Unwetter: NRW-Kommunen wehren sich gegen Starkregen-Risikokarten

Hochwasser NRW

Von Hochwasser überspültes Fußgängerschild

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dpa

Essen -

Im Juni 2016 näherte sich der Gemeinde Wachtberg südlich von Bonn eine Gewitterzelle. Sie zog von Westen heran und war nicht sehr groß. Doch sie hatte für die Ansammlung der Dörfer in der rheinischen Hügellandschaft, eine verheerende Wirkung.

Die dunklen Wolken platzten. In eineinhalb Stunden gingen 100 Liter Regen pro Quadratmeter nieder. Der Mehlemer Bach, in der Regel 20 Zentimeter tief, schwoll auf einen Wasserstand von 1,60 Meter an. 90 Minuten Starkregen verwandelten das „Drachenfelser Ländchen“, Straßen, Gärten, Garagen und Keller in Wasserwüsten. Er zerlegte Brücken, die zentrale Straßenverbindung war über Wochen nicht mehr befahrbar. Wachtberg war zum dritten Mal in sechs Jahren derart verwüstet.

Starkregen-Ereignisse, so der Fachbegriff, werden als Folge des Klimawandels häufiger. Sie treffen auch große Metropolen und viele Städte arbeiten gerade an einer neuen Art von Stadtplan: die Karten teilen die Städte bis aufs Haus genau in Risikozonen ein.

Hier geht es zur Starkregen-Gefahrenkarte

Bei tiefblau droht Totalschaden

Erkenntnisse aus Meteorologie, Statistik, Topografie und Baukunde fließen in die Herstellung ein, die Lage von Grünflächen, Gefälle und Kanälen spielen eine Rolle. „Die Karten erfordern hohe Auflösung, also einen großen Maßstab. Sie zeigen überflutungsgefährdete und besonders verwundungssensible Bereiche“, sagt Peter Schütz vom nordrhein-westfälischen Umweltministerium in Düsseldorf.

Gefahrkarte Köln

Starkregengefahrenkarte für die Stadt Köln.

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hw-karten.de

Am Ende ist die apokalyptisch anmutende Situationsbeschreibung in den speziellen Stadtplänen – wie zum Beispiel in Wuppertal vorgesehen - durch unterschiedliche Blautöne erkennbar. Hellblaue Bereiche stehen für „knöcheltiefe“ Überschwemmung, eine mittlere Färbung für „hüfthohen“ Wasserstand. Bei tiefblau droht Totalschaden. Interessierte können sich das auf den Webseiten von Köln und Unna ansehen.

Die Sprengkraft solcher Informationen liegt auf der Hand. Es geht um viel Geld.

Marktwert der Lagen könnte beeinflusst werden

Das Institut für Unterirdische Infrastruktur (IKT), ansässig im Norden Gelsenkirchens, entwickelt Vorsorgemaßnahmen für Starkregenereignisse. „Heiß“ sei es zugegangen, sagt IKT-Projektentwickler Thomas Brüggemann, als Gemeindevertreter in Gelsenkirchen jüngst über die Frage stritten, ob diese Karten nach der Fertigstellung im Internet überhaupt als Ganzes veröffentlicht werden sollten.

Die Gegner einer Veröffentlichung fürchten um den Marktwert der Lagen ihrer begehrten Stadtkerne und ihrer beliebten Vororte. „Gebäude und Grundstücke in den ausgewiesenen Risikozonen könnten an Wert verlieren“, referiert Brüggemann die Einwände der Skeptiker. Überdies fürchteten sie Unklarheiten beim Daten- und Persönlichkeitsschutz, wenn Überflutungsgefahren „grundstücksscharf“ in offen zugänglichem Kartenmaterial erkennbar würden.

Die Befürworter einer Veröffentlichung hingegen betonen die Chance, dass einmal durch die Karte gewarnte Bürger selbst für mehr Schutz ihres Eigentums vorsorgen können. Quasi als Auftrag, sich zu verschanzen: Schotten dicht! Stärkere Garagentore, bessere Fensterdichtung, die Höherlegung von Grundstücken gehören dazu. Auch schütze rechtzeitige Transparenz die Kommune vor Schadenersatzforderungen.

Starkregen als Rechtslücke

Der Streit hat auch einen juristischen Grund: Es gibt eine Rechtslücke. Die Veröffentlichung von konkreten Hochwassergefahren in der Nähe von Gewässern und auch der dazugehörigen Karten ist im Gesetz schon lange vorgeschrieben. Doch Starkregen ist nicht berücksichtigt. Die Folge laut Brüggemann: “Es werden teils unterschiedliche rechtliche Positionen vertreten”:

Starkregen ist gefährlicher als Überschwemmungen durch Flüsse, die über das Ufer treten. „Keine tagelange Vorwarnung. Keine nahende Scheitelwelle. Die Flut kommt von oben, dann geht es rasend schnell. Kein Deich, kein Schutz, weil niemand damit rechnet“. So beschreibt der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) das neue Wetterphänomen in seinem letzten Großschadens-Report.

2016 starben bei diesen Unwettern elf Menschen. Werte in Höhe von 1,2 Milliarden Euro wurden vernichtet.

NRW-Regierung pro Veröffentlichung

Der Streit um die Veröffentlichung der Karten spaltet nicht nur Kommunen, sondern sogar die Bundesländer, bestätigt Andreas Becker. Er ist Leiter der Niederschlagsüberwachung beim Deutschen Wetterdienst. Seine Behörde entwickelt und plant den großen Wurf: eine Risikokarte für das ganze Bundesgebiet mit den „Hot Spots“ der Gefährdung durch Starkregen. Dann wird klar, wo Deutschland durch den Klimawandel besonders verwundbar ist. In zwei oder drei Jahren soll sie vorliegen. „Einige Bundesländer haben Bedenken bekommen“, sagt er. Nicht nur die Furcht vor steigenden Grundstückpreisen steckt dahinter. Es könne auch die Annahme sein, dass Elementarschaden-Versicherungen in Gefahrengebieten die Prämien erhöhten.

Klartext redet dazu das Umweltministerium in Nordrhein-Westfalen. Es macht auf Anfrage deutlich: „Aus der Sicht unseres Hauses ergibt sich grundsätzlich die Veröffentlichung der Informationen, damit alles getan werden kann, um solche Gefährdungen zu vermindern und die daraus resultierenden Schäden zu verhindern“. Es gehe schließlich um Menschenleben.

Dabei sind die warnenden Kartenwerke nur der erste Schritt, um den Folgen einer Überflutung Herr zu werden. Der zweite ist der eigentlich wichtigere. Was kann man tun, um es aufgrund der Erkenntnisse durch die Karten gar nicht zu Schäden kommen zu lassen?

Ein größeres Kanalnetz hilft im Notfall nur sehr wenig und nützt im Alltag nichts. Experten drängen daher auf andere Mittel: In den von Überflutung bedrohten Stadtteilen soll das Orts- und Straßenbild „wasserdicht“ verändert werden. Der Meteorologe Guido Halbig von der Niederlassung Essen des Deutschen Wetterdienstes DWD sagt, man brauche eben nicht nur die warnenden Karten. Sondern am Ende die „Schwamm-Stadt“, deren freie Flächen die Fluten aufsaugen.

Der Autor ist Journalist des Recherchezentrums CORRECTIV. Die Redaktion, mit der unsere Zeitung kooperiert, finanziert sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Wenn Sie CORRECTIV unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter correctiv.org.