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Heute knittert Leinen edel: Wie sich der Job des Dekorateurs verändert hat

Kaffeee

Gerd Weiler ist Dekorateur

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Susanne Hengesbach

Vergangenen Dienstag habe ich in meiner Bilanz zum 15-jährigen Bestehen der Kaffee-Rubrik betont, dass es vor allem Alltagsgeschichten sind, die mich immer wieder faszinieren. Insbesondere dann, wenn Leidenschaft im Spiel ist, wie bei dem Mann, der heute zu Wort kommt. Ich begegne Gerd Weiler auf der Hohe Straße, nur wenige Schritte von dem Kaufhaus entfernt, in dem er als Dekorateur tätig ist, beziehungsweise als Schauwerbegestalter, wie man früher sagte. Heute hieße das ja „visual merchandising“. Er verdreht die Augen. „Aber schreiben Sie das bloß nicht!“ Ich nicke grinsend.

Als sein Kakao mit Sahne angekommen ist, erzählt Weiler, wie sehr sich sein Aufgabengebiet im Laufe der Jahre verändert hat. „Früher habe ich das ganze Dekozeug und die Einbauten noch selber gemacht. In Grunde habe man als Dekorateur alles – zumindest ein bisschen – können müssen: „Streichen, Teppiche verlegen, Metalldinge abflexen, Möbel bauen. Und es gab noch Siebdruck!“ Er lacht.

„Dann kam: Leinen knittert edel“

„Außerdem wurde viel strenger, viel gradliniger dekoriert.“ Circa eine Stunde habe er damals gebraucht, berichtet der 59-Jährige, um einen Herren-Halbtorso so mit Pappe und Seidenpapier auszustaffieren, dass nicht mal mehr ein winziges Fältchen zu sehen war. Und dann war plötzlich alles egal.“ – „Stimmt!“, sage ich. „Dann kam – Leinen knittert edel...“ Jedenfalls sei es schade, dass der Job einen handwerklich nicht mehr so fordere. Ich nicke. „Aber man kann sich ja privat einen Ausgleich schaffen“, stelle ich fest und sehe, wie Weilers Augen zu leuchten beginnen.

Dann erzählt mir der Mann, der aus Langerwehe im Kreis Düren stammt und täglich pendelt, von seinen Hobbys. Wie er 1980 von seinem Entlassungsgeld bei der Bundeswehr – das waren 2400 Mark – ein Akkordeon gekauft habe, „ein Hohner Favorit“. „Aber konnten Sie schon spielen?“, frage ich. Weiler verneint und erklärt, dass in der Waffenkammer beim Bund ein altes Instrument gestanden habe, welches er sich habe ausleihen dürfen. Damit habe er angefangen. Natürlich ohne Lehrer. Später habe ihm der Organist von der Pfarrkirche seines Heimatortes Stunden gegeben.

Weiler erzählt von seinem nächsten Akkordeon und tut dies so schwärmerisch, wie Oldtimer-Fans es bei ihrem Schnauferl tun würden. Aufgrund seines Repertoires – nehme ich an – könnte er problemlos als Alleinunterhalter in einem Tanzcafé auftreten oder als Musiker in einer Seemannskneipe.

Schließlich erfahre ich, dass er auch jahrelang in einer Amateurtheatergruppe in Düren gespielt hat und es sehr bedauert, dass es die Gruppe nicht mehr gibt. Als er mir zum Schluss unseres Gesprächs seine Visitenkarte überreicht, sehe ich, dass ich, dass er obendrein „Heino-Imitator“ ist. „Wahnsinn!“, sage ich. Am liebsten würde ich jetzt bei ihm im Kaufhaus anrufen, und bitten, dass man seine Mittagspause verlängert. Geht natürlich nicht. Aber vielleicht begegnet man sich ja noch ein zweites Mal.