Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt
Neuer Inhalt

Wenn die Frau einfach nicht schwanger wird, kann es auch am Mann liegen. 

Foto:

Getty Images/iStockphoto

Familie

Düsseldorf -

Schweigen und verdrängen. Das sei anfangs seine Strategie gewesen, sagt Tim Schneider. Wir sitzen in einem Café in einem Vorort von Düsseldorf. In einer Ecke lärmen Kinder. Kinder! „Wir hatten schon über Namen nachgedacht“, sagt Tim. „Und rumgesponnen, welche Eigenschaften sie wohl von uns übernehmen würden.“ Wie sie aussehen, wie sie spielen, reden und lachen würden. Die Kinder, die er mit Anna plante.

„Bei der Untersuchung meines Spermas wurden keine Spermien gefunden“

Der Traum von einem Leben als Familie platzte im Februar vor einem Jahr. „Ich war auf Drängen meiner Partnerin beim Urologen gewesen, um mich untersuchen zu lassen. Ein paar Tage später rief er mich in der Kanzlei an und sagte, er könne es selber nicht glauben, aber bei der Untersuchung meines Spermas seien keine Spermien gefunden worden.“ Null, nichts, gar nichts. Ein zweites Spermatogramm ein paar Wochen später kam zum gleichen Ergebnis: Azoospermie. Tim Schneider, 35 Jahre alt, 185 Meter groß, gesund und sportlich, kann auf natürlichem Wege keine Kinder zeugen.

Sieben Prozent der Männer in Deutschland sind zeugungsunfähig

Der Jurist mit dem Yuppie-Bart gehört zu den rund sieben Prozent Männern in Deutschland, die infertil, also zeugungsunfähig sind. Die Dunkelziffer, vermuten Mediziner, liegt weitaus höher. Über das Problem reden wollen nämlich die wenigsten Männer. Nicht mit den Ärzten, die sie in der Regel erst auf massiven Druck von außen aufsuchen. Nicht mit Verwandten und Bekannten, oft nicht einmal mit ihren Partnerinnen.

Auch Tim möchte seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Zu schambesetzt ist für die Mehrzahl der Betroffenen das Eingeständnis, nicht „Manns genug“ zu sein, aus eigener Kraft ein Kind zu zeugen. „Ich habe das Gefühl, nicht vollwertig zu sein“, sagt Tim. „Weil mir genau das fehlt, was ich brauche, um meinen Lebensentwurf umzusetzen.“

Der Vater hatte ähnliche Probleme, aber dann doch vier Kinder gezeugt

Die Diagnose sei – rückblickend betrachtet – nicht einmal eine Überraschung gewesen. Der Vater habe als junger Mann ähnliche Probleme gehabt. „Seine Spermienqualität war so schlecht, dass die Ärzte ihm sagten, die Wahrscheinlichkeit, ein Kind zu zeugen, sei etwa so groß wie im Lotto zu gewinnen. Meine Eltern haben daraufhin ein Kind adoptiert.“ Dennoch habe der Vater in den folgenden Jahren mit seiner ersten Frau drei Söhne und mit einer neuen Partnerin ein weiteres Kind gezeugt. Vier Lottogewinne also. „Ich habe mir daher nie groß Gedanken darüber gemacht, ob auch ich Schwierigkeiten mit meiner Zeugungsfähigkeit haben könnte. Bei meinem Vater hat es schließlich auch irgendwann geklappt.“ Heute bedauere er, sich dem Problem nicht früher gestellt zu haben. „Vielleicht wären vor ein paar Jahren noch ein paar Spermien vorhanden gewesen, die man hätte einfrieren können.“

„Unser Projekt war, gemeinsam eine Familie zu gründen“

Eigene Kinder, sagt der 35-Jährige, seien immer sein Traum gewesen. „Das war unser Projekt. Dass wir gemeinsam eine Familie gründen.“ Fast ein Jahr versuchen die drei Jahre jüngere Anna und er, ein Kind zu zeugen. Die Diplomingenieurin hat nach sieben Jahren die Pille abgesetzt und baut auf die „Temperaturmethode“, um möglichst schnell schwanger zu werden. Jeden Morgen misst sie ihre Aufwachtemperatur, um ihre fruchtbaren Tage und damit den optimalen Zeitpunkt für eine Empfängnis festzustellen. „Vorher haben wir noch eine lange Fernreise gemacht“, erzählt Tim. „Nach unserer Rückkehr sind wir die Sache dann aktiv angegangen. Wir hatten beide unser Studium abgeschlossen und gute Jobs. Wir hatten ein bisschen von der Welt gesehen. Es war einfach an der Zeit.“ 

Misstrauisch, weil der Erfolg ausblieb, sei er nicht geworden. Bis Anna nach neun Monaten der Geduldsfaden reißt. „Sie litt jeden Monat fürchterlich, wenn ihre Periode einsetzte und es wieder nicht geklappt hatte.“ An ihr, das ergibt ein gründlicher Check beim Frauenarzt, kann es nicht liegen. „Also hat sie mich gedrängt, mich ebenfalls untersuchen zu lassen. Ich hätte weiter abgewartet und gehofft, dass wir irgendwann Erfolg haben.“ 

Die Diagnose wirft das Paar aus der Bahn, Wut, Angst und Trauer kommen auf

Die Diagnose wirft das junge Paar komplett aus der Bahn. Wut, Angst und Trauer lösen sich in den nächsten Tagen ab. Tim als „Verursacher“ quälen zudem Schuldgefühle Anna gegenüber. „Plötzlich stand unser ganze Lebenskonzept, alles, was wir uns gewünscht und erträumt hatten, auf dem Spiel. Und wir fragten uns: Warum gerade wir?“

Je älter das Paar, desto geringer die Erfolgsaussichten

Nicht nur Anna und Tim stellen sich diese Frage. Das Düsseldorfer Paar teilt sein Schicksal mit rund sechs Millionen Männern und Frauen in Deutschland, die vergebens auf ein leibliches Kind hoffen. „Man spricht von einem unerfüllten Kinderwunsch, wenn ein Paar ein Jahr lang ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, ohne dass es zu einer Schwangerschaft kommt“, definiert Christian Leiber, Medienbeauftragter der Deutschen Gesellschaft für Andrologie, die Zeitspanne, ab der es problematisch wird. Dabei spiele neben vielen anderen Faktoren auch das Alter eine Rolle. „Wenn eine 25-jährige Frau und ein 30-jähriger Mann ein Jahr lang nicht verhüteten, kommt es in 85 Prozent der Fälle zu einer Schwangerschaft.“ Je älter das Paar werde, desto geringer seien die Erfolgsaussichten. 

Männer gehen heute offener mit dem Thema um

Während noch vor wenigen Jahrzehnten die Frauen unter Generalverdacht gerieten, wenn das Spermium nicht zum Ei fand, wird die Ursache heute auch bei ihren Partnern gesucht. Selbst bei den betroffenen Männern sei inzwischen die Einsicht gereift, dass es an ihnen liegen könnte, so Leibers Erfahrung. „Sie gehen heute offener mit dem Thema um als früher, aber für die meisten ist es immer noch ein gewisser Makel.“ Immerhin: In 30 Prozent aller Fälle liegt es am Mann, dass keine Schwangerschaft zustande kommt. Bei je weiteren 30 Prozent wird eine Störung bei der Frau diagnostiziert oder Mann und Frau sind gleichermaßen betroffen. Bei etwa zehn Prozent aller Paare, die sich vergeblich ein leibliches Kind wünschen, findet sich kein medizinischer Grund, warum es nicht klappt mit dem Schwanger-Werden.

Männliche Zeugungsfähigkeit steckt in der Krise

Ohnehin scheint die männliche Zeugungsfähigkeit seit einigen Jahren in der Krise zu stecken. Das legt zumindest eine 2017 veröffentlichte Studie aus Israel nahe. Betroffen sind demnach vor allem Männer aus Industrienationen wie Nordamerika, Europa, Asien und Neuseeland. Zwischen 1973 und 2011 sank bei ihnen die Zahl der Spermien pro Milliliter Sperma um mehr als die Hälfte. Wissenschaftliche Untersuchungen der männlichen Fertilität seien extrem schwierig, wiegelt Leiber ab. Der Freiburger Androloge spricht allenfalls von „Hinweisen oder Vermutungen, dass die Spermienqualität schlechter wird“. Auch das kein Grund, voreilig Alarm zu schlagen. Noch erfülle die Mehrzahl der Männer die Standardwerte, die die Weltgesundheitsorganisation vor neun Jahren für zeugungsfähige Spermien festlegt hat: mehr als 15 Millionen pro Milliliter. Mehr als 50 Prozent sollten beweglich sein, mehr als vier Prozent keine Fehlbildungen aufweisen.

Bisher knapp 4000 Euro für ein Wunschkind investiert

Für Tim beginnt im Februar 2018 eine Odyssee durch Kinderwunschkliniken und Arztpraxen, die bis heute nicht zu Ende ist. „Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen Hoffnung und tiefem Fall.“ Der 35-Jährige macht mehrerer Gentests und lässt zwei Hodenbiopsien über sich ergehen, bei denen unter Narkose Gewebeproben entnommen und auf möglicherweise vorhandene Spermien untersucht werden. „Es ist wie die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen.“ Rund 4000 Euro haben er und Ehefrau Anna inzwischen in das Projekt Wunschkind investiert. 

„Am meisten hat mich erschreckt, dass die meisten Ärzte relativ wenig über männliche Unfruchtbarkeit wissen“, sagt Tim. „Jeder hat eine andere Philosophie und einen anderen Ansatz.“ In den Kliniken, so seine Erfahrung, sei man nach wie vor auf die Behandlung der Frau fixiert, um die fit zu machen für eine künstliche Befruchtung. „Das bringt am meisten Geld.“ Eine Praxis, die die Bundesärztekammer inzwischen zu unterbinden versucht. Seit Juni 2018 gelten neue Richtlinien zur „Entnahme und Übertragung von menschlichen Keimzellen im Rahmen der assistierten Reproduktion“. Vor einer künstlichen Befruchtung müsse der Partner zunächst „fachkundig von einem entsprechend qualifizierten Arzt“ untersucht werden. Dabei sollen mögliche Ursachen für die Zeugungsunfähigkeit des Mannes abgeklärt und gegebenenfalls Alternativen zu einer Insemination, einer künstlichen Befruchtung also, gesucht werden. Sei eine Störung behandelbar, müsse sie therapiert werden.

Nicht immer klärt sich, warum aus dem Mann kein Vater wird

Doch nicht immer findet sich die Ursache für das Misslingen. In etwa 30 Prozent aller Fälle bleibt ungeklärt, warum aus einem Mann kein Vater wird, obwohl er sich nichts dringlicher wünscht als Kinder. Männliche Fruchtbarkeitsstörungen können viele Gründe haben. Zu den möglichen Problemauslösern zählen Verletzungen und Varikozele, Krampfadern am Hoden, vorangegangene Leistenbruchoperationen, Chemo-Therapien, genetische Störungen und Infektionen der Samenwege. Auch exzessives Rauchen, Stress, Drogen- und Anabolikamissbrauch sowie starkes Übergewicht können die männliche Zeugungsfähigkeit gegen Null fahren. 

„Hot Jobs“ schaden der Manneskraft

Die Bonner Heilpraktikerin Christiane Falkus sieht noch andere Risikofaktoren: „Hot Jobs“ wie die Arbeit in einer Backstube, bei der vor allem der Unterkörper des Mannes großer Hitze ausgesetzt ist, Strahlungen durch Handys und Laptops, Antiandrogene in Kosmetika, Haarspray und Seife, die die Wirkung männlicher Sexualhormone hemmen. Sie rät den Betroffenen, ihre Lebensweise zu überdenken. Wenig Stress, gesunde Ernährung, viel Bewegung. Finger weg von den Zigaretten und keine Handys in der Hosentasche. All das könne helfen, die Zeugungsfähigkeit der Männer zu verbessern.

Tim weiß inzwischen, dass seine Azoospermie höchstwahrscheinlich angeboren ist. Und dass eine Ernährungsumstellung ihm nicht helfen wird. „Für unsere Beziehung war das eine riesengroße Belastung“, erinnert er sich an die erste Zeit nach der Diagnose. Was vor allem daran gelegen habe, dass seine Partnerin und er sehr unterschiedlich mit dem Problem umgegangen seien. Während er das Thema phasenweise verdrängt und sich in den beruflichen Alltag gestürzt habe, habe sie ständig darüber reden und alle Möglichkeiten durchdiskutieren wollen. „Es war ja nicht so, dass ich mich nicht damit auseinandergesetzt hätte. Aber ich wollte einen Schritt nach dem anderen machen und mich in der Zwischenzeit möglichst wenig damit beschäftigen. Für meine Frau sah es so aus, als interessierte mich das alles überhaupt nicht.“

Eine Adoption kommt nicht infrage

Erst in einem gemeinsamen Urlaub kommt sich das Paar wieder näher. Anna drückt ihrem Partner ein Buch über männliche Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch in die Hand, das sie zuvor selber gelesen hat. Die Paar- und Familientherapeutin Petra Thorn beschreibt darin den unterschiedlichen Umgang von Männern und Frauen mit der Diagnose männliche Infertilität. „Das traf genau den Nerv.“ Endlich können Anna und Tim über ihre Gefühle und auch über ihre gemeinsame Zukunft reden.
Längst stehen andere Optionen im Raum als eine Familiengründung. „Eine Adoption, darin sind sie sich inzwischen einig, kommt nicht infrage. Also ein Samenspender. Das sei für ihn lange Zeit die beste Option gewesen, sagt Tim. Natürlich müsse man dem Kind frühzeitig erklären, dass es einen anderen biologischen Vater habe als ihn, Tim. „Ich habe mich gefragt, ob ich das möchte und was es für mich bedeuten würde, nicht der leibliche Vater zu sein. Andererseits wäre dieses Kind zu 50 Prozent von meiner Frau, und das war ja eigentlich das, was ich wollte.“

Anna kann sich inzwischen vorstellen, kinderlos zu bleiben

Dennoch entscheidet sich das Paar gegen einen Samenspender. „Wir haben angefangen, uns damit zu beschäftigen, wie wohl ein Leben ohne Kinder aussähe.“ Vor allem Anna kann sich inzwischen vorstellen, kinderlos zu bleiben und träumt von ein paar Monaten Work and Travel in Australien. Er selber tue sich wesentlich schwerer damit. „Ich habe erst vor kurzem angefangen, überhaupt darüber nachzudenken, was mir Spaß machen würde. Gitarre spielen? Viel reisen? Bisher war mein Plan, eine Familie zu gründen. Und jetzt? Man braucht schließlich einen Lebensinhalt. Damit man am Ende sagen kann, okay, ich habe das Beste aus meinem Leben gemacht.“ 

Letzte Hoffnung Hormontherapie

Inzwischen hat sich Tim auf Anraten eines Hamburger Andrologen einer Hormontherapie unterzogen. Er hat mehrere Wochen lang ein Antiöstrogen geschluckt, das normalerweise Brustkrebspatientinnen verschrieben wird und die Wirkung weiblicher Geschlechtshormone blockiert. In diesem Herbst, nach seiner zweiten Hodenbiopsie, hat er erfahren, dass sich in seinem Hoden Vorstufen von Spermien gebildet haben. Die könnten für eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion genutzt werden. Diese Form der künstlichen Befruchtung wird seit den 1980er Jahren angewendet, wenn extrem wenige Spermien vorhanden sind. Dabei wird ein einzelner Samenfaden direkt in eine reife Eizelle injiziert. Die Erfolgschancen liegen nach Aussage des behandelnden Arztes bei etwa 20 Prozent.
Ob Anna und Tim sich dafür entscheiden, ist offen. „Es ist immer noch eine Option, unseren Weg gemeinsam als Paar zu gehen und ohne Kinder glücklich zu werden.“