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Spieltheoretiker über Ukraine-Krieg
„Putins Vorteil ist seine Unberechenbarkeit“

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Wladimir Putin 

  • Nachdem Russland einen Angriffskrieg auf die Ukraine gestartet hat, stellen sich viele Menschen die Frage, was der russische Präsident Wladimir Putin eigentlich genau im Schilde führt.
  • Die Spieltheorie ist einer der Wege, sich der Frage zu nähern.
  • Wir haben mit dem Kölner Spieltheoretiker Axel Ockenfels, Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität zu Köln, über Spieltheorie, ihre Methoden und Putins mögliche Strategie gesprochen.
  • Dem Wissenschaftler bereitet vor allem eine Beobachtung Sorgen.

Herr Ockenfels, was ist die Spieltheorie? Axel Ockenfels: Die Spieltheorie entwickelt mathematische Modelle von Konflikt und Kooperation: Was passiert, wenn Menschen mit konkurrierenden Zielen aufeinandertreffen? Wie sehen kluge Strategien aus? Wie kann ein möglichst gutes Ergebnis erzielt werden?

Wie wird im Zusammenhang mit der Spieltheorie gearbeitet, welche Methoden gibt es, und wie werden Erkenntnisse erlangt?

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Der Schlüssel zur erfolgreichen Strategie ist eine gute Vorhersage über die Pläne und Reaktionen der anderen Parteien. Das ist beim Schach nicht anders als bei der Kindererziehung, im Verkehr, in Verhandlungen, Märkten und im Krieg. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu Vorhersagen zu kommen. Die künstliche Intelligenz in der Informatik liefert Prognosen durch Mustererkennung in großen Datensätzen.

Axel Ockenfels

Axel Ockenfels ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität zu Köln und dort Sprecher des interdisziplinären Zentrums für Verhaltensforschung C-SEB.

Wenn keine oder nur wenige Daten vorhanden sind, aus denen man etwas lernen könnte, hilft die Spieltheorie weiter. Deren Vorhersage basiert nämlich nicht auf Daten, sondern auf der Annahme, dass alle Parteien bestmöglich ihre Ziele verfolgen, und auf mathematischer Logik. Schließlich verfeinert die Verhaltenswissenschaft die Prognose, indem sie psychologische Aspekte der Entscheidungsfindung beiträgt. So entschlüsselt das Zusammenspiel von Spieltheorie, künstlicher Intelligenz und Verhaltensforschung menschliches Verhalten.

Kann Ihre Forschung auch helfen, Verhalten zu verändern?

Ja. Wer prognostizieren kann, wie sich Menschen unter bestimmten Bedingungen verhalten, kann auch prognostizieren, wie diese Bedingungen geändert werden müssten, um bestimmte Verhaltensänderungen zu erreichen. Dieser Ansatz ist in den letzten Jahren einflussreicher geworden, denn zum einen sind die Prognosen immer besser geworden und zum anderen erfordern wichtige Herausforderungen Verhaltensänderungen, wie zum Beispiel Klimawandel, Verkehrskollaps, Pandemie und kriegerische Konflikte.

Welche Anreize und Strategien können geändert werden, wenn man gesellschaftliche Fehlentwicklungen eindämmen möchte? Aber Achtung: Dieselben Methoden können prinzipiell auch eingesetzt werden, um Verhalten und Überzeugungen in unakzeptabler Weise zu manipulieren. Deswegen ist es wichtig, dass wir verstehen, wie die Mechanismen funktionieren, dass sie transparent sind und dass wir ihren Einsatz in manchen Bereichen regulieren.

Lassen sich die Erkenntnisse der Spieltheorie auch auf den aktuellen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine übertragen?

Ja. Mit Krieg und Frieden hat sich Spieltheorie schon in ihrer Anfangszeit beschäftigt, besonders während des kalten Krieges. Sie kann die unverzichtbare politische und geschichtliche Expertise durch eine logikbasierte strategische Perspektive bereichern.

Was will Putin?

Darüber wird viel spekuliert. Aber so viel scheint sicher: Putin hat wenig Interesse, in Rente zu gehen. Er möchte an der Macht bleiben. Warum aber sollten die Russen einen Mann wie Putin unterstützen, solange alles ruhig und friedlich ist?

Die Aussicht auf Wohlstand ist jedenfalls kein Argument, denn Russland hat unter Putin den Anschluss an die internationale Wirtschaftsentwicklung verloren. Außerdem wird Putin sich vielleicht daran erinnert haben, dass nach der Annexion der Krim seine Zustimmungswerte in Russland Rekordwerte erreichten.

Aber ist die Kriegsstrategie Putins nicht irrational?

Der Westen und Russland versuchen mit allen Mitteln, die jeweils andere Seite davon zu überzeugen, dass der Preis eines Konflikts sehr hoch sein wird. Das ist aber nicht so einfach, weil Strafaktionen kostspielig sind. Man denke nur an die Diskussionen um einen Importstopp von fossilen Energien aus Russland. Putin besitzt jedoch einen Vorteil: Er kann seine Position dadurch stärken, dass er irrational erscheint. Dies ist kein gangbarer Weg für die USA und Europa. Durch die – gespielte oder tatsächliche – Unberechenbarkeit werden selbst nukleare und drastische ökonomische Attacken für möglich gehalten. Wer als unberechenbar gilt, kann sich paradoxerweise Vorteile verschaffen.

Wie beurteilen Sie das Verhalten der EU und der Nato?

Putin dürfte in dem Maße risikofreudiger und gefährlicher werden, in dem er seinen Krieg zu verlieren droht. Der Westen muss daher eine Balance finden zwischen massiven Sanktionen und der Gefahr, weiter an der tödlichen Eskalationsspirale zu drehen. Die Spieltheorie kann jedoch selbst bei rationalem Verhalten aller Beteiligten nicht ausschließen, dass solche Konfrontationen außer Kontrolle geraten, denn wer mit dem Feuer spielt, kann glaubwürdiger Druck ausüben. Der Beschuss von Atomkraftwerken in der Ukraine ist ein solches Beispiel. Deshalb ist es meines Erachtens wichtig, dass der Westen bei allen Sanktionen und Reaktionen möglichst berechenbar bleibt, so dass der Pfad für eine mögliche Deeskalation für alle Beteiligten klar ist.

Wie geht es weiter?

Das weiß heute niemand. Auch wenn Russland den Krieg gewinnt, den Frieden kann Putin der Ukraine nicht aufzwingen. Das könnte die Kompromissbereitschaft Putins erhöhen, es könnte den Konflikt aber auch verlängern, je nachdem, was Putin mehr nützt.

Eine weitere Beobachtung gibt Anlass zur Sorge: Der Westen hat gute Gründe, sich langfristig von Russland und anderen autoritären Regimen unabhängiger zu machen. Umgekehrt werden sich die Autokraten angesichts der effektiven Sanktionen gegen Russland Gedanken machen, wie sie sich ökonomisch weniger verwundbar machen können.

Eine Welt mit weniger Kooperation, weniger Handelsbeziehungen und weniger Sanktionsmöglichkeiten wird aber kaum friedvoller sein. Und sie kann den anderen großen, globalen Herausforderungen unserer Zeit, allen voran dem Klimaschutz, weniger entgegensetzen. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird also sein, die internationalen Beziehungen auf eine neue, robuste Grundlage zu stellen. Da ist es gut zu wissen, dass die Spieltheorie nicht nur Einsichten für Konflikte liefert, sondern besonders auch für das Reparieren und Entstehen von Kooperation. 

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