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Kommentar zur Gillette-Werbung
Wann ist ein Mann ein Mann?

Chris_Hemsworth

Ist das ein richtiger Mann?

„Wann ist ein Mann ein Mann?“, steht über diesem Text, und ehrlicherweise muss dazu gleich gesagt werden: Die Frage ist völliger Unsinn. Dennoch scheint sie vielen auf der Zunge zu liegen, die in den vergangenen Tagen die neue Gillette-Werbung gesehen haben. Statt für glattrasierte, gemeißelte Herren-Unterkiefer wirbt der Rasierer-Hersteller „Proctor & Gamble“ darin für ein scheinbar neues Männerbild.

Schluss mit Männern, die sich über die Erniedrigung anderer definieren, die immer Stärke zeigen wollen, die Frauen zu Lustobjekten oder Deko-Elementen degradieren. Schluss auch mit Männern, die zwar all das nicht tun, aber sich gleichzeitig auch aus der Verantwortung nehmen. Ein richtiger Mann, so lautet die Botschaft, erkennt seine Privilegien und Pflichten, und arbeitet aktiv an einer Gesellschaft mit, die auf Respekt und Mitgefühl basiert.

„Ich will kein Weichei“

So weit so unspektakulär, müsste man meinen, wären da nicht die Tausenden Menschen, die sich über genau diese Botschaft echauffieren. „Feministischer Müll“, „Sexismus gegen Männer“, „Liberale Gehirnwäsche“, „Krieg gegen Männer“, „toxische Feminität“: Im Netz überschlagen sich die Kommentare persönlich betroffener Männer. Aber auch Frauen stimmen mit ein: „Ich will kein Weichei“ und „Erzählt meinem Sohn nicht, wie er zu sein hat“, heißt es zum Beispiel.

Viele Kommentatoren scheinen sich durch den Werbeclip persönlich angegriffen zu fühlen. Gillette schere „alle Männer über einen Kamm“ und erwecke „den Eindruck, alle Männer seien Arschlöcher“.

Bart, Grill und Power-Points

Wann ist ein Mann denn nun ein Mann? Wenn er Bart trägt, einen Grill anschmeißen und mit möglichst viel Gravitas seine Power-Point-Präsentationen vorstellen kann? Natürlich nicht. Dann vielleicht, wenn er auch mal Schwäche zeigt, andere Männer in die Verantwortung nimmt und Frauen rücksichtsvoll begegnet? Überraschung: Auch nicht.

Wann ein Mann ein Mann ist, hat niemand von außen zu definieren. Aber das ist auch gar nicht die Frage. Die tatsächliche Frage ist: Was macht einen guten Menschen aus? Und die Antwort darauf hat herzlich wenig mit Bartlänge und Power-Point-Präsentationen zu tun, sehr wohl aber mit der Fähigkeit, sich selbst, sein Verhalten und seine Rolle in der Gesellschaft zu hinterfragen.

Wer sich durch eine Werbung, die strukturelle Probleme aufzeigt und Menschlichkeit, Respekt und Verantwortung propagiert, bevormundet oder gar in seiner Männlichkeit oder der seiner Mitmenschen angegriffen fühlt; wer Sexismus und toxisches Verhalten nicht als reale Probleme anerkennt, der kann durchaus immer noch ein Mann sein. Er ist aber eben auch kein besonders guter Mensch, ganz unabhängig vom Geschlecht – und somit genau Teil des Problems, gegen das sich die Gillette-Werbung richtet.

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