das?“ „Die“, sagt Döhnert. „Arm. Der, die oder das?“

Die Menschen sind wissbegierig, einer hat in Syrien als Zahnarzt gearbeitet. „Aber es gibt natürlich auch die, die noch nie in ihrem Leben eine Schule von innen gesehen haben“, sagt Margret Linder. Fast täglich spricht die Leiterin des Flüchtlingszentrums mit Menschen, die sich engagieren wollen: „Allein im vergangenen Monat haben uns 30 Frauen und Männer ihre Hilfe angeboten, so viele wie sonst im ganzen Jahr.“ Das Angebot an Sprachkursen sei „verdoppelt bis verdreifacht worden, aber es reicht längst nicht. Wir haben nicht genug Räume, sonst könnten wir jede Woche einen neuen Deutschkurs anbieten.“ Für Christoph Döhnert ist es selbstverständlich, zu helfen. Er hat während eines Freiwilligen Sozialen Jahrs Flüchtlingen in Paris Französisch beigebracht, „als ich zurückkam, wollte ich weitermachen“, sagt er.

Persönliches Engagement ist nachhaltiger und befriedigender als Spenden. So sieht es Lena Kretschmann. Sie hilft Twina aus Sri Lanka und ihrem Sohn Stefan bei Behördengängen, Arztbesuchen und beim Finden einer Wohnung. „Ich hatte im »Stadt-Anzeiger« von einem Mentorenprogramm des Kölner Flüchtlingsrats und der Freiwilligenagentur gelesen und mich sofort gemeldet“, sagt die 28-Jährige. Sie möchte eigentlich nicht über ihr Ehrenamt reden, tut es aber doch, „um andere zu motivieren“. Der fünfjährige Stefan nennt Kretschmann bereits „Aunty“ – Tante. Dabei kennen sie sich erst ein halbes Jahr. Twina und Stefan, die zur Volksgruppe der Tamilen gehören, die in ihrer Heimat politisch verfolgt werden, haben in Kretschmann eine Freundin gefunden. Als Twina Geburtstag hatte, hat die Kölnerin einen Kuchen gebacken. Die 31-jährige Twina, die in Sri Lanka als Lehrerin arbeitete, war gerührt: „Meinen Geburtstag hatte ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gefeiert.“

Frau lädt Flüchtlinge zum Essen ein

Es gibt viele kleine Geschichten der Mitmenschlichkeit. Als der „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor einigen Wochen acht Flüchtlinge vorstellte, meldeten sich am nächsten Tag über 20 Menschen in der Redaktion, die helfen wollten. Ein Leser organisierte einem jungen Mann aus Somalia ein Monatsticket, da der 18-Jährige nicht genug Geld hatte, um zur Schule nach Düsseldorf zu kommen. Eine Frau kündigte an, eine Familie aus einem benachbarten Flüchtlingsheim regelmäßig zum Essen einzuladen. Sie sagt: „Wir müssen uns kennenlernen. Sonst wird Köln für die Flüchtlinge nicht zur Heimat. Die Menschen werden dann nicht bereit sein, sich zu integrieren. Sie werden Angst haben, weil sie sich fremd fühlen.“

Sorgen haben auch viele Kölner. Die Flüchtlinge sollen ja kommen, aber lieber nicht in die Nachbarschaft. So denken einige. Weil es auch Beispiele von verdreckten Hauseingängen und Diebstählen in der Nachbarschaft von Übergangsheimen gibt. Bei einem Info-Abend zu einem Flüchtlingsheim in Blumenberg gab es Tumulte, ein rechtsextremer Funktionär versuchte, das Thema zum Stimmenfang zu nutzen. Auch in der Redaktion gehen Leserbriefe ein, die vor vermeintlichen „Scheinasylanten“ warnen und sich wünschen, „die Grenzen dichtzumachen“.

Die Hilfsbereitschaft überwiegt bei weitem. In vielen Vierteln haben sich Aktionsbündnisse für eine Willkommenskultur gebildet – hier überholt die Bürgerschaft die Bürokratie mit Leichtigkeit.

Die sechsjährige Johanna Maaßen und ihre Freundin Valerie Declerq haben Plätzchen gebacken und Papierraupen gebastelt, die sie gegen Spenden am 1. Advent in der Kirche Heilig Kreuz verteilt haben. Das Geld bringen die Mädchen ins Frauenhaus an der Pallenbergstraße. „Wie können wir den Menschen, die zu uns kommen, helfen?“, hatte Johanna ihre Mutter gefragt. Ihr Projekt hat sie „Augen auf für die Welt“ genannt.

Banker renovieren Baracken

Die Nachbarn des Hotels Mado in der Südstadt, in dem Flüchtlinge untergebracht sind, organisieren über soziale Netzwerke Anziehsachen und Hausrat. In Godorf renovieren Banker Baracken für Flüchtlinge. In Weiden organisiert das Georg-Büchner-Gymnasium ein Willkommenskonzert für die Menschen, die nebenan in der Turnhalle leben. Das Rote Kreuz wird geflutet mit Kleider- und Spielzeugspenden. Beim Kölner Flüchtlingsrat bieten täglich Dutzende Bürger ihre Hilfe an – obwohl sie die Schicksale der Flüchtlinge nicht kennen.

Noah schläft. Der Kopf des vier Monate alten Jungen liegt schwer auf Rita Sasses Schulter, ab und zu zuckt die kleine Nase im Traum. Mutter Ibola schlüpft in ihre Jacke. Jetzt, da Noah eingeschlafen ist, kann sie ihren älteren Sohn Gabriel vom Kindergarten abholen. Rita Sasse streichelt liebevoll Noahs Rücken. Sie wird auf den Kleinen aufpassen, solange seine Mutter weg ist. „Für Noah und Gabriel bin ich die Oma“, sagt die 67-Jährige.

Rita Sasse ist nicht verwandt mit Ibola. Kennengelernt haben sie sich in der Beratungsstelle des Flüchtlingsrats. Das war vor vier Jahren, Ibola war gerade aus Ghana gekommen, hochschwanger mit Gabriel. Sie ist eine der Frauen, die Rita Sasse als Flüchtlingshelferin begleitet. Diese Frauen, die oft in der Heimat sexuell misshandelt wurden, illegal eingereist sind und manchmal schon länger ohne Papiere in Deutschland leben, dürfen vorläufig nicht abgeschoben werden und bekommen Unterstützung vom Sozial- und Gesundheitsamt.

Seit sieben Jahren begleitet Rita Sasse die werdenden Mütter. Sie kommt mit zum Ausländeramt, zum Jugendamt und zum Jobcenter. Sie hilft, sich in den monströsen Bürokratiebegrifflichkeiten zurechtzufinden und dabei einen Wohnberechtigungsschein zu beantragen. Sie besucht Mutter und Kind nach der Entbindung im Krankenhaus, bringt Blumen mit und macht Erinnerungsfotos. „Ich habe selbst zwei Kinder, ich weiß, was man braucht, wenn man ein Baby bekommen hat“, sagt sie. Nähe, das Gefühl, nicht allein zu sein in diesem fremden Land, weit weg von Familie und Freunden.

Wie Köln zur Heimat wird

Die Frauen brauchen jemanden wie Rita Sasse. Alles an ihr strahlt Vertrauen aus. Doch es gibt auch Momente, die sie fassungslos machen. So wie vor vier Jahren: Ibola hatte ein paar Wochen zuvor ihren Sohn Gabriel zur Welt gebracht, da wurde der jungen Mutter von der Bezirksregierung eine Unterkunft in Iserlohn zugewiesen, rund 100 Kilometer nordöstlich von Köln. Sasse ist mit nach Iserlohn gefahren und hat Ibola geholfen, dort anzukommen. Mittlerweile verbindet die beiden eine enge Freundschaft. Ibola ist mit ihren Söhnen und ihrem Lebensgefährten zurück in Köln. Die 36-Jährige möchte gern in ihrem Beruf als Schneiderin arbeiten. Und irgendwann zurück nach Ghana. Ist Köln so etwas wie Heimat für sie? „Ja“, sagt Ibola. „Wegen Rita.“

Am Mittwoch lesen Sie in unserer in loser Folge erscheinenden Serie „Willkommen – Flüchtlinge in Köln“ den Beitrag: Abitur in Köln – Wie sich zwei Flüchtlinge aus Afghanistan in Deutschland ihre Existenz aufbauen