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Buch für die Stadt: Eva Menasse geht im Buch Vienna mit der Familie durchs Jahrhundert

Eva Menasse

Eva Menasse

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dpa

Köln -

Der Roman geht los, wie ein Roman losgehen muss, der überreich ist an Stoff und Drama: „Mein Vater war eine Sturzgeburt. Er und ein Pelzmantel wurden Opfer der Bridgeleidenschaft meiner Großmutter, die, obwohl die Wehen einsetzten, unbedingt noch die Partie fertigspielen musste.“

Indem Eva Menasse gleich zu Beginn ihres Romans „Vienna“ eine Geburt mit einer Partie Bridge kombiniert, deutet sie an, welch intensives Leseerlebnis auf den folgenden über 400 Seiten zu erwarten ist: Eine Geschichte, in der es um Existenzielles und Spielerisches geht, um das Ernste und das Komische, „Vienna“, das „Buch für die Stadt“ in diesem Jahr in Köln und der Region, ist ein Kraftwerk der Erzählkunst. Jetzt liegt es als Sonderausgabe im Buchhandel vor.

Es ist ein Roman, den Eva Menasse erzählt, der freilich historische Fakten und kreative Erfindungen mit allerlei autobiografischen Elementen kombiniert. Die Zentralgestalt ist der Vater, „Sohn eines jüdischen Vertreters für Weine und Spirituosen und einer katholischen Sudetendeutschen, die aus der Kirche ausgetreten war.“ Und wen wundert’s: „Bevor er sprechen konnte, konnte er Bridge spielen.“ Später wird er ein österreichischer Fußballnationalspieler sein: „Der Ball tat alles, was mein Vater wollte.“

Bedrückend und bewegend zugleich

Wenngleich der Vater immer wieder ins – nun ja – Spiel kommt, stellt Eva Menasse doch eine Vielzahl weiterer Personen vor. Sie tut dies mit Liebe, mit Witz, mit Ironie und wenn es sehr bitter wird auch mit Sarkasmus. Denn da es sich um eine jüdische Familie aus dem 20. Jahrhundert handelt, ist der Terror des Nationalsozialismus der Geschichte notwendig eingeschrieben.

Das ist bedrückend und bewegend zugleich. Bis in die äußerste Familienverästelung hinein. Von der Mutter des Großvaters heißt es, ihr habe zur Emigration „die Kraft und das Problembewusstsein“ gefehlt: „Sie hat in Theresienstadt dann keine große Mühe mehr gemacht, denn sie überlebte die anstrengende Zugfahrt nur um zwanzig Tage.“

Es ist ein Panorama des vergangenen Jahrhunderts, von der Vorkriegszeit über die Verfolgung bis zum Wiederaufbau und dem Leben danach bis in die 80er Jahre hinein, das auf faszinierende Weise ausgebreitet wird. Dem Leser werden Personen vorgestellt, auf die er sich gerne einlässt. Neben dem besonders sympathischen Vater, der in einem Kindertransport von Wien nach England gelangt ist, spielt dessen etwas älterer Bruder, der in die britische Armee eintritt, eine prominente Rolle.

Ebenso die Katzi, die in Kanada an Tuberkulose stirbt. Oder Tante Gustl, die zwar von eher zwiespältigem Charakter ist, aber doch mit ihren Finten für Lese-Furore sorgt. Und sobald Dolly Königsbee auftritt, weiß man, was ein guter Witz ist. Dem Bankdirektor mit der vertrackten Liebe zur humanistischen Bildung ist nämlich die Gabe eigen, Redewendungen unwissentlich in einer Weise zu variieren, die direkt das Zwerchfell angreifen: Das sieht dann ein Sandplatz aus „wie die Wüste Noah“.

Ansonsten handelt es sich um eine redegewandte und spitzzüngige Familie. Diese gibt „im Zweifelsfall der Pointe immer den Vorzug vor der Geschmackssicherheit“. Die Mitglieder erzählen einander gerne Geschichten, die nicht zuletzt dazu taugen, sich über die eigene Identität zu verständigen. Dass dies nicht immer einfach ist, sondern auch mal zu dem einen oder anderen familiären Tohuwabohu führt, ist für den beobachtenden Leser vergnüglich, lehrreich, bannend. Eva Menasses Roman „Vienna“, das Buch für die Stadt 2018, ist ein starkes, buntes, wärmendes Stück Erzählstoff. Mit einem Wort: lesenswert.