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Problemfall Kalkberg: Stadt Köln verklagt Gutachter und Planer

Die Stabilisierung des Kalkbergs kostet Millionen.

Die Stabilisierung des Kalkbergs kostet Millionen.

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Banneyer

Buchforst -

Der einst üppig mit Birken, Akazien und Knöterich bewachsene Kalkberg bietet mittlerweile einen vollkommen trostlosen Anblick. Die Stadt hat sämtliches Grün roden lassen, um die ehemalige Giftmüllhalde zu stabilisieren, nachdem deren Böschungen beim Bau einer Station für Rettungshubschrauber auf der Kuppe abgerutscht waren. Arbeiter montieren zurzeit die ersten Spundwände. Die Sanierung des Kalkbergs soll 17,2 Millionen Euro kosten – ein beachtlicher Betrag, von dem sich die Verwaltung jetzt mit einer Klage zumindest einen Teil zurückholen will.

Die von der Stadt beauftragte Kanzlei Kapellmann aus Mönchengladbach macht bei acht an der Planung und dem Bau der Hubschrauberstation beteiligten Unternehmen insgesamt 5,9 Millionen Euro geltend. Obwohl die Politiker im Stadtrat bislang noch nicht beschlossen haben, ob die Hubschrauberstation überhaupt weitergebaut werden soll, fordert die Verwaltung nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ alleine 700.000 Euro für die Anpassung der Rolltore des Hangars. Diese hatten sich 2015 beim Absacken der Halde verzogen. Eine Reparatur wäre allerdings nur nötig, falls die Station doch noch in Betrieb gehen sollte, was jedoch äußerst ungewiss ist. Stadtdirektor Stephan Keller lässt zurzeit drei alternative Standorte prüfen.

Wer die Beklagten sind

Zu den von der Stadt Beklagten gehören die Firmen Geo Consult (Bodengutachter), OX2 und Borgmann (Architekten und Bauleitung), Spießbach-Gerhards-Berg (Tragwerksplanung), Pirlet und Partner (Prüfstatik), Lill und Sparla (Freiflächenplanung), Fink-Stauff (Straßenbau) sowie Düplan (Straßenbauplanung). Wie zu erfahren war, haben sieben der acht Beklagten ihre Policen zufällig bei derselben Haftpflichtversicherung abgeschlossen, weshalb sich diese umso deutlicher gegen die Vorwürfe zur Wehr setzen soll.

Die Verwaltung sieht die Verantwortung für das Abrutschen der Kalkberg-Böschungen und den daraus resultierenden Schaden an der im Bau befindlichen Hubschrauberstation vollständig bei den beklagten Baufirmen und keinesfalls innerhalb der eigenen Reihen. Dabei lag das Projektmanagement bei der städtischen Gebäudewirtschaft, die Berufsfeuerwehr trat als Bauherr auf.

Erdkuppe war zu schwer

Die Stadt zieht sich auf den Standpunkt zurück, dass ihre Mitarbeiter von den Gutachtern und Baufirmen unzureichend beraten worden sein sollen. Die Planungen sollen zudem mangelhaft gewesen sein. Ein Sachverständiger des Instituts Roger Grün stellte 2016 fest, dass für das Abrutschen des Kalkbergs das Aufschütten einer 50.000 Tonnen schweren Erdkuppe als Lärm- und Sichtschutz verantwortlich war. Die 8. Zivilkammer des Landgerichts soll nun klären, wer diese folgenschwere Entscheidung traf. Ohne die tonnenschwere Aufschüttung hätte der Kalkberg die Last der Hubschrauberstation wohl getragen.

Die Erdmassen entstanden beim Aushub für eine Zufahrtstraße, bei der die Halde angeschnitten wurde. Die Baufirmen werfen der Stadt dem Vernehmen nach vor, auch hier eine Mitverantwortung zu tragen, da die Verwaltung falsche Messdaten geliefert haben soll. Hätten sich die Firmen nach den Daten der Stadt gerichtet, hätte die Straße neben dem Berg in der Luft gelegen, berichtete ein Insider dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Ein weiterer Vorwurf richtet sich gegen die Gutachter der beklagten Firma Geo Consult, die 2013 auf Wunsch der Stadt Bodenproben in einer Tiefe von lediglich sechs bis acht Metern entnommen hatten. Eine Untersuchung tieferer Ebenen hätte jedoch zeigen können, dass die Halde teils aus weichen, nachgiebigen Schichten besteht.

„Pastöse Rückstände“ in der Halde

Die Stadt argumentiert, dass man sich auf die Expertise von Geo Consult verlassen habe. Das Unternehmen machte allerdings deutlich auf die notwendige Untersuchung tieferer Schichten aufmerksam. „Wir weisen darauf hin, dass die nach den geltenden technischen Richtlinien geforderten Erkundungstiefen mit dem angewandten Aufschlussverfahren nicht erreicht werden konnten“, heißt es im Gutachten von 2013.

Darüber hinaus hätten die Mitarbeiter der Stadt wohl auch ohne die Unterstützung von Geo Consult zu dieser Einschätzung kommen können. Der Tüv Rheinland hatte bereits 1995 im Auftrag des damaligen Kalkberg-Eigentümers GSE ein Bodengutachten angefertigt. Darin heißt es, dass in der Giftmüllhalde „feste und pastöse Produktionsrückstände“ vorhanden seien. Dieses Schriftstück liegt der Verwaltung vor – das Dokument wurde jedoch nicht an Geo Consult weitergereicht und fand deshalb auch keine Verwendung als Grundlage für deren Gutachten im Jahr 2013, so der Insider.

Das Landgericht prüft zurzeit die schriftlichen Erwiderungen zur Klage der Stadt. Erst im Anschluss kann es zu einer Verhandlung kommen. Eine außergerichtliche Einigung ist gescheitert.