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Kiffen gilt bei vielen als harmlose Droge. Was berichten Betroffene?

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Köln

Peter Simon (Name geändert) ist 25 Jahre alt, studiert in Kassel, hat mit 15 Jahren angefangen, Haschisch zu rauchen. 

Ich habe mit 15 Jahren zum ersten Mal gekifft, zusammen mit Schulfreunden. Wollte es halt mal ausprobieren, so wie man in diesem Alter das Zigarettenrauchen ausprobiert, das erste Mal betrunken ist. Gekauft haben wir den Stoff bei einem aus einem Jahrgang unter mir, der in der Schule dealte. Tja, und so langsam habe ich halt Gefallen am Kiffen gefunden.
2008 ging ich für ein Jahr an eine Schule in den USA. Ich hatte den Eindruck, dort ist es für einen Jugendlichen 20 Mal schwieriger, an Alkohol zu kommen als an Drogen wie Cannabis oder verschreibungspflichtige Medikamente. Vor allen in ländlichen Bundesstaaten ist das so. Also an der Schule im US-Staat Montana hat man an jeder Ecke Cannabis bekommen.

Tja, und so habe ich in den USA so richtig das Kiffen angefangen, jeden Tag, und an jedem Tag mehrfach, vor allem nachmittags und abends. Was ich gut daran fand? Man saß da entspannt nach der Schule mit seinen Freunden zusammen, ist zusammen high geworden, hatte 'ne nette Zeit. Das war übrigens für mich auch so Indikator, dass ich das Rauchen nicht als problematisch empfunden habe. Ich habe nie alleine gekifft, immer mit anderen zusammen.

Als ich nach Deutschland zurückkam, habe ich meinen Konsum schlagartig reduziert. Bis eben Probleme mit der Schule einsetzten, wobei ich gar nicht mehr so genau weiß, was Henne und was Ei war: Ich musste die zwölfte Klasse wiederholen, mein Cannabis-Konsum nahm wieder zu. Ich ging nicht in die Schule, kiffte lieber. Zwei, drei, vier Gramm täglich habe ich da geraucht, je nach Tagesform. Und da ich Leute kannte, die in größerem Stil verkauften, habe ich günstigere Kurse bekommen, also nicht die üblichen zehn Euro pro Gramm.

Dadurch konnte ich das relativ entspannt über mein Taschengeld finanzieren. Meine Eltern haben das alles zwar mitbekommen, aber nicht die Ausmaße. Und sie waren eher auch ein bisschen beruhigt, dass ich mir eben nicht jedes Wochenende die Birne mit Alkohol zugekippt habe.
2012/2013 bin ich dann zur Bundeswehr, da hatte ich gar keine Zeit zu rauchen, gelegentlich mal am Wochenende. Das änderte sich dann wieder. Ich setzte mein Erststudium (Wirtschaftsingenieurswesen) in Köln total in den Sand, lebte mit einer Freundin in Euskirchen. Die Beziehung war nicht ganz einfach. Das war so der Jahreswechsel 2014/2015, ich fing das Kiffen wieder an, rauchte auch alleine, ging nicht mehr zur Uni. Dann hat das seinen Lauf genommen.

Und noch mal – wenn man alleine kifft, ist das für mich ein deutlicher Indikator, dass man seinen Konsum überdenken sollte. Es ist halt was anderes, ob man mit ein paar Freunden samstags Bundesliga guckt und dabei einen, zwei Joints raucht oder eben alleine. Das war dann aber auch die Zeit, wo mir klar wurde, dass mein Konsum beängstigende Ausmaße angenommen hatte.

Kiffen als Stressabbau

Tja, warum habe ich denn so viel gekifft? Stress abbauen, die Welt ausschalten, Realitätsflucht irgendwie. Ich begab mich in eine ambulante Behandlung in Bonn, brach mein Studium ab, arbeitete als Bauhelfer, wie ich das übrigens seit meinem 18. Lebensjahr in den Ferien machte. In der Therapie, einmal pro Woche für zwei Stunden, lief es ein paar Monate ganz gut. Dann wurde mir das parallel mit der Baustelle zu viel, jeden Werktag von fünf bis 17 Uhr, samstags auch bis 13 Uhr. Oh Mann. Dann habe ich das Kiffen wieder angefangen.

So einen richtigen Bruch gab es, als ich mich entschloss, in Kassel zu studieren. Meine Eltern wollten mir nur Geld geben, wenn ich „clean” bin. Sie schickten mich zum Drogentest, der war natürlich positiv. Und dann sagten sie: „So, entweder du kümmerst dich jetzt um den Scheiß, oder du siehst kein Geld von uns fürs Studium”. Ich habe mich dann auch noch mal intensiver mit meiner Schwester unterhalten. Einen Tag danach sind wir zur LVR-Klinik in Bonn (Landschaftsverband Rheinland). Zwei Wochen Entgiftung. Das war zwar wahnsinnig langweilig, aber es hat halt auch schon mal etwas mehr „Klick” gemacht als vorher. Ich muss was ändern, sagte ich mir.

Danach kam ich in die Klinik im Wingert. Das dauerte, bis ich einen Platz in der Tagesklinik bekam. Das hieß von acht bis 17 Uhr Einzelgespräche, Gruppengespräche, Ergotherapie. Drei Monate, es folgte eine Nachsorge.

Ich würde nicht sagen, dass ich „geheilt” bin. Ich bin auch hier in Kassel in psychologischer Behandlung, gehe in eine Selbsthilfegruppe. So ein Rahmen ist wichtig, eine Erinnerung daran, warum ich da sitze. Warum soll ich nicht einfach mal einen rauchen, kann doch nicht so schlimm sein? Doch, es kann schlimm werden! Ich habe hier in Kassel mal eine Situation erlebt, dass ich eine Gruppe, wo die Leute anfingen zu kiffen, verlassen habe. Das wurde dann zu viel für mich, ich musste gehen.

Ich habe übrigens immer noch Freunde aus der Kifferzeit, mein bester Freund zum Beispiel raucht heute noch, aber sehr selten. Der hatte mir übrigens als Erster das mit der Suchtproblematik vor Augen geführt hatte. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Die Diskussion um Entkriminalisierung? Ich bin zwiegespalten. Auf der einen Seite ist Cannabis eine weiche Droge. Der Gesetzgeber könnte den Schritt gehen, hohe Steuereinnahmen generieren und der Organisierten Kriminalität das Leben schwerer machen. Andererseits sollte man nicht noch ein Suchtmittel so leicht zugänglich machen.

  1. „Ich würde nicht sagen, dass ich geheilt bin”
  2. Der Genuss-Kiffer
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