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„Hart aber fair“ : Von Kindern, die Deutsch verlernen und einer hilflosen Ministerin

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Die Runde bei „Hart aber fair“

Foto:

WDR/Dirk Borm

Köln -

In Erinnerung bleibt von der Runde bei Frank Plasberg vor allem der Auftritt von Hanan aus Essen. Vor fünf Jahren kam die 19-Jährige mit ihrer Familie von Syrien nach Deutschland. Ihre Mutter spricht kein Deutsch, der Vater arbeitet rund um die Uhr. Hanan macht eine Ausbildung, lernt für Prüfungen und betreut gleichzeitig ihre fünf Geschwister im Home-Schooling. Das, was diese junge Frau täglich leistet, beeindruckte den Moderator und die Gäste.

„Lässt der Staat die Schulen im Stich?“ fragte Frank Plasberg. Im Mittelpunkt der Sendungen standen die Kinder und Jugendlichen. Eindringlich wurde darüber gesprochen, welche psychischen und körperlichen Schäden die Pandemiezeit bei ihnen hinterlässt. Wissenschafts- und Bildungsministerin Anja Karliczek blieb in der Runde blass und argumentierte nach dem Credo: Die Regierung macht ihren Job gut, wir müssen nur hier und da nachbessern. Reihum sahen das die Gäste ganz anders.

„Das deutsche Bildungssystem ist nicht gut darin, Defizite auszugleichen“

Der Soziologe, Autor und Professor für Migrationsforschung Aladin El-Mafaalani rückte in der Diskussion immer wieder die in den Mittelpunkt, die es im Bildungssystem ohnehin schwer haben: Familien mit niedrigem Einkommen oder Migrationshintergrund. „Manche Kinder aus Migrantenfamilien sprechen überhaupt nur in der Schule Deutsch. Es wird berichtet, dass sie die Sprache konnten und jetzt wieder verlernt haben. Und das deutsche Bildungssystem ist nicht gut darin, Defizite wieder auszugleichen“, so der Wissenschaftler.

Susanne Epplée, Kinderärztin in Hamburg, erzählte von Fällen aus ihrer Praxis, die nur schwer anzuhören sind. Epplee arbeitet mit Kindern, die Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen haben. „Diese Zeit hinterlässt gewaltige Spuren. Die Kinder leiden unter Stress und Konzentrationsstörungen. Kinder mit Fehlstellungen wurden über Monate nicht therapiert. Es gibt Fälle, in denen Kinder laufen konnten, jetzt wieder im Rollstuhl sitzen und auf eine Operation warten“, so die Ärztin. Im vergangenen Jahr standen auf ihrer Warteliste für eine Behandlung 50 Kinder jetzt sind es 400.

„Bewundere die Haltung, mit der Kinder an die Situation herangehen“

Die Moderatorin Mareile Höppner ist Mutter eines 10-jährigen Sohnes. „Ich bewundere die Haltung, mit der die Kinder an die Situation herangehen“, sagt sie. Aber: Eltern seien keine Pädagogen. Sie könnten die Lücke, die der Schulausfall hinterlasse, nicht schließen.

Thorsten Frühmark ist Rechtsanwalt, Oberbürgermeister von Möllenbeck und Vater von drei schulpflichtigen Kindern. Ihn ärgert die Bürokratie in Deutschland, die alles verlangsame. Frühmark fordert, dass die Politik den Fokus endlich auf die Kinder richtet, statt auf Unternehmen. „Die Maßstäbe, die im Berufsleben gelten, dürfen wir auch in der Schule erwarten. Dieses Land muss fähig sein, die Schulen so sicher zu gestalten, dass Eltern ihre Kinder ohne Sorge hinschicken können“, so der Jurist.

Karliczek schiebt Verantwortung weg von der Politik, hin zu Schulen und Eltern

Immer wieder wendeten sich die Gäste mit konkreten Fragen und Forderungen an Anja Karliczek. Die blieb aber entwender einfach stumm oder antwortete mit Plattitüden. Und oft schob sie die Verantwortung Eltern und Schulen zu. „Die beste Lösung ist immer die, die vor Ort entwickelt wird. Von der Kommune und denen, die in der Schule die Verantwortung tragen“, sagte sie beispielsweise. Dabei hatte sie an anderer Stelle noch betont, dass die Fürsorgepflicht für die Schulen dem Staat obliege.

Auch der Soziologe El-Mafaalani kritisierte Karliczek für diese Aussage: „Es kann uns nicht genügen, dass Eltern sich einschalten. Weil es dann darauf ankommt, wo die Eltern helfen können und wo nicht. So verstärken wir den Herkunftseffekt“, sagte er.

Höppner wandte sich direkt an Karliczek und wollte wissen, wie Kinder, denen es an technischem Wissen und Ausstattung fehle,  der Anschluss in der Schule wieder gelingen solle. Die Bildungsministerin schwieg dazu erstmal und erinnerte an eine Vereinbarung aus dem letzten Sommer, die Schüler über die Schulen mit Endgeräten auszustatten. Sie denke das sei auch vielfach passiert, sagte Karliczek.

Hanan träumt davon, Medizin zu studieren

„Wir investieren jetzt in Strukturen, die da sind. Wir wollen nichts Neues auf die Beine stellen, sondern das nutzen, was wir haben. Und dann entwickeln wir das Schritt für Schritt weiter. Es ist jetzt ein Bewusstsein da, dass massiv investiert werden muss“, sagte die Bildungsministerin noch. Investitionen in eine Struktur, die Deutschland schon vor der Pandemie zu einem Land gemacht haben, in dem das Elternhaus entscheidet, welchen Bildungsabschluss ein Kind erreichen kann.

Hanan erzählte, die Noten mancher ihrer Geschwister hätten sich wegen des Schulausfalls verschlechtert. Vorher sei es bei allen gut gelaufen. Was ihr Traum für die Zukunft sei, fragt Frank Plasberg die 19-Jährige. „Ich möchte Medizin studieren, das wollte ich schon als Kind“, sagt sie. Wenn die Situation aber so bleibe wie gerade, werde sie das wohl nicht schaffen.