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Lehrkräfte kündigen Kölner Lehrerinnen: „Wir können das System nicht mehr mittragen“

Auf einem Pult liegt eine braune Lehrertasche. Im Hintergrund ist eine leere Tafel zu sehen.

Viele Lehrerinnen und Lehrer möchten unter den derzeitigen Bedingungen nicht mehr an der Schule arbeiten. 

Der Mangel an Lehrkräften ist zunehmend spürbar. Zwei Lehrerinnen erklären ihre Gründe, weshalb sie gekündigt haben.

Lehrermangel ist schon jetzt das drängendste Problem des Bildungssystems, das sich in den kommenden Jahren massiv verstärken wird. Doch während Schulministerin Dorothee Feller jetzt den Seiteneinstieg in den Beruf erleichtern will, um die Lücken zu füllen, kehren immer mehr gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer der Schule den Rücken.

Sie kündigen, weil sie die mangelhaften Bedingungen in dem System Schule nicht mehr mittragen können. Coaches bieten Spezialseminare für ausstiegswillige Lehrerinnen und Lehrer und unter #schulexit vernetzen sich bundesweit Pädagogen, die sich in völlig überlasteten Schulen nur noch auf Notengebung und Mängelverwaltung reduziert sehen. Zwei Kölner Lehrerinnen erzählen, warum sie schweren Herzens in diesem Jahr diesen Schritt gegangen sind.

Christine Lassmann, 44 Jahre

Eine blonde Frau mit blauer Bluse und schwarzer Brille.

Christine Lassmann (44) war viele Jahre Lehrerin für Deutsch, Englisch und Erdkunde an einem Gymnasium in der Innenstadt. 

Ich war zwölf Jahre Lehrerin für Deutsch, Englisch und Erdkunde an einem Kölner Gymnasium. In diesem Jahr habe ich gekündigt. Es war ein langer, schwieriger Prozess. Am Ende musste ich sagen, dass ich den Beruf nicht mehr so ausüben kann, wie es meinem pädagogischen Anspruch entspricht. Eigentlich haben wir als Lehrerinnen und Lehrer die gesetzliche Pflicht, jedes Kind individuell zu fördern. Aber der können wir immer weniger nachkommen. Die Arbeit wurde immer schwieriger: Ich hatte sehr leistungsheterogene Klassen mit 30 Schülerinnen und Schülern.

Einige von den Kindern haben mit familiären Belastungen zu kämpfen. Gerade die 5er haben nach Corona unglaubliche Lücken. Aber es geht nie darum, was ein einzelnes Kind vielleicht braucht, um besser lernen zu können. Es geht nicht darum, herauszufinden, was vielleicht gerade Zuhause los ist, das das Lernen schwer macht. Gerade vor diesem Hintergrund konnte ich das System, das einfach immer nur Druck macht, nicht mehr mittragen. Ich konnte nicht mehr vertreten, dass ich nicht individualisierter arbeiten kann.

Der Stoff muss durchgepeitscht werden

Denn dafür ist keine Zeit. Es geht immer nur um Noten und die Vergleichbarkeit von Leistung. Der Lehrplan ist zu voll. Statt Inhalte abzuspecken, um mehr Zeit zum Vertiefen und Fördern zu haben, wird es immer mehr. Der Stoff muss durchgepeitscht werden – weil ja die nächste Klassenarbeit ansteht. Und wenn es jemand nicht schafft, dann wird er eben „abgeschult“ auf die Realschule. Dann sagt die Konferenz „nicht gymnasialgeeignet“.

Wenn man sich als Lehrerin zu sehr um die Schwächeren kümmert, um Lücken zu schließen, dann machen oft die Eltern der leistungsstärkeren Kinder Druck. Und dann sollen wir auch noch inklusiv arbeiten, ohne dass es dazu Fortbildungen oder Unterstützungssystem gibt. Da sitzt dann z.B. ein Kind mit Autismus-Diagnose im Unterricht und niemand weiß, was das genau bedeutet und wie man Kinder mit dieser Entwicklungsstörung im Unterricht unterstützen kann.

An pädagogischen Tagen haben wir im Kollegium erarbeitet, wie wir z.B. die Digitalisierung am besten umsetzen. Aber dann haben wir von den 20 guten Ideen, die wir entwickelt haben, mangels Ressourcen vielleicht eine einzige umgesetzt. Ich habe einfach erkannt, dass sich im System Schule nichts ändern wird. Und das hat mir Angst gemacht.

Viel Geringschätzung von außen

Gleichzeitig hat mich muss ich ehrlich sagen, auch das gesellschaftliche Standing als Lehrerin gestört: Da wird einem so viel Geringschätzung entgegengebracht. Es kommt immer der Spruch mit den vielen Ferien. Dass man in den Ferien – außer in den Sommerferien – eigentlich immer Klausuren korrigiert, interessiert keinen. Auch, dass Lehrerin ein komplexer, fordernder Beruf ist und das nicht einfach heißt, vor eine Gruppe zu treten und zu sagen, „Schlagt mal das Buch auf Seite 4 auf“, wird nicht gesehen.

Wenn ich mich frage, was ich gebraucht hätte, um zu bleiben wären das kleinere Lerngruppen und verlässliche Teamstrukturen. In einem Klassenlehrerteam zu arbeiten, in das auch Sozialarbeiter und Sonderpädagogen einbezogen sind, wäre klasse. Je mehr ich über ein Kind weiß, desto besser ist die Beziehung und desto besser lernt das Kind.

Außerdem müsste endlich das Currikulum entschlackt und eine richtige Feedback-Kultur geschaffen werden. Das Notensystem ist doch total defizitorientiert. Es geht nur darum, welche Fehler das Kind gemacht hat. Der eigene Lernfortschritt wird der Schülerin oder dem Schüler ja gar nicht aufgezeigt.

Ich hätte den Beruf liebend gerne weitergemacht

Am Ende hat man als Lehrerin in diesem System nur drei Optionen: Resignation als Selbstschutz, Burnout mit anschließender Berufsunfähigkeit oder eben der Cut wie bei mir. Ich war verbeamtet und habe meine kompletten Pensionsansprüche verloren.

Ich arbeite jetzt in der Erwachsenenbildung. Aber das Unterrichten und die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern vermisse ich. Es ist ein sehr abwechslungsreicher, toller Beruf, den ich unter anderen Voraussetzungen liebend gerne weiter gemacht hätte. Ich habe selbst drei Kinder. Die Älteste wird nächsten Sommer auf die weiterführende Schule wechseln und ich frage mich, welche Art von Schule ich mir für sie wünsche. Nicht diese Art.

Christine Lassmann (44) war viele Jahre Lehrerin für Deutsch, Englisch und Erdkunde an einem Gymnasium in der Kölner Innenstadt.


Stefanie Ewers, 55 Jahre

Eine Frau mit weißem Schal und Brille sitzt in einem Auto.

Stefanie Ewers (55) ist Lehrerin für Deutsch und Englisch. Viele Jahre arbeitete sie an einem Kölner Berufskolleg und zuletzt an einem Gymnasium im Kölner Westen. 

Ich habe meinen Dienst als Lehrerin beim Land Nordrhein-Westfalen gekündigt, mit fast 56 Jahren. Und das, nachdem ich nach einem sehr guten 2. Staatsexamen und vielen Jahren in der Wirtschaft erst mit 40 Jahren aus Überzeugung und voller Motivation in den Schuldienst zurückgekehrt bin. Daher wurde ich nicht verbeamtet. Dass mir das einmal hilfreich sein würde, hätte ich vor 16 Jahren nicht gedacht.

Ich kann nur jeder und jedem raten, sich künftig nicht mehr aufzuregen über den Beamtenstatus von Lehrerinnen und Lehrern. Gäbe es diesen nicht mehr, so würde die Abwanderungswelle wohl noch wesentlich dramatischer ausfallen. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die nur deshalb nicht gehen, weil sie ihre Beamtenpension nicht aufs Spiel setzen möchten. Es gibt mittlerweile eine ganze Branche an Coaches, die sich darauf spezialisiert hat, ausstiegswilligen Lehrerinnen und Lehrern Optionen aufzuzeigen.

Bei mir ist die Erkenntnis gewachsen, dass ich dem System Schule, so wie es mittlerweile ist, nicht mehr zur Verfügung stehen kann. Dabei macht mir die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern sehr viel Spaß und ich stehe gerne vor Klassen. Guter und verlässlicher Unterricht sollte im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen.

Der Lehrplan wird nie entschlackt

Das ist aber nicht so. Ein Beispiel: In manchen 6. Klassen sitzen bis zu 33 Schülerinnen und Schüler vor mir. Darunter sind etliche Kinder, die kein Deutsch sprechen, Inklusionsbedarf haben oder pandemiebedingte Auffälligkeiten und Defizite zeigen. Wie soll ich da jeder Schülerin und jedem Schüler gerecht werden, was unser aller Anspruch ist? Gleichzeitig gibt es trotz dieser Herausforderungen einen gleichbleibend vollen, nie entschlackten Lehrplan.

Und die Personalsituation ist so eng, dass es niemanden gibt, der oder die vertritt, wenn jemand im Kollegium krank ist. Wenn man genesen zurück ist, gibt es den immensen Druck, den gesamten Stoff in wenigen Stunden noch vermitteln zu müssen, damit die Schülerinnen und Schüler in den Klausuren oder später im Abitur keinen Nachteil haben werden. Dazu kommen je nach Fächerkombination bis zu 600 Korrekturen von Klausuren pro Schuljahr. Gleichzeitig werden die Themen, die Eltern mit uns besprechen wollen, immer facettenreicher: Neben Nachhilfe oder Notenstand geht es zunehmend um Sprach- und Psychotherapie, Traumata, identitäre Probleme oder Essstörungen.

Da müssen wir so viel auffangen, ohne die Zeit oder eine Ausbildung dafür zu haben. Dass wir über die vorhandenen Kommunikationskanäle fast rund um die Uhr – auch an den Wochenenden – kontaktiert werden, ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, wenn auch keine gesunde. Das, was Schule abverlangt, ist, wenn man es gut machen möchte, schlicht nicht zu stemmen.

Teilzeit als Ausweg aus der Überforderung

In meinem Kollegium arbeiten inzwischen die meisten in Teilzeit – einfach, weil sie es sonst nicht schaffen und weil sie auf dem Zahnfleisch gehen. Wenn nun – wie angekündigt – Teilzeitmöglichkeiten beschnitten würden, vertriebe man womöglich noch mehr Kolleginnen und Kollegen aus dem Beruf. Wir können als Gesellschaft doch nicht schulterzuckend zugucken, dass reihenweise Lehrerinnen und Lehrer in die Knie gehen. Nun mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern oder pensionierten Lehrkräften die Lücken füllen zu wollen, wird nicht reichen.

Mir wurde für meine langjährige Tätigkeit Dank und Anerkennung „im Namen der Ministerin“ ausgesprochen. Niemand fragte mich jedoch, warum ich gehe, warum Lehrerinnen wie ich vorzeitig aussteigen und was sie gebraucht hätten, um zu bleiben. Das System fährt auf Lehrkräfte-Verschleiß und ist so nicht zukunftsfähig. Opfer dieser Misere sind meine Schülerinnen und Schüler – sie haben mit meiner Kündigung ausdrücklich am wenigsten zu tun.

Und an alle, die immer noch meinen, Lehrerinnen und Lehrer seien ferienverliebt und faul, hier mein Rat: als Quereinsteiger bewerben, selber machen, besser machen!

Stefanie Ewers (55) ist Lehrerin für Deutsch und Englisch. Viele Jahre arbeitete sie an einem Kölner Berufskolleg und zuletzt an einem Gymnasium im Kölner Westen.


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